Justiz

Vier Jahre Haft für Schwelmer Spenden-Räuber

Am 10. August wütet ein Großbrand in der Schwelmer Oberstadt. Der Mann, der Spenden stahl, muss jetzt hinter Gitter.

Am 10. August wütet ein Großbrand in der Schwelmer Oberstadt. Der Mann, der Spenden stahl, muss jetzt hinter Gitter.

Foto: Bernd Henkel

Schwelm/Hagen.  45-jähriger Schwelmer wird wegen seiner Drogensucht in geschlossener Entziehungsanstalt untergebracht. Täter hatte Spendendose geraubt.

Der Schwelmer, der 25 Euro Spenden für die Geschädigten des Großbrandes, der am 10. August 2019 in der Oberstadt wütete, gestohlen und dann eine Frau mit einer Flasche bedroht hat, muss vier Jahre in Haft. Die Hagener Richter beschlossen auch, dass der 45-Jährige in einer geschlossenen Entziehungsanstalt untergebracht wird. Denn ohne Therapie wartet auf ihn der sichere Drogentod.

Bis zu 50 Tabletten am Tag

Am letzten Verhandlungstag zeigte sich der sachverständige Gutachter Dr. Brian Blackwell erneut überrascht bis fassungslos über die extreme Drogensucht des Schwelmers, als er den zweiten Teil seines Gutachtens vorstellte. Am vergangenen Verhandlungstag hatte der Arzt die Drogenkarriere des zuletzt obdachlosen Mannes vorgestellt.

Der Schwelmer habe in seinen schlimmsten Zeiten Kokain und Heroin gleichzeitig konsumiert, dazu noch Alkohol getrunken und starke Beruhigungsmittel eingeworfen, hieß es da. So habe der Angeklagte an manchen Tagen bis zu 50 Tabletten eines Mittels eingenommen, von dem bereits zwei Tabletten ausreichen, um bei einem Nichtsüchtigen Gedächtnisstörungen hervorzurufen. Auch habe der Mann mit der Ersatzdroge Subutex herumexperimentiert, die dem Methadon ähnelt. „Das ist durchaus lebensgefährlich. Das ganze Leben und die Persönlichkeit des Angeklagten sind durch die Drogen im schwersten Ausmaß eingeengt. Die Substitution wird er nicht mehr lange überleben. Er braucht komplette Abstinenz, sonst ist sein Leben zu Ende!“, zog der Experte am letzten Prozesstag das schreckliche Fazit.

Der Angeklagte, der sonst sehr verschlossen wirkte, regte sich daraufhin. Er signalisierte seine Bereitschaft zur Therapie. Der Arzt stufte ihn im Gutachten als vermindert schuldfähig ein: „Seine Steuerungsfähigkeit war am Tattag erheblich eingeschränkt.“ Zugleich sprach sich der Gutachter unbedingt dafür aus, den Angeklagten im Entzug unterzubringen. „Ich habe selten jemanden in diesem Stadium erlebt, der noch therapiewillig ist“, sagte Blackwell.

Nun war die Frage, wie sich die festgestellte verminderte Schuldfähigkeit auf die Strafe auswirken würde. Für einen schweren räuberischen Diebstahl sieht das Gesetz mindestens fünf Jahre vor – auch, wenn nur wenig erbeutet wurde. Denn der Angeklagte hat am 13. August nicht einfach nur einen Diebstahl begangen, als er den Spendenbehälter für die Schwelmer Brandopfer aus der Rewe-Filiale an der Prinzenstraße mitnahm. Er hat sich wenig später auch sehr rabiat gegen eine Verkäuferin zur Wehr gesetzt, die die Verfolgung bis runter zur B7 aufgenommen hatte. Er hielt ihr eine gerade gekaufte Schnapsflasche über den Kopf wie eine Waffe und sagte sinngemäß: „Lass mich, sonst gibt es was auf den Schädel.“

Obwohl die Richter am Hagener Landgericht der Feststellung des Sachverständigen folgten, dass der schwer süchtige Schwelmer vermindert schuldfähig war, blieben sie eher knapp unter der Mindeststrafe. „Die Beute war mit 25 Euro zwar gering, und es blieb bei einer Drohung, aber die vielen Vorstrafen, darunter ein versuchter Raub und eine räuberische Erpressung, sowie die Tatsache, dass der Angeklagte noch unter laufender Bewährung stand, wirken sich massiv negativ aus“, erklärte der Vorsitzende Richter Andreas Behrens in der Urteilsbegründung.

Dies kam etwas überraschend. Zuvor hatte Staatsanwalt Nils Warmbold die Frage aufgeworfen: „Ist es richtig, ihn so lange wegzusperren?“, und schließlich plädiert, den Angeklagten zu zweieinhalb Jahren zu verurteilen.

Worin sich alle Prozessbeteiligten einig waren, war die erschütternde Diagnose, dass der Schwelmer schon in absehbarer Zeit wegen seiner Drogensucht sterben könnte. „Der Konsum war so hoch, dass Lebensgefahr bestand. Dagegen anzugehen, wird kein Spaziergang, aber es ist eine Chance. Der Sachverständige hat uns Mut gemacht, dass bei Ihnen ein Nachdenken eingesetzt und sich noch Motivation entwickelt hat. Halten Sie die zwei Jahre Therapie durch“, lautete Richter Behrens‘ eindringlicher Appell an den Angeklagten.

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