Natur

Schwelmer Umweltschützer stellen sich neu auf

„Wer Naturschutz betreibt, muss Dickbrettbohrer sein und viele Rückschläge hinnehmen können“: Michael Treimer, stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Umweltschutz Schwelm, vor dem Insektenhotel auf dem Biotop-Gelände Am Tannenbaum..

„Wer Naturschutz betreibt, muss Dickbrettbohrer sein und viele Rückschläge hinnehmen können“: Michael Treimer, stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Umweltschutz Schwelm, vor dem Insektenhotel auf dem Biotop-Gelände Am Tannenbaum..

Foto: Andreas Gruber

Schwelm.   Die Arbeitsgemeinschaft Umweltschutz Schwelm bereitet gerade ihr Erbe vor. Wie steht es um den Erblasser? Ein Gespräch mit Michael Treimer.

Aktiv werden für den Umweltschutz und Landschaftserhalt vor Ort: Das sind die Ziele der 1981 gegründeten Arbeitsgemeinschaft Umweltschutz Schwelm. Wir haben mit dem stellvertretenden Vorsitzenden Michael Treimer über Erfolge und Rückschläge, über neue Herausforderungen und den Generationenwechsel gesprochen.

Die Arbeitsgemeinschaft Umweltschutz Schwelm bereitet gerade ihr Erbe vor. Wie steht es denn um den Erblasser momentan?

Michael Treimer: Es steht richtig gut um die AGU. Unsere Veranstaltungen wie die Kräuterwanderungen oder die Baumschnittseminare werden toll besucht. Wir haben viele Preise gewonnen, im vergangenen Jahr den Umweltschutzpreis von der Bezirksregierung verliehen bekommen. Inzwischen haben wir auch wieder ein paar jüngere Mitglieder in unseren Reihen. Tim Stark zum Beispiel, unseren neuen Vorsitzenden.

Aber?

Leider ist es so, dass die Älteren wie ich nicht mehr so können und die Jüngeren in ihren Berufen so eingespannt sind, dass wir unsere Umweltarbeit nicht mehr so leisten können, wie es nötig ist. Daher werden wir uns jetzt ein wenig neu aufstellen und beispielsweise unser Gelände Am Tannenbaum in andere Hände übergeben. Das wird in Kürze geschehen und dann sagen wir auch, an wen.

Können Sie sich noch an die Gründungstage der AGU erinnern?

Michael Treimer
Michael Treimer

Ja, das war 1981 und ich war Lehrer an der Hauptschule Ost. Schüler von mir und Schüler von der Realschule gegenüber kamen auf mich zu und berichteten von totgefahrenen Kröten oben auf der Beyenburger Straße. Sie wollten unbedingt dagegen etwas tun. Zusammen organisierten wir die Aktion zur Krötenrettung. Das war die Initialzündung. Es hatte allen soviel Spaß gemacht, dass wir weiter was für den Umweltschutz tun wollten und uns organisierten. Zur Auftaktveranstaltung im Veranstaltungsraum der Sparkasse kamen damals um die 70 Personen. 50 blieben und sind zum Teil heute noch aktiv.

Wie ging es weiter?

Eigentlich wollten wir keine festen Strukturen und nur eine Arbeitsgemeinschaft bleiben. Es stellte sich aber schnell heraus, dass man als eingetragener Verein Behörden gegenüber anders auftreten kann. Im Herbst 1981 ließen wir uns ins Vereinsregister eintragen. Heute sind wir im Landschaftsbeirat vertreten und Mitglied in der Landesgemeinschaft Naturschutz und Umwelt Nordrhein-Westfalen. So sind wir berechtigt, Stellungnahmen abzugeben, wenn was Größeres geplant oder gebaut wird.

Wie waren denn die Reaktionen
damals?

Für viele war ich damals der verspinnerte blaue Blümchen-Sucher. Aber wir konnten immer wieder Erfolge vermelden. Beispielsweise Mitte der 80er Jahre mit der Aktion „Salzkrank“. Viele Bäume auch in Schwelm starben damals durch den falschen Gebrauch von Streusalz. Wir hatten Papier-Banderolen mit Totenkreuzen darauf um die Stämme gewickelt und so zum Umdenken beigetragen. Die Linden am oberen Neumarkt beispielsweise konnten so gerettet werden. Die am unteren Neumarkt leider nicht. Sie erholten sich nicht mehr und wurden durch Platanen ersetzt. Aber unsere Aktion hatte Wirkung gezeigt.

Der größte Erfolg?

1989 war für uns ein ganz wichtiges Jahr. Wilhelm Erfurt war von unserer Arbeit angetan und überließ uns sein Gelände oben Am Tannenbaum. Das war karges Ackerland. Bis zum Winter 1992 hatten wir rund 10.000 einheimische Pflanzen in den Boden gebracht. Das haben wir zusammen mit den Schulen gemacht. Die Verzahnung mit der Bevölkerung ist der AGU bis heute wichtig. Der langfristige Erfolg war dabei jedoch viel wichtiger. Als richtig erwies sich beispielsweise unser Konzept, den Boden auszumagern. Wir wollten keinerlei Düngung und haben das gesamte Mähgut von den Wiesen immer abgefahren. Es dauerte so zehn bis zwölf Jahre, dann blühte die Artenvielfalt wieder auf. Am Tannenbaum können wir heute eine ganze Reihe von Vögeln, Faltern und Insekten beobachten, die es in Schwelm lange nicht gab.

Gab es auch Rückschläge in all den Jahren?

Klar gab es die. Wer Naturschutz betreibt, muss Dickbrettbohrer sein und viele Rückschläge hinnehmen können. Nehmen sie nur die Pläne für die B483n. Wir haben von Beginn an gegen dieses unsinnige Straßenbauvorhaben gekämpft. Das ist zwar kein Rückschlag, weil die Straße nicht gebaut wurde. Aber die Pläne dafür liegen immer noch in den Schubladen und sind Teil des neuen Regionalplanes.

Wie bewerten Sie die aktuelle
Situation in Schwelm?

Unser Augenmerk liegt momentan auf dem Erhalt der Siepen und der Wälder auf der nördlichen und südlichen Schwelmer Höhe. Die sind wichtig für die Frischluft in der Stadt und als Wasserspeicher. Ein aktuelles Thema ist auch das Innenstadt-Entwicklungskonzept. Für uns ist wichtig, dass die Grünflächen in der Stadt und die wichtigen Freiluftschneisen erhalten bleiben. Bei den Neubauten im Park an der Döinghauser Straße ist uns das nicht gelungen. Die liegen jetzt wie ein Querriegel in der Frischluftschneise. Eine Bebauung des Sportplatzes Wilhelmshöhe, wo das auch der Fall wäre, konnten wir bisher verhindern.

Was hat sich geändert?

Naturschutzarbeit hat sich im Laufe der Jahrzehnte völlig verändert. Was wir früher ehrenamtlich hinbekommen haben, funktioniert heute so nicht mehr. Einerseits, weil die Menschen vielmehr durch ihren Beruf eingespannt sind. Andererseits, weil Umweltschutz mehr und mehr Sache von Profis wird, die sich gegenüber Planern und Lobbyisten behaupten müssen. Als wir 1981 anfingen, gab es überall viele kleine Umweltgruppen. Die meisten sind längst wieder weg. Uns gibt es noch, weil wir uns weiterentwickelt haben. Das werden wir auch in Zukunft tun.

Wo sehen Sie sich und die AGU in zehn Jahren?

Unser neuer Vorsitzender Tim Stark ist ein ganz aktiver Mann. Ich bin mir sicher, dass er seine eigenen Fußspuren bei der AGU hinterlassen wird. Ob und welche neuen, anderen Schwerpunkte er setzen wird, das soll er ganz allein entscheiden.

Ich selbst bin jetzt stellvertretender Vorsitzender und mache das gerne weiter, solange es die Gesundheit zulässt. Das gilt auch für die Organisation der Kräuterwanderungen, für den Bürokram und für die Zusammenarbeit mit den Schulen.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben