Stadtentwicklung

Auf den Friedhöfen bleiben immer mehr Grabfelder frei

Hans-Joachim Hüser von Grün und Grugaauf dem Parkfriedhof, wo die Rasenflächen größer werden. Denn ganze Grabfelder werden nicht mehr belegt.

Hans-Joachim Hüser von Grün und Grugaauf dem Parkfriedhof, wo die Rasenflächen größer werden. Denn ganze Grabfelder werden nicht mehr belegt.

Foto: Socrates Tassos

Essen.   Die vielen Urnenbestattungen bringen es mit sich: Städtische Friedhöfe sind oft überdimensioniert. Was macht die Stadt mit den freien Flächen?

Nein, von einer Trendwende mag Hans-Joachim Hüser nicht sprechen. Aber vorsichtig optimistisch ist er dann doch: Erstmals seit vielen Jahren ist die Zahl der Urnenbestattungen auf den städtischen Friedhöfen im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen. 2017 lag ihr Anteil bei 75 Prozent, das ist ein Prozent weniger als im Jahr zuvor. „Es sieht so aus, als wenn wir uns da einpendeln“, sagt Hüser, der bei Grün und Gruga als Abteilungsleiter zuständig für das Bestattungswesen ist.

Das erlebt seit Jahrzehnten einen radikalen Wandel. Die Menschen sind heute mobiler, die Familienbanden häufig nicht mehr so eng wie sie es in früheren Zeiten einmal waren. Und auch der Blick ins Portemonnaie dürfte eine Rolle spielen. Dafür, dass mittlerweile drei von vier Bestattungen Urnenbestattungen sind. 2006 lag ihr Anteil noch bei 61 Prozent.

Für 1124 Gräber wurden die Nutzungsrechte vorzeitig zurückgegeben

Für die städtischen Friedhöfe hat das Folgen. Die Zeiten, in denen die Kommune noch Reserven auf landwirtschaftlich genutzten Flächen vorhielt wie noch in den 1970er und 1980er Jahren für den Fall, dass es eng werden könnte auf den Grabfeldern, diese Zeiten sind vorbei. Vielmehr beobachten sie bei Grün und Gruga, dass Gräber vor Ablauf des Nutzungsrechtes zurückgegeben werden. Rund 1124 waren es im vergangenen Jahr.

Ja, heute gibt es Platz genug, wenn auch nicht überall. Friedhöfe mit „engem Ortsbezug“ seien noch gut ausgelastet, berichtet Hüser und nennt als Beispiele Friedhöfe in Heisingen oder den Siepenfriedhof. Überlegungen von Grün und Gruga, sich von kleineren Friedhöfen zu trennen, verliefen vor einigen Jahren auch deshalb im Sande. Allein der Friedhof in Stoppenberg soll aufgegeben werden, was angesichts der Nutzungsrechte von Angehörigen, die noch unter den Lebenden weilen, noch vier bis fünf Jahrzehnte dauern wird. In der Politik vor Ort gebe es bereits den Wunsch, den Beschluss wieder zurückzunehmen, berichtet Hüser.

Ganz anders sieht es auf den großen städtischen Friedhöfen aus: auf dem Südwestfriedhof, auf dem Terrassenfriedhof und auf dem Parkfriedhof. Dessen Name verrät bereits, dass Menschen hier mehr finden als eine letzte Ruhestätte. Die 40 Hektar große Anlage bietet Besuchern Erholung und Platz für ausgedehnte Spaziergänge. In den Randbereichen des Friedhofes findet sich jedoch nur hier und dort noch ein verloren wirkendes Grab. Ganze Grabfelder sind nicht mehr belegt. Statt Blumenschmuck prägen monotone Rasenflächen das Bild.

In der Friedhofsverwaltung haben sie sich längst die Frage gestellt, was mit den Flächen geschehen soll, auf denen niemand mehr bestattet wird. Das Problem, sagt Hüser, sei folgendes: Der Boden in Essen sei vielerorts sehr lehmhaltig, auch nach Ablauf der 25-jährigen Ruhefrist finden sich noch sterbliche Überreste. Anders sehe es beispielsweise in Karnap oder auch in Schonnebeck aus. Dort beschleunigt sandiger Boden den Zersetzungsprozess.

Als Bauland seien die Friedhöfe aber nun mal häufig nicht geeignet. Der Landschaftsschutz oder Denkmalschutz tun ein übriges. Eine gerade mal 460 Quadratmeter große Fläche in Frillendorf kam für eine Wohnbebauung in Frage, berichtet Hüser. Der Verkauf sei jedoch an Nachbarschaftsrechten gescheitert.

Nur Angehörige und die Friedhofsverwaltung kennt die Grabstelle

Grün und Gruga versucht deshalb andere Wege im Bestattungswesen. „Wir sind da kreativ“, sagt Hüser. Auf dem Parkfriedhof bieten sie als Alternative zum herkömmlichen Wahl- oder Urnengrab die „naturnahen Urnen-Baumgräber“ an. Verstorbene werden am Fuße eines Baums beigesetzt, ohne Grabstein oder sonst einen Hinweis auf die Identität des Toten. Lediglich die Angehörigen und die Friedhofsverwaltung kennt die Grabstelle. Etwa 30 Bestattungen dieser Art zählt Grün und Gruga inzwischen pro Jahr. Auch auf dem Friedhof in Überruhr-Holthausen gibt es solche naturnahen Baumgräber und bald auch in Kettwig.

Die FDP brachte dieser Tage nicht mehr benötigte Friedhofsflächen als Standort für Kleingärten ins Spiel – als Ersatz wiederum für Grabeland, das zu Bauland werden könnte. Hans-Joachim Hüser ist da skeptisch und denkt an die Friedhofsruhe: „Wenn dann im Sommer in den Kleingärten Pools aufgestellt werden und gefeiert wird, dann weiß ich nicht, ob das so gut ankommt.“

<<< EIN FRIEDHOF AUCH FÜR MUSLIME

Als die Stadt 1972 auf dem Friedhof Am Hallo in Schonnebeck ein muslimisches Grabfeld anlegte, war das eine Premiere in Nordrhein-Westfalen. Im Jahr 2010 kam ein zweites Grabfeld hinzu. Bis heute wurden auf dem Friedhof 2900 Bestattungen vorgenommen.

Nicht nur Essener Muslime finden Am Hallo ihre letzte Ruhe, muslimische Familien aus ganz NRW lassen ihre Angehörigen in Schonnebeck bestatten; mit Blick gen Mekka, der heiligen Stätte des Islam werden sie beigesetzt. Etwa 120 Bestattungen von Erwachsenen und 70 von Kindern sind es pro Jahr.

Früher sei es noch üblich gewesen, dass Muslime ihre Verstorbenen in „die alte Heimat“ überführen ließen, berichtet Hans-Joachim Hüser von der städtischen Friedhofsverwaltung. Sie gehörten häufig zur ersten Einwanderer-Generation. Inzwischen lebt die zweite oder dritte Generation in Deutschland. Den Friedhof Am Hallo nehmen viele als letzte Ruhestätte an. Es ist ein Indiz dafür, dass die Menschen heimisch geworden sind.

Den Friedhof Am Hallo betrachten Muslime auch als ihren Friedhof, berichtet Hüser. So habe die Friedhofsverwaltung erwogen, auch auf dem Nordfriedhof in Altenessen Bestattungen nach muslimischem Ritual zu ermöglichen, doch sei dies von den muslimischen Gemeinden dankend abgelehnt worden. „Aber bei Bedarf können wir darauf zurückgreifen.“

Danach sieht es erst einmal nicht aus. Denn Platz für weitere Bestattungen gebe es Am Hallo noch genug. „Der reicht für mindestens für die nächsten fünf bis sechs Jahre“, sagt Hüser. Probesondierungen im Boden hätten zudem ergeben, dass sich die Grabflächen für eine Wiederbelegung eignen.

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