Interview der Woche

Pfarrer André Graf: Von Ennepetal-Rüggeberg nach Namibia

Auf André Graf wartet nach acht Jahren in Rüggeberg eine neue Herausforderung. Mit seiner Familie geht er nach Namibia, um in der Hauptstadt Windhoek als Pfarrer zu wirken. Ein Schwerpunkt wird dabei auf der Kinder- und Familienarbeit liegen.

Auf André Graf wartet nach acht Jahren in Rüggeberg eine neue Herausforderung. Mit seiner Familie geht er nach Namibia, um in der Hauptstadt Windhoek als Pfarrer zu wirken. Ein Schwerpunkt wird dabei auf der Kinder- und Familienarbeit liegen.

Foto: Hartmut Breyer / WP

Ennepetal.  Pfarrer André Graf verlässt nach acht Jahren Rüggeberg und geht mit seiner Familie nach Namibia.

Am 21. Juli wird Pfarrer André Graf zum letzten Mal den Gottesdienst in der Evangelischen Kirche Rüggeberg leiten. Am 1. September tritt er eine Auslandspfarrstelle in Namibia an. Im Gespräch erklärt der 40-Jährige, was ihn bewogen hat, mit seiner Familie für einige Jahre in das afrikanische Land zu gehen, welche Aufgaben auf ihn warten und mit welchen Gefühlen er nach acht Jahren die Gemeinde Milspe-Rüggeberg verlässt.

Herr Graf, Ihr Haus ist schon leer geräumt. Wann geht es für Sie und Ihre Familie los?

André Graf: Wahrscheinlich am 14. oder 15. August. Die Evangelische Kirche Deutschland, die mich entsendet, benötigt noch das Arbeitsvisum, das der namibische Staat ausstellt. Ich hoffe, dass das in Kürze kommt. Die Container mit unseren Möbeln und dem Hausrat sollen von Rotterdam verschifft werden und brauchen dann etwa fünf Wochen. Die dürfen aber erst auf die Reise gehen, wenn das Visum vorliegt.

Von Rüggeberg nach Windhoek sind es – Luftlinie – mehr als 8000 Kilometer. Was hat sie zu diesem großen Schritt auf einen anderen Kontinent bewogen?

Meine Frau und ich konnten uns schon immer vorstellen, eine Zeit in Afrika zu sein. Aus biografischen Gründen kamen nur Kenia und Namibia in Frage. Ich habe drei kenianische Patenkinder, meine Schwägerin ist Kenianerin. Und meine Frau, die Lehrerin ist, hat einige Monate in Namibia gelebt und unterrichtet. Nach Namibia ist der Sprung aufgrund der dortigen deutschsprachigen Minderheit auch weniger groß.

Wie ergab sich die konkrete Gelegenheit?

Es gibt in Namibia drei Auslandspfarrstellen der Evangelischen Kirche Deutschlands. Im Frühjahr 2018 ist eine davon ausgeschrieben worden, eine Stelle in der Hauptstadt Windhoek mit einem Schwerpunkt auf Kinder- und Familienarbeit. Ich bin auf die Ausschreibung aufmerksam geworden und habe ein kurzes Gespräch mit dem Amtsinhaber geführt. Da wurde schnell deutlich, dass das gut passen könnte.

Wie stand Ihre Familie dazu?

Wir haben lange damit gerungen, meine Frau und ich, ob wir das wirklich machen wollen. Wir hatten aber den Eindruck, dass da sehr vieles passt. Und wenn nicht jetzt, wann dann? Unsere Söhne sind neun und fast sieben Jahre alt. Wenn wir – wie geplant – nach der Mindestzeit von sechs Jahren zurückkehren, können sie hier noch mit genug Vorlauf ihr Abitur machen oder auch eine Ausbildung beginnen. Wir haben uns außerdem schlau gemacht, wie die Sicherheitslage in Namibia ist. Die ist deutlich besser als in den allermeisten afrikanischen Ländern.

Also haben Sie sich beworben...

Ja, aber mit sehr vielen anderen, es waren insgesamt 23 Bewerber. Es war die am stärksten nachgefragte Auslandspfarrstelle. Meine Familie und ich haben intensiv gebetet und dann klar gesagt: Wenn Gott das für uns vorgesehen hat, möge er bitte alles aus dem Weg räumen. Sonst wären wir sehr gerne geblieben, wo wir sind. Wir fühlen uns ja in Rüggeberg und in der Gemeinde sehr wohl.

Wie lief das Bewerbungsverfahren?

Es gab eine Vorsichtung und Gespräche. Dann wurden einige Kandidaten der Gemeinde in Windhoek vorgeschlagen. Zwei, dazu zählte ich, lud die Gemeinde schließlich ein, sich vorzustellen und einen Gottesdienst zu halten. Danach, das war am letzten Februarwochenende, fiel die Entscheidung. Die ganze Gemeinde durfte wählen, nicht wie hier nur das Presbyterium. 330 haben sich beteiligt. Es war schön für uns, dass die Wahl eindeutig auf mich fiel. Die Menschen vor Ort freuen sich, dass wir kommen.

Was werden Sie in Windhoek für Aufgaben übernehmen?

Es wird wie hier eine bunte Gemeindearbeit sein, mit dem Schwerpunkt Kinder- und Familienarbeit. Außerdem werde ich mit dem Bischof zusammen Aufgaben wahrnehmen, unter anderem auch im Hinblick auf den diplomatischen Kontakt zwischen Deutschland und Namibia. Einer meiner ersten Termine in Windhoek wird ein Treffen mit dem deutschen Botschafter sein – der ist dann übrigens ebenfalls neu und tritt Anfang September seinen Dienst an.

Inwiefern werden sie diplomatisch gefragt sein?

Deutschland arbeitet zur Zeit die Kolonialgeschichte mit Namibia auf, das ja bis zum Ende des Ersten Weltkriegs als Deutsch-Südwestafrika eine deutsche Kolonie war. Unter anderem wird überprüft, ob sich noch geraubte Kolonialgüter aus Namibia in Deutschland befinden. Und es befinden sich noch sterbliche Überreste von Namibianern aus der Kaiserzeit in der Berliner Charité. Wenn die überführt werden, wird die Beisetzung immer mit einem Gottesdienst verbunden, an dem ein eigener und ein deutschsprachiger Pfarrer mitwirken. Namibia ist sehr christlich geprägt, 92 Prozent der Bevölkerung sind evangelisch.

Ihre Frau ist Lehrerin. Wird sie in Windhoek auch arbeiten?

Sie würde gerne, aber zunächst ist sie nur als begleitende Ehepartnerin eingestuft. Erst nach drei Monaten kann sie eine Arbeitsgenehmigung beantragen. Es ist nicht leicht, die zu bekommen. Weil dort aber deutschsprachige Schulen deutschsprachige Lehrer suchen, könnte das klappen.

Worauf freuen Sie sich besonders?

Eine der Aufgaben werden Farmgottesdienste sein, die einmal im Monat stattfinden. Darauf freue ich mich sehr. In der Stadt sind die Gottesdienste ähnlich wie hier, aber auf dem Land kann es sein, dass es um 15.30 Uhr los geht und erst um 20 oder auch mal um 23 Uhr zu Ende ist. Es wird gemeinsam gegessen, zwischen den Gängen gibt es Gesangs- und Gebetszeiten. Überhaupt finde ich die Mischung von deutscher Tradition mit afrikanischen Frömmigkeitseinflüssen spannend. Und wir waren als Familie zehn Tage dort, haben die Stadt angeguckt und waren auch zwei Tage im Land unterwegs. Die Landschaft ist wunderschön, nicht umsonst ist in den vergangenen 20 Jahren der Tourismus zu einem wichtigen Wirtschaftszweig geworden.

Ihre Söhne werden eine deutsche Schule besuchen?

Ja, die deutsche Auslandsschule in Windhoek. Das war auch einer der Gründe, warum in Namibia nur Windhoek für uns in Frage kam. Dort wird nach baden-württembergischem Lehrplan unterrichtet.

Vor dem Aufbruch steht der Abschied. Am Sonntag leiten Sie letztmals den Gottesdienst in Rüggeberg. Mit welchen Gefühlen gehen Sie dort hinein?

Ich erlebe die ganzen letzten Wochen und Monate Abschiedsschmerz und Wehmut. Ich bin ja schon am 30. Juni offiziell verabschiedet worden und habe am 6. Juli meinen letzten Gottesdienst in Milspe gehalten. Aber morgen in Rüggeberg ist es nun wirklich der letzte, das wird nochmal intensiver. Ich habe viel Zuspruch und Dank erhalten, das zeigt, dass es hier gut war. Das erfüllt mich mit großer Dankbarkeit. Natürlich fällt es uns schwer, zu gehen, weil wir uns hier die ganze Zeit wohlgefühlt haben und immer mittendrin dabei waren.

Wie fällt Ihre Bilanz nach acht Jahren in der Gemeinde Milspe-Rüggeberg und vor allem als Pfarrer für Rüggeberg aus? Ihre beiden Vorgänger sind jeweils nur vier Jahre geblieben, die Gemeinde gilt – schon aus ihrer Geschichte heraus – als recht eigen. Und die Fusion mit Milspe, die ein Jahr vor Ihrem Amtsantritt vollzogen wurde, stieß nicht auf die größte Gegenliebe.

Ich finde, dass die Verbindung mit Milspe den Umständen entsprechend gut funktioniert. Die Schlüssel sind Kommunikation und Kompromissbereitschaft. Ich habe hier immer die Bereitschaft erlebt, ins Gespräch zu kommen und auch Positionen zu überdenken. Und der dritte Schlüssel ist Zeit nehmen und Zeit lassen. Wir haben uns hier miteinander sehr wohlgefühlt. Alle kann man nie mitnehmen, aber fast alle – das ist ganz gut gelungen.

Was wird Ihnen besonders fehlen?

Ich bin theoretisch schon Pfarrer im Ehrenamt. Aber den Bauspielplatz wollte ich – genauso wie meine Kinder – total gerne zum Abschluss noch mitmachen. Das sind jedesmal sehr intensive und lebendige zehn Tage. Ich habe mich immer darauf gefreut, ein Teil davon sein zu dürfen und den Kinderbibelwochen-Teil in der Mittagszeit gestalten zu können. Das werde ich sicher sehr vermissen. Und natürlich die Menschen. Es sind so viele Beziehungen gewachsen in den acht Jahren. An den einen oder anderen werde ich bestimmt so manches Mal denken.

Sie planen nach sechs Jahren, der Mindestzeit für Ihre Stelle, zurückzukehren. Haben Sie schon eine Vorstellung, was danach kommt?

Ich bin immer unglaublich gerne Gemeindepfarrer gewesen und werde das auch in Namibia sein. Die Evangelische Kirche von Westfalen beurlaubt mich für die Zeit im Ausland, die Idee ist, als Gemeindepfarrer zurückzukehren, das ist so besprochen. Mal sehen, wo dann eine Stelle frei ist.

Ist denkbar, dass Sie in die Gemeinde Milspe-Rüggeberg zurückkehren, wenn es die Gelegenheit gibt?

Ausschließen würde ich das sicher nicht.

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