Abenteuer pur

Von Schwelm in die Schweiz: So funktioniert Trampen heute

Robin Birkholz wartet am Straßenrand kurz vor der Autobahnauffahrt zur A1 in Schwelm  auf eine Mitfahrgelegenheit.

Robin Birkholz wartet am Straßenrand kurz vor der Autobahnauffahrt zur A1 in Schwelm auf eine Mitfahrgelegenheit.

Foto: Privat

Schwelm/Solothurn.  Von Schwelm aus in die Schweiz und wieder zurück - Robin Birkholz und Mario Greiner haben die Strecke als Tramper zurückgelegt.

Daumen raus und los geht’s. Vor einigen Jahren – vor allem seit den 60er und 70er Jahren – standen die Tramper noch zu Hauf an den Straßen. Mittlerweile sind sie fast so selten im Straßenbild wie Autos, die noch mit verbleitem Benzin fahren. Dass diese – nicht ganz ungefährliche – Art der Fortbewegung aber immer noch funktioniert, zeigt der Schwelmer Robin Birkholz (22), der gemeinsam mit seinem Ennepetaler Freund Mario Greiner (22) kurzerhand in dessen alte Heimat Solothurn in der Schweiz trampte.

Lange nachgedacht haben die jungen Männer über die wohl aufregendste Tour ihres Lebens nicht. Und geplant haben die Beiden erst recht nichts. An einem Montagnachmittag fragte Robin seinen Freund Mario nach der Arbeit: „Was machen wir die nächsten beiden Tage? Ich habe frei“. Mario hatte sowieso Zeit, weil er kurz vorher seinen Job gekündigt hatte, um eine Ausbildung als Musicaldarsteller in New York zu beginnen. So überlegten die beiden, wo sie die nächsten zwei Tage verbringen wollen. Mario fiel direkt seine alte Heimat ein. Dort wohnte er bis zu seinem vierten Lebensjahr, bevor es die Familie nach Ennepetal zog. Spontan entschieden die beiden: „Da fahren wir hin.“

Lange Gesichter an leerer Tankstelle

Schnell stellten sie fest, dass ihr Budget für die Fahrtkosten nicht ausreichte. Daher beschlossen sie kurzerhand, die gesamte Strecke per Anhalter zu fahren. „Wir wollten einfach mal testen, ob die Menschen einem vertrauen“, sagt Mario. Noch am selben Abend stellten sich Mario und Robin an die Autobahnauffahrt zur A1 in Schwelm. Mit zwei Pappen, die sie spontan beschrifteten, und zwei kleinen Rucksäcken mit dem Nötigsten.

45 Minuten lang standen sie am Straßenrand, bis das erste Auto hielt und sie mit nach Remscheid nahm. Dort angekommen warteten die Jungs nicht lange. Ein älterer Mann fuhr sie bis nach Gießen. Allerdings ließ der Mann sie an einer fast leeren Tankstelle raus. Die Beiden hatten Glück. Das einzige Fahrzeug weit und breit nahm sie mit nach Frankfurt. Zwei Stunden standen sie dort, bis ein Paar anhielt und sie mit nach Freiburg nahm. Dort kamen die Freunde mitten in der Nacht an.

Youtube Anhalter von Schwelm in die Schweiz

Mario plante bereits, ein Lager aufzuschlagen und sich für ein paar Stunden hinzulegen. Doch Robin ließ sich nicht davon abbringen weiterzufahren. Nach erneut langer Suche trafen die beiden auf Schweizer, die sie ein gutes Stück in den Ort Brugg in der Schweiz mitnahmen. Die Fahrt nutzte das Duo, um ein wenig zu schlafen.

Um 5.30 Uhr ließ sie der Fahrer am Bahnhof in Brugg raus und berichtete von einem Zug, der direkt nach Solothurn fährt. „Er sah, wie müde wir waren. Er dachte sich wahrscheinlich, es wäre das Beste, wenn er uns am Bahnhof rauslassen würde, damit wir schnell am Ziel ankommen“, erinnert sich Mario.

Die Jungs zögerten kurz, ließen sich jedoch nicht von ihrem Plan abbringen, die komplette Strecke zu trampen. Eine Stunde lang liefen sie durch strömenden Regen, um für die letzten 75 Kilometer eine Mitfahrgelegenheit zu finden. In mehreren Etappen absolvierten sie den Rest der Strecke und kamen am Dienstagmorgen erschöpft aber überglücklich um 8.30 Uhr in Solothurn an.

Auch per Anhalter unter die Dusche

Beide wollten sich nach dem anstrengenden Trip erstmal waschen. Mario nutzte die Gelegenheit dazu in einem Café, Robin klingelte an Haustüren und fragte ob er sich duschen dürfe. Überraschenderweise wurden sie schon an der zweiten Tür von einer jungen Frau reingelassen. „Robin hat unser Experiment damit auf die Spitze getrieben“, sagt Mario. Nachdem er sich geduscht hatte, bot die junge Frau den Beiden noch einen Kaffee an. Im Laufe des Tages trafen sich die beiden mit alten Freunden von Mario und den gingen Abends noch etwas essen.

Am nächsten morgen klingelte bereits um 7 Uhr der Wecker, weil Robin am nächsten Tag wieder auf der Arbeit sein musste. Wieder wollten sie per Anhalter reisen. Doch was wäre, wenn sie in einer Stadt stranden würden? „Es musste einfach klappen“, betont Mario.

In Solothurn versuchten sie ihr Glück zunächst vergeblich. Doch dann endlich hielt das erste Auto...

Am Ende der verrückten Reise waren es 1500 Kilometer, die sie mit 19 verschiedenen Fahrzeugen in weniger als 50 Stunden schafften. Im Nachhinein ist Mario noch immer überrascht, wie gut ihr Experiment lief.

Trampen in Deutschland aus der Mode gekommen

Während in Deutschland das Trampen fast gänzlich aus der Mode gekommen ist, gibt es beispielsweise in den Niederlanden spezielle Haltebuchten, an die sich Tramper stellen können, wo die Autofahrer problemlos anhalten können.

Ein umweltfreundlicheres Reise ist kaum möglich, weil die Autos, in die die Tramper steigen, ohnehin bewegt werden und ihr Zusatzgewicht nicht viel mehr Schadstoffe erzeugt.

Zur tatsächlichen Sicherheit beim Trampen gibt es keine gesicherten Daten. Weder scheint ein hohes Risiko belegbar als Anhalter Opfer eines Verbrechens zu werden, noch scheint eine erhöhte Gefahr für die Autofahrer zu bestehen, die die Anhalter auflesen und mitnehmen. Im Gegensatz zum Fahrzeug sind die Anhalter kaum zu ermitteln.

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