Integration

Essener Klassen für Flüchtlinge: Hälfte geht ohne Abschluss

Viele Flüchtlinge besuchen Internationale Förderklassen, doch einen Hauptschulabschluss erreicht nur die Hälfte von ihnen.

Viele Flüchtlinge besuchen Internationale Förderklassen, doch einen Hauptschulabschluss erreicht nur die Hälfte von ihnen.

Foto: Bernd Thissen / dpa

Essen.  Zahllose junge Flüchtlinge verlassen die Berufskollegs ohne Abschluss. Das jetzige Konzept greife nicht, sagt Sprecher der Essener Kollegs.

Das System der Internationalen Förderklassen (IFK) an den Berufskollegs in Essen, die vor allem von jungen Flüchtlingen ab 16 Jahren besucht werden, hat in weiten Teilen versagt. Nach Zahlen der Bezirksregierung Düsseldorf haben in den vergangenen Jahren jeweils zwischen 50 und 60 Prozent der Schüler die IFK ohne Schulabschluss verlassen. Praktiker kritisieren, dass die IFK nicht auf ihre Klientel zugeschnitten seien. „Wir brauchen ein ganz neues Konzept, wie wir diese Jugendlichen beschulen“, fordert der Sprecher der Essener Berufskollegs, Georg Greshake.

Zeugnisse sind oft mit Fünfen gespickt

Ehrenamtliche Betreuer junger Flüchtlinge ärgern sich schon lange, dass ihre Schützlinge oft ein Schuljahr lang im Unterricht sitzen, ohne diesem folgen zu können. So berichtet Gudrun Haas vom „Tisch der Tische“ von einem jungen Mann, der seit 2015 in Deutschland sei, hier verschiedene Stationen – darunter auch ein Berufskolleg – durchlaufen habe und nun einen Deutschkurs mache, weil es für die Ausbildung nicht reiche. Kein Einzelfall: „Viele verlassen die Berufskollegs mit einem mit Fünfen gespickten Abgangszeugnis.“

Die Jugendlichen seien nicht in der Lage, Hausaufgaben zu machen oder Klassenarbeiten erfolgreich zu schreiben, ergänzt Haas’ Mitstreiter Jörg Stadler, bis zu seiner Pension stellvertretender Schulleiter am Gymnasium Borbeck. „Die Jugendlichen müssten erstmal systematisch Deutsch lernen, mündlich und schriftlich.“ Stattdessen steht auf dem Stundenplan der IFK neben Mathe, Landeskunde Sport und Religion, auch Politik, Naturwissenschaft, Englisch, dazu Fächer wie Fertigungsprozesse oder Maschinenbautechnik. Man ahnt, wie viel Zeit da für den Deutschunterricht bleibt. Begegnungen mit Deutschen bleiben auf den Schulhof beschränkt.

Es wäre übrigens keine Alternative für die Jugendlichen, einen reinen Deutschkurs zu besuchen, nicht mal wenn sie diesen selbst bezahlten. Denn, so stellt die Bezirksregierung klar, sie seien schulpflichtig und sollten in den Internationalen Förderklassen Deutsch lernen, dazu gehöre zum Teil auch das Alphabetisieren. Das wiederum erschwere die Situation für die Lehrer, sagt Georg Greshake, der das Berufskolleg West leitet. „Wir haben da unglaubliche Niveau-Unterschiede und müssen alle in eine Klasse packen. Auch die, die von der Rückkehr in die Heimat träumen und nicht mitmachen.“

Gerade mal die Hälfte erreicht am Ende den Hauptschulabschluss

Dem Anspruch, nach ein bis maximal zwei Jahren in der Förderklasse eine Ausbildung zu beginnen, werden daher nur die wenigsten gerecht. Im Jahr 2018 verließen von 500 IFK-Schülern 202 die Essener Berufskollegs ohne Abschluss. Weitere 48 erhielten ein „Abschlusszeugnis“, sprich: Sie hatten in allen Fächern mindestens ein Ausreichend erzielt, wobei mangelhafte Leistungen in Englisch und Naturwissenschaften nicht berücksichtigt wurden. Einen Hauptschulabschluss erreichte nur die Hälfte. Die Zahlen für 2019 liegen noch nicht vor.

Wer das Berufskolleg nach zwei Jahren ohne Abschluss verlasse, habe die Schulpflicht erfüllt. „Der fällt aus dem System“, bedauert Greshake. Mancher, der trotzdem einen Ausbildungsplatz finde, meistere zwar die Praxis, scheitere aber an der Berufsschule.

Wieviel Frustration das auch bei den willigen Schülern verursache, erlebt eine Praktikerin, die in in den vergangenen Jahren etwa 200 minderjährige Flüchtlinge als Berufs-Vormund begleitet hat. „Wir stecken Kinder, die zum Teil in ihrer Heimat nie eine Schule kennengelernt haben, einfach in unser Schulsystem. Nur die wenigsten erreichen so eine Ausbildung oder gar ein Studium.“

„Lernen Sie mal in zwei Jahren Arabisch und machen einen Schulabschluss.“

Die Klassen müssten kleiner sein, es dürfe keine Tage mit nur vier Schulstunden geben. Im übrigen müsste man die Schüler eng betreuen, ihnen auch das gesellschaftliche Leben in Deutschland und den Berufsalltag nahebringen. „Wir wollen Fachkräfte und produzieren reihenweise junge Menschen, die Sozialleistungen beziehen oder schwarz arbeiten.“ Ihr Resümee: Das jetzige System fördere die Schwachen zu wenig und bremse die Guten aus.

Georg Greshake stimmt zu, „dass der Unterricht in den IFK zu Anfang ganz auf den Spracherwerb ausgerichtet sein müsste“. Außerdem wünscht sich der Sprecher der Essener Berufskollegs, dass er und seine Kollegen die Klassen differenziert nach den Eingangsvoraussetzungen der Jugendlichen bilden könnten. Hier sei die Landesregierung am Zug: „Wir brauchen einen Masterplan Integration, der den Schülern bis zu vier Jahre Zeit gibt, das zu erreichen, was jetzt alle in zwei Jahren schaffen sollen.“ Denn dieses Klassenziel schafften nur wenige. „Kein Wunder, lernen Sie mal in zwei Jahren Arabisch und machen einen Schulabschluss.“

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