Theater

„Biedermann“ im Grillo-Theater: Eine Bühne voller Brandherde

Eine breite Holztreppe bringt Bewegung in Moritz Peters Inszenierung von Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter“ im Grillo-Theater.

Eine breite Holztreppe bringt Bewegung in Moritz Peters Inszenierung von Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter“ im Grillo-Theater.

Foto: Socrates Tassos / FUNKE Foto Services

Essen.  Wenn Moritz Peters Regie führt, ist politische Deutung im Spiel. Auch sein „Biedermann und die Brandstifter“ im Grillo-Theater wirkt explosiv.

Zuletzt hat Moritz Peters in Essen an „Der gute Mensch von Sezuan“ gearbeitet. Nun kehrt er erneut mit einer Parabel ans Grillo-Theater zurück. Diesmal von Max Frisch. Der befasste sich in „Biedermann und die Brandstifter“ mit der Frage: Was ist, wenn der Mensch behauptet, gut zu sein, sich aber eine unheilvolle Lücke zwischen Wort und Tat auftut? Beantwortet wird sie „nicht ganz so besserwisserisch wie bei Brecht“ und ohne Botschaft. Moritz Peters gefällt bei aller Ernsthaftigkeit der Witz des gesellschaftskritischen Autors: „Er spielt mit der Korrektheit der Schweizer.“

Auch wenn der Regisseur bisher kein Stück von Max Frisch inszeniert hat, ist ihm der Schriftsteller seit der Schule vertraut. Dessen bekannten Roman „Homo faber“ musste er lesen, „Stiller“ wollte er lesen. In seiner Zeit als Regieassistent in Essen setzte er sich mit „Graf Öderland“ auseinander. Und nun mit „Biedermann und die Brandstifter“, das die Schauspielsaison eröffnet.

Es erzählt auf groteske Weise von dem angesehenen Fabrikanten Gottlieb Biedermann. Obwohl in seiner Nachbarschaft Brandstifter ihr Unwesen treiben, nimmt er allen Warnungen zum Trotz zwei Obdachsuchende bei sich auf. Er will ein guter Mensch sein. Dabei behandelt er die eigenen Arbeiter gar nicht gut. Die klaffende Lücke zwischen Wort und Tat wird ihm zum Verhängnis. Warum er die Bedrohungslage nicht erkennt, und wer Schuld daran ist, zeigt das „Lehrstück ohne Lehre“.

„Wir tun nicht, was wir sagen“

1958 kam es auf die Bühne und ist sowohl altmodisch als auch seit jeher aktuell. Noch immer schauen wir vertrauensselig an den Problemen unserer Zeit vorbei. „Die Unaufrichtigkeit prangert Frisch an. Wir tun nicht, was wir sagen“, so Moritz Peters. Und damit meint er Politiker ebenso wie Bürger, die im SUV zum Biosupermarkt fahren. „Greta Thunberg oder Youtuber Rezo finden so einen großen Zuspruch, weil sie sich eindeutig verhalten.“

Das Stück ist wie gemacht für einen politischen Regisseur. „Ich suche den politischen Input in Stücken und versuche ihn zu erweitern“, erklärt Peters. Zuletzt geschehen im „Kirschgarten“ in Neuss oder in „paradies spielen“ in Potsdam. „Gesellschaftliche Relevanz schaffen, dazu ist Theater da.“

„Gesellschaftliche Relevanz schaffen, dazu ist Theater da“

Eine raumgreifende Holztreppe von Nehle Balkhausen hat der 37-Jährige, der heute in Karlsruhe lebt, für seine Inszenierung zur Spielfläche erkoren. Sie ist Stube und Dachboden. „Wir spielen mit den Höhen und der Bewegung der Körper. Hier kann viel erzählt werden über die Verschiebung der Macht“, meint Peters. Dafür befreit er den Text von Füllsätzen, will mit Streichungen die Sprache weniger sperrig machen und „vom Mief der 50er Jahre befreien“. Schließlich verweist er auf „moderne Denke“ und die Spießigkeit, die im angesagten Berliner Viertel Prenzlauer Berg mittlerweile Einzug gehalten hat.

Ein wesentlicher Aspekt ist die Frage der Schuld. Der Chor, bei ihm keine Feuerwehr, sieht Biedermann als Repräsentant der Menschen. Der Knecht, den er rausgeworfen hat, taucht als Alptraum auf. Die Brandstifter wurden mit Texten der Rechten aufgeladen und mit Videoschnipseln angereichert.

Im Nachspiel, das in der Hölle angesiedelt ist, müssen sich er und seine Frau verantworten. Ihm wird die Klimakatastrophe ebenso vorgeworfen wie der Rechtsruck und die Flüchtlingskatastrophe. „Dafür soll ich auch verantwortlich sein“, klagt Biedermann. Moritz Peters kontert mit dem Philosophen Sartre: „Der Mensch ist verurteilt, frei zu sein.“ Und fügt an: „Wir sind also alle verantwortlich und ohne Entschuldigung.“

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