Aktion gegen Spielsucht

Zu viele Spielcasinos in der Stadt Gevelsberg im Angebot

Mitarbeiter der Gevelsberger Drogen- und Suchtberatung und des Blauen Kreuzes

Mitarbeiter der Gevelsberger Drogen- und Suchtberatung und des Blauen Kreuzes

Foto: Klaus Bröking

Gevelsberg.   Suchtberatung und Blaues Kreuz warnen bei einer Aktion auf dem Gevelsberger Wochenmarkt vor den Gefahren der Spielsucht vor der eigenen Haustür.

Sie sind selbst im Getümmel des Gevelsberger Marktes nicht zu übersehen. Die fünf Mitarbeiter des Blauen Kreuzes und der Gevelsberger Drogenberatung ziehen mit Boller- und Einkaufswagen durch die Stadt. Grelle Westen signalisieren: Achtung, Warnung! Das Quintett will die Gevelsberger Bürger über die Gefahren der Spielhöllen vor der eigenen Haustür aufklären. Und das tun sie mit erschreckenden Zahlen.

Alles zusammen, was sich in dem vollgestopften Einkaufswagen befindet, hat einen Wert von insgesamt hundert Euro. „Was schätzen sie, wie viele Einkaufswagen verspielen die Gevelsberger allein an Automaten?“, fragt Ulrike Schweitzer die Passanten. Die meisten Menschen nennen eine Zahl um die 8000. Das ist schon gigantisch hoch, aber noch viel zu tief gegriffen: Es sind 43 000 Einkaufswagen. „Und das nur an Spielautomaten, hinzu kommen noch Sportwetten, von Lotto ganz zu schweigen“, sagt Sven Wiesel von der Drogenberatung.

Fünf Süchtige in Therapie

Fünf Süchtige hat Wiesel in diesem Jahr bereits in Therapie vermittelt. Zwei in eine ambulante und drei in eine stationäre Behandlung mit einem Aufenthalt zwischen acht und 16 Wochen in einer Klinik. Einer war darunter, der so weit gegangen ist, dass er seine Kollegen belogen hat, um spielen zu können. Er sollte für die Belegschaft Pizza holen und hat einen Vorwand gefunden, dass Essen nicht zu bezahlen. „Jung, männlich, mit Migrationshintergrund“, beschreibt Wiesel die Gefahrengruppe. Seit dem Jahr 2001 ist die Spielsucht eine anerkannte Krankheit wie der Alkoholismus.

Ersatz für die Stammkneipe

Was macht den Besuch einer Spielhölle so attraktiv? Die Hoffnung auf das große Geld kann es doch nicht sein. Die Antwort, die Stefanie Bentin vom Blauen Kreuz gibt, ist verblüffend: „Die Menschen wollen vor den Geldspiel-Automaten abschalten.“ Die Kunden sind männlich, die Servicekräfte in den Casinos meist weiblich. Man duzt sich. Es ist dunkel, eher eine intime Atmosphäre. Es gibt den Kaffee umsonst. Wer sonst keinen Anschluss in der Gesellschaft findet, der glaubt ihn hier mit ein paar Münzen im Einwurfschlitz des Automaten erwerben zu können. Das Spielcasino hat sozusagen die Rolle der Stammkneipe um die Ecke übernommen.

Problem vom Rat erkannt

„Gevelsberg“, so warnt Sven Wiesel, „hat auch eine besonders hohe Zahl an Spielcasinos.“ Es seien neun Automaten-Salons. An einem kommen die fünf Suchthelfer immer vorbei, wenn sie über den Vendômer Platz marschieren. In Wiesels Heimatstadt, in der genau so viele Menschen wie in Gevelsberg leben, sind es nur zwei. Sogar ein Seniorenzentrum wurde um ein Casino gebaut. Das dürfte ziemlich einmalig sein. Der Gevelsberger Rat und die Verwaltung haben die Spielsucht als Problem erkannt. Gegen die hohe Zahl von Spielhöllen haben sie aber noch nicht einmal ansatzweise ein Mittel gefunden.

Wiesel und die Mitarbeiter vom Blauen Kreuz wissen, was die Spielsucht für die Familien bedeutet: Verschuldung, Wohnungsverlust, es wird gelogen, es herrscht Misstrauen. Und trotzdem wird diese Form der Abhängigkeit von der Bevölkerung als Problem nicht wahrgenommen. Um das zu ändern, sind die Gevelsberger Drogenberatung und das Blaue Kreuz aus Hagen beim Wochenmarkt auf die Straße gegangen.

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