Interview

Chef der Frühchenstation: „Eltern sind keine Besucher mehr“

Dariusz Michna ist seit 20 Jahren Chefarzt der Klinik für Neu- und Frühgeborene im Elisabeth-Krankenhaus.

Dariusz Michna ist seit 20 Jahren Chefarzt der Klinik für Neu- und Frühgeborene im Elisabeth-Krankenhaus.

Foto: Socrates Tassos / FUNKE Foto Services

Essen.  Ein Heiratsantrag mittels Babybody und eine Frau, die 24 Kinder zur Welt brachte: in 20 Jahren als Chefarzt hat Dr. Dariusz Michna viel erlebt.

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Dr. Dariusz Michna ist seit 20 Jahren Chefarzt auf der Neugeborenen- und Frühchenstation im Elisabeth-Krankenhaus. Im Interview spricht er über schöne und skurrile Begegnungen, eine Frau mit 24 Kindern und den massiven Fortschritt auf seiner Station.

Was hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten auf der Station verändert?

Dr. Dariusz Michna: Als ich hier damals anfing, gab es gerade einmal einen Beatmungsplatz – mittlerweile haben wir zehn Intensivplätze und rund 30 Betten für unsere kleinen Patienten. Die Station ist ausgebaut worden. Was sich vor allem verändert hat, ist das enge Verhältnis zu den Eltern. Sie wollen und dürfen heute vielmehr teilhaben als noch vor einigen Jahrzehnten. Sie sind längst keine Besucher mehr – und auch die Medizin hat anerkannt, wie wichtig die frühe und enge Bindung zwischen Eltern und Neugeborenen ist. Deswegen würde ich gerne einige Intensivplätze so umbauen, dass sie etwas mehr Privatsphäre und Platz für die Familie bieten. Aber das ist noch Zukunftsmusik. Auch in der Betreuung der Eltern hat sich einiges geändert. Unser psychologisches Angebot wird immer wichtiger. Viele Mütter und Väter nehmen die Hilfe in Anspruch.

Und sind vermutlich unendlich dankbar, wenn sie die Station mit ihrem gesunden Kind verlassen dürfen. Wie erleben Sie diese Dankbarkeit?

Michna: Neben etwa 1000 Tafeln Merci-Schokolade erhalten wir viele Dankeskarten, die wir im Flur aufhängen. Eltern, die noch bei uns sind, machen diese Bilder Mut. Neulich ist ein Pizzabäcker Papa geworden und hat uns ein leckeres Mittagessen beschert. Generell erlebt man hier viele außergewöhnliche Momente.

Wie zum Beispiel?

Michna: Vor Kurzem hatten wir einen Piloten und eine Stewardess, deren Kind viel zu früh auf die Welt gekommen ist. Nachdem das Paar schon einige Tage bei uns war, haben wir auf der Neugeborenenstation einen Heiratsantrag erlebt: Dazu hatte der Mann dem Baby einen Body angezogen, auf dem die Frage „Willst du mich heiraten?“ gedruckt war. Die Ringe hatte er mit einer Sicherheitsnadel befestigt. Die Frau hat ja gesagt und wir waren alle sehr gerührt. Außergewöhnlich ist sicherlich auch die Frau, die wir bei insgesamt 27 Schwangerschaften begleitet haben: Sie hat 24 Kinder zur Welt gebracht.

Haben Sie noch Kontakt zu Kindern, die als Frühchen zur Welt kamen?

Michna: Ja, zu einigen – und das macht mich und das ganze Team hier sehr stolz. Ich war kürzlich etwa zum Abi-Ball einer jungen Frau eingeladen, die hier als Frühchen geboren wurde. Unsere Station hat schon zwei Ärztinnen hervor gebracht, was mich natürlich besonders freut. Wenn die Eltern mit ihren Kindern die Station verlassen, bleibt unsere Nummer natürlich immer gespeichert. Wir begleiten die Frühgeborenen auch nach ihrer Entlassung sehr engmaschig und untersuchen sie regelmäßig. Denn bei all den schönen und guten Erfolgsgeschichten darf nicht verschwiegen werden, dass es auch frühgeborene Kinder gibt, die Probleme haben, auch weit nach dem Baby-Alter. Deswegen betreuen wir die Kinder so lange bei uns – auch, wenn sie schon längst laufen können.

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