Coronavirus

Coronavirus: Zunahme häuslicher Gewalt in Essen befürchtet

In Zeiten von Kontaktsperren und sozialer Isolation kann das Aggressionspotenzial steigen, warnen Experten. Symbolbild.

In Zeiten von Kontaktsperren und sozialer Isolation kann das Aggressionspotenzial steigen, warnen Experten. Symbolbild.

Foto: Jan-Philipp Strobel / dpa

Essen  Wo Menschen den ganzen Tag aufeinanderhocken, steigt das Stresslevel. Die Essener Frauenberatung warnt vor einer Zunahme häuslicher Gewalt.

In Zeiten des Coronavirus wächst auch die Angst vor häuslicher Gewalt - vor allem gegen Frauen und Kinder. Die Frauenberatung Essen geht davon aus, dass es in der Corona-Krise in ohnehin schon gewaltbelasteten Beziehungen zu einer Zunahme von körperlicher, sexueller und psychischer Gewalt kommen wird.

An die Essener Frauenberatung können sich unter anderem Frauen wenden, die Opfer häuslicher und sexueller Gewalt geworden sind. Fachberaterin Cordula Hißmann warnt vor den Folgen eines Lagerkollers in der Corona-Krise: „In der momentanen Situation ist zu befürchten, dass das Stresslevel und damit auch das Aggressionspotenzial steigt“, so Hißmanns Einschätzung.

Polizei meldet 25 Prozent mehr Einsätze als im Vorjahr

Das gelte besonders für Lebensgemeinschaften in einer beengten Wohnsituation, in der man sich nicht so einfach zurückziehen könne. Außerdem rechne man mit erhöhter Konfliktbereitschaft bei Menschen, die wegen Corona unter finanziellen Sorgen leiden oder momentan durch ihre Arbeit stark überlastet sind.

Die Essener Polizei hat vom 9. März bis 6. April im Vergleich zum Vorjahr etwa 25 Prozent mehr Einsätze wegen häuslicher Gewalt registriert. In den ersten beiden Wochen dieses Zeitraumes hatte sich die Zahl der Einsätze im Vergleich zum Vorjahr zunächst verdoppelt, danach war sie aber wieder abgesunken. Polizeisprecher Peter Elke betont außerdem: "Die Zahl der tatsächlich gestellten Strafanzeigen wegen häuslicher Gewalt ist in etwa genauso hoch wie 2019."

Frauenberatung geht von hoher Dunkelziffer aus

Die Frauenberatung verzeichnet ebenfalls nur einen leichten Anstieg der telefonischen Hilferufe, sagt Hißmann. Allerdings geht man dort von einer hohen Dunkelziffer aus. Die Fachberaterin weist darauf hin, dass es für Frauen in der aktuellen Situation schwieriger sei, sich Hilfe zu suchen: „Wenn der Partner immer anwesend ist, gibt es für die Frauen kaum unbeobachtete Momente." Man rechne deshalb nach Ende der Corona-Krise mit einer Welle von Frauen, die rückwirkend von Gewalterfahrungen berichten.

Mit dem Shutdown des öffentlichen Lebens fielen zudem wichtige Fluchtpunkte für Frauen weg. „Die Situation bietet kontrollierenden und besitzergreifenden Partnern einen zusätzlichen Grund zu sagen: Du gehst nicht raus“, so Hißmann. „Vorher konnten sich Frauen zum Beispiel kurz ausklinken, wenn sie zum Friseur oder etwas Spezielles einkaufen gingen.“

Beraterin appelliert: Bei drohender Eskalation die Polizei rufen

Und: Durch die Kontaktsperre fehlten nun Verwandte, Freunde und Kollegen, bei denen sich Frauen in Not Rat und Hilfe suchen könnten, die deeskalieren oder in letzter Instanz sogar schützend eingreifen könnten. Hißmanns Rat lautet, in der aktuellen Situation vermehrt den telefonischen Kontakt zu Vertrauten zu suchen.

Außerdem rät die Beraterin dringend dazu, im Ernstfall die Polizei zu rufen. An dieser Stelle appelliert Hißmann aber nicht nur an Betroffene, sondern auch an die Öffentlichkeit: Frauen in Notsituationen falle es schon abseits der Corona-Isolation häufig schwer, Hilfe zu rufen. „Wenn Freunde oder Nachbarn mitbekommen, dass eine Situation zu eskalieren droht, sollten sie handeln“, so die Beraterin.

„Die Beamten vor Ort tragen in diesen Zeiten eine höhere Verantwortung“

Eine Möglichkeit der Polizei ist es, einem Gewalttäter ein Betretungsverbot für die Wohnung zu erteilen. In Zeiten von Corona und den Aufrufen, daheim zu bleiben, sowie einer gleichzeitig verordneten Kontaktsperre kommt zwangsläufig die Frage auf, wo der Verwiesene unterkommen kann.

„Die Beamten vor Ort tragen immer eine hohe Verantwortung und müssen sehr genau überlegen, ob und wie sie ein Betretungsverbot umsetzen“, sagt Polizeisprecher Elke. Nach wie vor gebe es nach Verweisen allerdings die Möglichkeit, in einem Hotel zu übernachten, weiß die Polizei: „Die dürfen nur keine Touristen mehr aufnehmen.“

Hilfetelefone für Frauen in Not

Die Frauenberatung Essen ist zwischen 10 und 13 Uhr telefonisch unter 0201 - 78 65 68 erreichbar. Danach läuft ein Anrufbeantworter. Frauen, die Opfer von häuslicher oder sexueller Gewalt geworden sind, werden sofort zurückgerufen. Alle anderen erhalten innerhalb von 24 Stunden einen Rückruf, auch an Sonn- und Feiertagen.

Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist bundesweit unter 08000 116 016 erreichbar. Es handelt sich dabei um ein bundesweites Beratungsangebot für Frauen, die Gewalt erlebt haben oder Bedrohung fürchten. Die Hotline ist rund um die Uhr besetzt.

Alle Entwicklungen zum Thema Coronavirus in Essen im Newsblog.

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