Boulevardtheater

„Alles über Liebe“: Schlagabtausch der Beziehungskrieger

Therapie mit Durchschlagskraft: Carlos (Giovanni Arvaneh) und Anna (Tanja Schumann, re.) gehen ordentlich aufeinander los. Die Therapeutin (Renan Demirkan) will vermitteln.

Therapie mit Durchschlagskraft: Carlos (Giovanni Arvaneh) und Anna (Tanja Schumann, re.) gehen ordentlich aufeinander los. Die Therapeutin (Renan Demirkan) will vermitteln.

Foto: Rathaus-Theater

„Alles über Liebe“ im Rathaus-Theater. Stück macht aus der Beziehungskrise einen turbulenten Bühnenspaß. Renan Demirkan als Therapeutin mit Tick.

Wenn zwei sich streiten, verdient die Dritte. Nach Ansicht der Komödie „Alles über Liebe“, die das Rathaus-Theater zum Saisonstart zeigt, wird man die Kosten für eine Paartherapie allerdings noch einmal überdenken. Denn mehr noch als ihre bedauernswerten Klienten hat hier Frau Doktor einen gehörigen Tick. Das Premieren-Publikum im Rathaus-Theater hatte seine Freude an den körperlichen und seelischen Verrenkungen, die da zwei Stunden lang auf der Bühne vorgeführt werden und applaudierte stehend.

Tanja Schumann alswaidwundes Muttertier

Ein Tisch, ein Stuhl und das unvermeidliche Sofa: Dass der ganze Seelenmüll, den hoffnungslos zerstrittene Eheleute bei Edeltraut Mayer-Wölk (Renan Demirkan) ausladen, nicht ins aseptische Weiß dieser Paartherapeutinnenwelt passt, ist bald abzusehen. Renan Demirkan zeichnet die Karikatur einer verschrobenen Psycho-Tante mit manierierter Sprache, seltsam grotesken Bewegungen und haufenweise Papiertaschentüchern allerdings so überdeutlich, dass die Pointe der eigenen Persönlichkeitsstörung kaum noch überrascht. Was Stephan Eckels pointenfreudige Komödie auszeichnet, ist ohnehin mehr das Andocken ans Vertraute als die überraschende Volte.

Dafür hat die Inszenierung von Jürg Schlachter mit Tanja Schumann und Giovanni Arvaneh zwei hervorragende Beziehungskrieger. Vor allem Tanja Schumann überragt als waidwundes Muttertier, das in dem organisierten Wahnsinn namens Familienalltag längst die Selbstachtung verloren hat. Wie sie die Affen-Baum-Choreografie in der Kita nachturnt, wie sie tobt und geifert und das erotische Klischee einer paarungswilligen Gespielin imitiert, das hat Witz und enormes Temperament. Dass Giovanni Arvanehs draufgängerischer Carlos genau in dem Moment an Stärke gewinnt, in dem er durch das absehbare Scheitern seiner Architektenkarriere Schwäche eingestehen muss, ist zwar eine Beziehungs-Plattitüde. Allerdings ist Eckel mit „Alles über Liebe“ eben immer noch sehr nah dran an der Realität, wenn er aufdeckt, dass die alten Rollenbilder auch in vermeintlich modernen Beziehungen noch immer die größten Streitpunkte sind.

Er flirtet mit der Praktikantin, sie wird auf der Straße nicht mehr angeguckt. Er lässt die Kinder das ABC rülpsen, sie muss sich um die Hausaufgaben kümmern. Er füttert den Schwiegervater mit Bier und Buletten, während sie um des familiären Friedens willen die Ernährungs-Spleens der Mutter verteidigt. So prallen die unterschiedlichen Argumente und Sehnsüchte aufeinander, bis nur noch der offene Schlagabtausch hilft. Die sonderbare Zweisamkeitsübung erfüllt ihren Zweck. Die Eheleute sind wieder versöhnt, das Publikum amüsiert und Frau Mayer-Wölk hisst das letzte Papiertaschentuch wie eine weiße Fahne.

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