Prozess

Flaschensammler widersetzt sich Hausverbot im Hauptbahnhof

Eigentlich durfte der Obdachlose den Essener Hauptbahnhof nicht mehr betreten. Im Spätherbst 2018 verstieß er jedoch gegen das Hausverbot.

Eigentlich durfte der Obdachlose den Essener Hauptbahnhof nicht mehr betreten. Im Spätherbst 2018 verstieß er jedoch gegen das Hausverbot.

Foto: Marit Langschwager

Essen  Flaschen wollte er im Essener Bahnhof sammeln, sich vor Kälte schützen. Weil der Obdachlose so gegen ein Verbot verstieß, landet er vor Gericht.

„Danke für das milde Urteil“, sagte der Angeklagte, packte seine große Einkaufstasche und verließ den Gerichtssaal. Flaschensammler ist der 51 Jahre alte Obdachlose. Bei seiner Tätigkeit hatte er im Essener Hauptbahnhof gleich dreimal gegen das gegen ihn ausgesprochene Hausverbot verstoßen. Amtsrichter Denis Kittner verurteilte ihn am Montag zu einer Geldstrafe in Höhe von 100 Euro (20 Tagessätze zu 5 Euro).

Die Trinkerszene, die sich lange Zeit in großer Zahl am Hauptbahnhof aufhielt, bekommt in Verhandlungen dieser Art ein individuelles Gesicht. Er trinke täglich, sagt der Angeklagte, seit 25 Jahren. „Heute habe ich mich bemüht, ordentlich zu sein“, erzählt er. Richter Kittner lobt: „Das ist Ihnen gelungen.“

Im Westen nicht Fuß gefasst

Der Angeklagte erklärt gerne. Eigentlich hat er sich alles in seinem Leben selbst eingebrockt, aber irgendwie ist er nie schuld an seiner Lage. In der DDR ist er aufgewachsen, hat Mechaniker in einer Tuchfabrik gelernt. Nach dem Mauerfall kam er in den Westen: „Da habe ich nicht Fuß gefasst.“

Zuletzt hat er im Männerwohnheim an der Grabenstraße gewohnt, doch da ist er ausgezogen: „Da kam ich mit meinem Mitbewohner nicht klar. Nachts stundenlang Heavy Metal, das ging nicht.“

Hausverbot im Hauptbahnhof

Jetzt lebt er in der Notschlafstelle in der Lichtstraße. Nur nachts, tagsüber muss er nach draußen. Und in dieser Zeit sei er im Spätherbst letzten Jahres an drei Tagen im Hauptbahnhof gewesen, obwohl es das Hausverbot gab. „Meines Wissens galt das wegen Volltrunkenheit. Ich habe aber keinen belästigt“, erklärt er. Richter Kittner weiß anderes. Denn zur Begründung des Hausverbotes wird „verbal aggressives und provozierendes Verhalten“ angeführt.

Sei's drum, der Angeklagte erklärt weiter. Er sei zum Flaschensammeln in den Bahnhof gegangen, weil man da schnell fündig werde. Und weil es kalt war. Es gebe ja keinen anderen Platz in der Stadt, wenn es kalt sei. Leider sei er dann von der Polizei erwischt worden. Er gibt sich einsichtig: „Entschuldigen kann man es nicht. Das war mein Fehler.“

Alkoholtherapie nach zwei Tagen abgebrochen

Eine Therapie mit dem Ziel, die Alkoholsucht zu bekämpfen und eine eigene Wohnung zu beziehen, hat er letztes Jahr nach zwei Tagen abgebrochen: „Mit meinem Therapeuten stimmte die Chemie nicht.“ Vorstrafen hat er mehrere, wenn auch nur geringfügig. Beleidigungen sind dabei, vor allem aber Schwarzfahrten.

Auch dafür hat er „eine Erklärung, aber keine Entschuldigung“. Seine Betreuerin, die sich nur wenig um ihn kümmere, lebe in Mülheim. 60 bis 70 Euro zahle sie ihm pro Woche aus: „Um das Geld abzuholen, muss ich dann immer mit der U-Bahn zu ihr.“ Daher also das Schwarzfahren.

Amtsrichter ist um Milde bemüht

Richter Kittner ist angesichts des Deliktes um Milde bemüht. Der Hauptbahnhof sei ja immerhin öffentlich zugänglich, beim Hausfriedensbruch habe der Angeklagte auch keine Barriere überwinden müssen.

Jetzt muss der 51-Jährige die niedrige Geldstrafe abstottern. Umwandeln in Arbeitsleistung geht bei ihm nicht, hat er schnell signalisiert: „Körperlich nicht möglich. Arthrose.“

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