Lernen

Digitaler Förderunterricht für 400 Kinder im Essener Norden

Die Lehramtsstudentin Elif gibt 20 Kindern und Jugendlichen in der Woche Lernförderunterricht. Trotz Schulschließungen kann sie das weiterhin tun – und so auch weiterhin Geld verdienen.

Die Lehramtsstudentin Elif gibt 20 Kindern und Jugendlichen in der Woche Lernförderunterricht. Trotz Schulschließungen kann sie das weiterhin tun – und so auch weiterhin Geld verdienen.

Foto: Foto: Zukunft Bildungswerk

Essener Norden.  In Zeiten von Corona hat der Verein Zukunft Bildungswerk aus dem Essener Norden seine Lernförderung kurzerhand auf Videotelefonie umgestellt.

Alle Schulen sind coronabedingt geschlossen – die Kinder sollen zu Hause lernen. Das kann für viele bildungsferne und arme Familien zum Problem werden. Das sieht auch der gemeinnützige Verein Zukunft Bildungswerk so, an dessen Lernförderprojekt circa 800 Kinder aus dem Essener Norden teilnehmen. Gründer Turgay Tahtabaş hat deswegen schnell reagiert und bietet den Förderunterricht bereits seit der letzten Märzwoche online an.

Bilal, Sami, Lucy und Selina, Dritt- und Viertklässler der Karnaper Maria-Kunigunda-Grundschule, üben normalerweise zwei Mal für jeweils zwei Stunden in der Woche in Kleingruppen mit der 23-jährigen Studentin Elif. Das tun sie auch weiterhin – aber sie wahren dabei den nötigen Abstand. Statt sich persönlich gegenüber zu sitzen, treffen sie sich jetzt im Videochat.

Für den digitalen Unterricht braucht es lediglich ein internetfähiges Handy

„Es war anfänglich ungewohnt, aber mittlerweile sind wir schon routiniert“, erzählt die Lehramtsstudentin. Die Schüler würden wie auch sonst ihre Übungsblätter bearbeiten, die sie als Lernpakete von der Schule bekommen hätten. Gibt es dabei Schwierigkeiten, dann wird darüber per Videotelefonie gesprochen. Wenn nötig, erstellt Elif auch eigene Aufgaben, die sie per E-Mail oder als Foto schickt. Das klappe eigentlich ganz gut, sagt sie und erzählt, wie die Kinder den Kontakt, auch wenn er nur digital ist, schätzen. Er bringe nicht nur ihren Schützlingen, sondern auch ihr etwas Abwechslung in den derzeit sehr eingeschränkten Alltag.

„Bis auf die Erstklässler, die etwas Unterstützung brauchten, kommen fast alle mit der Technik direkt gut klar“, so die Studentin, die wöchentlich insgesamt 20 Schüler aus der Maria-Kunigunda-Grundschule und der Gesamtschule Nord betreut. Für den digitalen Förderunterricht benötige man auch nicht unbedingt einen Computer, es reiche ein internetfähiges Handy, „und das gibt es nahezu in jedem Haushalt“, weiß Turgay Tahtabaş.

Für die Studenten ist die Lernförderung eine wichtige Einkommensquelle

Direkt nach den Schulschließungen in Essen hat sich der 54-Jährige Geschäftsführer von Zukunft Bildungswerk kundig gemacht, wie die Lernförderung, die ja auch für die insgesamt 140 angestellten Förderkräfte, größtenteils Studenten, eine wichtige Einkommensquelle ist, online weiterlaufen kann. Zunächst habe er mit den zuständigen Stellen geklärt, dass die Finanzierung über das Bildungs- und Teilhabepaket auch bei einem Onlineunterricht weiter gesichert ist.

„Dann habe ich alle Eltern kontaktiert und ihnen unsere Idee unterbreitet“, sagt Turgay Tahtabaş. Die Handhabe sei eigentlich sehr einfach: Dafür benötige man neben dem Handy lediglich eine App, die die Videotelefonie ermöglicht, „und beim Herunterladen sind wir selbstverständlich behilflich“. Knapp 400 Eltern erklärten sich bereit, den Onlineunterricht für die Kinder zu unterstützen. Darunter auch viele geflüchtete Familien, denen die Bildung ihrer Kinder besonders am Herzen liegt.

Auch über Ängste, Sorgen und Probleme wird bei der Lernförderung gesprochen

„Damit die Kommunikation mit den Eltern nicht an der Sprache scheitert, arbeiten bei uns fast ausschließlich Studenten, die mehrsprachig sind“, nennt Tahtabaş noch eine Besonderheit seines Bildungswerkes, das neben der Lernförderung auch Bildungsbegleiter einsetzt, die sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche auf ihrem Bildungsweg unterstützen - unter Einbeziehung der Eltern und der schulischen Einrichtungen.

Dass gerade diese Kinder auch während der Corona-Krise weiter gefördert werden, ist für Jale Günay besonders wichtig. Die Essenerin, die im sechsten Semester Kindheitspädagogik studiert, arbeitet seit 2016 für Zukunft Bildungswerk. Jeden Tag sitzt sie vor dem Bildschirm und erklärt Mathe und Deutsch, spricht aber auch mit ihren Schützlingen über den Alltag, über Ängste oder Sorgen ihrer Schützlinge. „Das tut den Kindern gut, mal mit einem anderen Menschen als ihren Eltern oder Geschwistern zu reden“, sagt sie. Viele hätten zwar anfänglich die Quasi-Ferien genossen, aber mittlerweile würden ihnen der geregelte Schulalltag und vor allen Dingen ihre Freunde fehlen. Auch deswegen sei die Lernförderung wichtig, „sie vermittelt in diesen Zeiten ein kleines Stückchen Normalität“, glaubt die 23-jährige Studentin.

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