Kultur

Stadtspaziergang mit literarischen Texten in Schwelm

Judith Kuckart mit ihrem Erzähltheater zum Thema Heimat „Da, wo ich herkomme, sind die Menschen freundlich“ macht Station bei Saraswati Albano-Müller an der Hauptstraße.

Judith Kuckart mit ihrem Erzähltheater zum Thema Heimat „Da, wo ich herkomme, sind die Menschen freundlich“ macht Station bei Saraswati Albano-Müller an der Hauptstraße.

Foto: Heike Büchsenschütz

Schwelm.  Um die Heimat dreht sich alles beim Erzähltheater der Autorin Judith Kuckart. Ein spannendes Kulturformat mit Startpunkt in Schwelmer Oberstadt.

Vor dem Haus an der Kölner Straße, das schon lange keine Fleischerei mehr ist, kamen immer mehr Menschen zusammen. Was war da los? Evalena Greif vom städtischen Fachbereich Schule, Kultur, Sport klärte auf: „Von hier startet gleich die Generalprobe von Judith Kuckart ,Da, wo ich herkomme, sind die Menschen freundlich’.“ Die Generalprobe ausverkauft, für die Veranstaltungen am Sonntag (12, 16 und 20 Uhr) gab’s noch Karten. Eine bemerkenswerte Veranstaltung, finanziert durch Fördergelder, Sponsoren, Spenden und den Eintrittsentgelten. Die LWL-Kulturstiftung Schwelm unterstütze mit 7500 Euro. Die Stadtsparkasse Schwelm, die Schwelmer und Soziale und der Förderverein Stadtbücherei waren als Sponsoren mit im Boot.

Eine großzügige Spende kam vom Ehepaar Hedi und Bodo Müller (beide 73), die sich die Generalprobe auf keinen Fall entgehen lassen wollten. Sie wollten sicherstellen, dass das Projekt stattfindet: „Wir sind kulturbegeistert und Schwelm liegt uns am Herzen“, sagt er. Seine Frau ergänzte: „Wir sind seit 30 Jahren Schwelmer – eigentlich sind wir Grenzgänger aus dem Rheinland. Aber wir fühlen uns sehr wohl hier.“ So kam es zu dem Angebot an Greif „wenn noch etwas fehlt, rufen Sie mich an“.

Die gebürtige Schwelmer Schriftstellerin Judith Kuckart eröffnete die Generalprobe und der Schwarz-Clown (Matthias Romir) übernahm gleich die Führung. Beim späteren Abschminken erzählte dieser: „Die Schwelmer waren klasse – sie haben jeden Mist mitgemacht.“ Und die Schwelmer schwärmten in den Gesprächen: „Der Clown war super – er hat mit seiner Kunst die Texte super aufgelockert.“ Es war genau die richtige Mischung, die anspruchsvollen Texte, die zum Nachdenken anregten, und die Leichtigkeit der Clownerie und Musik. Der Clown und die Akkordeon-Spielerin Annalisa Derossi führten die Besucher von Station zu Station bis hin zum Rathaus, dessen Tür von Bürgermeisterin Gabriele Grollmann-Mock persönlich geöffnet wurde. Derossi (eigentlich Pianistin – „Ich spiele nur Judith zu Liebe Akkordeon“) rundete mit Eigenkompositionen das Gesamterlebnis ab. Die Dramaturgie passte. Die Inszenierung – allein schon bei der Generalprobe – saß auf den Punkt. Auf dem Weg zwischen den einzelnen Stationen konnte der Zuschauer die Eindrücke verarbeiten und mit seinen eigenen Gedanken abgleichen. Die Besucher kamen schnell mit einander ins Gespräch – „Ja, damals… – erinnern sie sich auch? Wie war das doch gleich...“ Judith Kuckart hatte ihre Heimat-Erinnerungen wundervoll mit den geschichtlichen Vorgängen in Schwelm verwoben. Bei vielen Besuchern – insbesondere, bei dem ABC der Dinge, die es in Schwelm nicht mehr gibt, machte es Klick und die eigenen Bilder entstanden wieder im Kopf. Vor ein paar Jahren habe sie ein ähnliches Projekt bereits in der Stadt Willebadessen durchgeführt, dort habe sie als Kind oft die Ferien verbracht. Britta (56), die sich selbst als Ur-Schwelmerin bezeichnet: „Es war eine spannende Geschichte, hat mir ausgezeichnet gefallen. Ich habe dabei noch viel über Schwelm gelernt.“

Viele genossen auch das Gefühl, einmal im Ratssaal zu sitzen. Kuckart wurde beim Lesen ihrer Texte durch die Schauspieler Vater Hans Dieter Knebel und dessen Tochter Caroline Knebel unterstützt. Die ehemaligen Schwelmer wussten gekonnt, die gehaltvollen Texte zu interpretieren. Burg-Schauspieler Knebel gestand: „Als ich angefragt wurde, habe ich nicht geglaubt, dass es zustande kommt. Aber ich bin selbst begeistert. Ich finde es sehr schön, wenn Texte persönlich werden.“ Die Generalprobe sei sehr gut gelaufen – und er kritisiert sich selbst: „Ich habe mich erst gestern entschlossen, den Text im Beisein von Saraswati Albano-Müller aus Respekt vor der Dame auswendig zu sprechen. Da habe ich mich ein bisschen verplappert. Ablesen kann man da bei einer so tollen Persönlichkeit nicht.“

Stephan Wetzel, der aus Stuttgart stammende Ehemann von Kuckart, verriet: „Dieses Projekt war eine Herzensangelegenheit für meine Frau. Man kann nicht nach Hause kommen und Schriftsteller sein, dies kann man nur aus der Distanz.“ Und er habe nun für sich verstanden: „Heimat ist kein Ort, sondern eine Sehnsucht. Es ist nicht nur in einem Punkt, sondern auch in der Ferne. Immer beides.“

Eine zufriedene Judith Kuckart

Judith Kuckart selbst war mit der Generalprobe sehr zufrieden und freute sich auf die weiteren Vorstellungen. Unter den Besuchern waren viele, die mit ihr gemeinsame Erinnerungen teilten und sich seit dem Abitur nicht mehr gesehen hatten. Für den Part der Heimatexperten konnte sie ihre alte Ballettlehrerin Christel Buérdorff (83) mit Ehemann Klaus (85) gewinnen, den ehemaligen Lokalchef der WR Bernd Oesterling (70), den Abiturienten Samim Sediqi (19) und Suzana Krasniqi mit Adisa (19) und Ildjona (16). Sie alle unterhielten sich in ihren „Heimat-Inseln“ mit den Besuchern. Diese Inseln auf dem ansonsten sehr kargen Rathausflur hatte der Wuppertaler Frank Herdorf hergerichtet. Wie alle an dem Projekt Beteiligten (Produktionsleitung: Lilo Ingenlath-Gegic) verbindet ihn eine langjährige Freundschaft und Zusammenarbeit mit Kuckart. Es war mal was ganz anderes in Schwelm – ein Stadtspaziergang mit literarischen Texten, verbunden mit Heimatkunde.

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