Coronavirus

Ehrenamtler alarmiert: Risikogruppen bleiben nicht zu Hause

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Essen  Auf zehn Helfer kommt in Essen ein Hilfesuchender: Viele ältere Menschen erledigen auch jetzt Einkäufe selbst, um am sozialen Leben teilzunehmen.

Mit zunehmenden Corona-Beschränkungen meldeten sich schnell viele engagierte Bürger, die Menschen aus Risikogruppen im Alltag unterstützen wollten – zum Beispiel mit Einkäufen oder Apothekengängen. Die Zahl der Ehrenamtler ist unverändert hoch. Nun schlägt die Ehrenamt-Agentur Essen (EAE) jedoch Alarm: Nur ein Bruchteil der älteren und vorerkrankten Menschen nehme die Hilfe in Anspruch.

Die Zahlen muten absurd an: Auf zehn Helfer kommt der EAE zufolge bisher lediglich eine Person, die Hilfe in Anspruch nehmen möchte. Außerdem auffällig: Mehr als doppelt so viele Frauen wie Männer nehmen das Angebot wahr. Das Robert-Koch-Institut (RKI) hatte Angehörigen von Risikogruppen geraten, zu Hause zu bleiben, unnötige Gänge und Kontakte zu vermeiden. Laut RKI haben schon Menschen zwischen 50 und 60 Jahren ein höheres Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken.

„Ich bin total fit“ – Viele ältere Menschen zählen sich nicht zur Risikogruppe

Trotzdem scheinen sich viele Menschen, auch weit jenseits der 60, nicht zur Risikogruppe zu zählen. Das schließt die EAE aus den Anrufen derjenigen, die sich telefonisch über die Nachbarschaftshilfe informieren. Oft gingen die Gespräche laut EAE-Sprecher Hendrik Rathmann folgendermaßen los: „Ich weiß gar nicht, ob es nötig ist, dass ich hier anrufe. Eigentlich brauche ich keine Hilfe.“

Thais Gaertner, die täglich am Hilfetelefon sitzt, bestätigt: „Das Totschlagargument ist: Ich bin total fit, ich gehöre nicht zur Risikogruppe.“ Am eindrucksvollsten zeigt das vielleicht dieser Fall: „Ein 70-Jähriger rief bei uns an und sagte, dass er sich engagieren und Risikogruppen helfen wolle. Wir haben ihn dann aufgeklärt, dass er selbst zur Risikogruppe gehört“, erzählt Rathmann. Der Mann sei entrüstet gewesen.

Auch Helferteam der evangelischen Kirche hat freie Kapazitäten

Dass sich einige Menschen erst einmal zu einer Erklärung verpflichtet sehen, wenn sie Hilfe in Anspruch nehmen, berichtet Michael Druen, Koordinator der Nachbarschaftshilfen des Evangelischen Kirchenkreises: „Uns rief eine Dame mit einer Autoimmunkrankheit an. Sie war schon länger in Quarantäne und hatte ganz lange gehadert, ob sie sich melden soll.“ Die Frau hatte sich zuvor ein Versorgungsnetz mit drei verschiedenen Lieferdiensten aufgebaut.

Als dieses Netz wegen hoher Nachfrage bei den Diensten zusammenbrach, wartete sie noch einen weiteren Tag, bevor sie sich schließlich bei der Nachbarschaftshilfe meldete. „Die Leute nehmen sich nicht als bedürftig wahr“, so Druens Einschätzung. „Ich erkläre ihnen dann, dass das nichts mit Bedürftigkeit zu tun hat, sondern mit Selbstschutz.“ Auch das Helferteam der evangelischen Kirche hat mehr Helfer als Menschen, die Hilfe in Anspruch nehmen möchten.

Ältere Menschen wollen oft nicht auf den Wocheneinkauf verzichten

Und noch ein anderer Faktor spielt eine Rolle. Gerade für viele ältere Menschen ist der Gang zum Supermarkt Teilnahme am sozialen Leben. "Sie freuen sich darauf“, so Hendrik Rathmann. Und Thais Gaertner ergänzt: „Diese Freiheit wollen sie sich nicht nehmen lassen.“ Das bestätigt auch Michael Druen: „Für einige ältere Menschen ist der Wocheneinkauf auch eine Möglichkeit, endlich mal rauszukommen.“

Die EAE weist zudem darauf hin, dass Nachbarschaftshilfe vielerorts auch selbstorganisiert gut funktioniere und Familien und Bekannte sich kümmerten. „Außerdem erfahren Helfer durch Social Media und Co. schneller von unserer Corona-Hilfe, als es beispielsweise ältere Menschen der Risikogruppen tun“, so Rathmann. Trotzdem appelliert die EAE an das Verantwortungsbewusstsein der Risikogruppen.

EAE appelliert an die Solidarität: Gesundheitssystem so wenig wie möglich belasten

„Wenn es darum geht, das Gesundheitssystem so wenig wie möglich zusätzlich zu belasten, ist es schlicht ein solidarischer Akt, wenn man darauf verzichtet, unter Leute zu gehen“, sagt Thais Gaertner. Hendrik Rathmann betont: „Es braucht jetzt die Entstigmatisierung des Annehmens von Hilfe.“ Um die Zielgruppe zu erreichen, hat die EAE stadtweit in allen Apotheken und in Supermärkten Kampagnenposter ausgehängt.

Kontaktdaten für Ehrenamtliche und Menschen mit Hilfebedarf

Ehrenamtliche und Menschen mit Hilfebedarf können sich bei der EAE (Tel.: 0201 839 149 0; Mail: info@ehrenamtessen.de) und dem Evangelischen Kirchenkreis Essen (Tel.: 0201 2205 244; Mail: michael.druen@evkirche-essen.de) melden. Beide Organisationen vermitteln Einkaufs-, Apotheken- und Botengänge.

Bei der EAE gibt es ein Onlineformular (www.ehrenamtessen.de/coronahilfe), das die wichtigsten Kontaktdaten und angebotenen und nachgefragten Tätigkeiten erfasst. Ehrenamtliche müssen ihre Identität verifizieren. Mitarbeiterinnen der EAE bringen dann schnellstmöglich Angebot und Bedarf zusammen. Anschließend nehmen die Hilfesuchenden selbstbestimmt telefonischen Kontakt zum Ehrenamtlichen auf.

Alle Entwicklungen zum Coronavirus in Essen im Newsblog.

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