Kinderschutzbund

Gegen den Engpass: Neues Hebammen-Projekt startet in Essen

Hebammen sind für werdende Mütter wichtige Begleiter vor, während und nach der Geburt.

Hebammen sind für werdende Mütter wichtige Begleiter vor, während und nach der Geburt.

Foto: Caroline Seidel / dpa

Essen.  Kinderschutzbund hat Hebammen für den Essener Norden engagiert. Eine Versorgungslücke soll geschlossen, ein Blick auf Familien eröffnet werden.

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Hebammen, die sich überlastet fühlen, und Engpässe in der Versorgung von Müttern und Kindern sowohl vor als auch nach der Geburt: Die Bochumer Studie zur Wochenbettbetreuung in NRW hat in dieser Woche zum Teil alarmierende Erkenntnisse zur Welt gebracht. Der Essener Kinderschutzbund kann die Befunde nur bestätigen: „Hebammen müssen schon gebucht werden, bevor man überhaupt schwanger wird“, sagt der Vereinsvorsitzende Ulrich Spie: „Und spätestens ab der achten Woche nach Beginn der Schwangerschaft haben werdende Mütter gar keine Chance auf eine angemessene Betreuung mehr.“

In der Not steuert nun der Kinderschutzbund mit einem eigenen ehrgeizigen Projekt dagegen: Drei Hebammen im Essener Norden sollen die Versorgungslücke zumindest etwas schließen und möglichst früh, am besten vor einer Geburt bereits, den Zugang zu den Familien und den oft allein erziehenden Müttern finden.

Denn bleiben Betroffene allein mit ihren Sorgen und Krisen, birgt das Gefahren, vor allem fürs Kind: Auf die Situation mit einem Neugeborenen angemessen vorbereiten können sich in den meisten Fällen nur jene Familien, die sich schon weit im Vorfeld damit auseinandersetzen, was die Geburt und die Versorgung eines Kindes bedeutet und erfordert. Zu viele junge Menschen aber, seien sie bildungsfern oder noch nicht gefestigt genug, sind dazu kaum in der Lage, so Spie.

Überforderung der Eltern kann für ein Neugeborenes lebensgefährlich werden

Damit wächst das Risiko, dass sie die neue Situation mit all ihren Herausforderungen, die ein Baby mit sich bringt, völlig unvorbereitet erleben. Daraus resultiert dann schnell eine Überforderung, die für ein Neugeborenes lebensgefährlich werden kann, wie die steigenden Zahlen zunehmender Misshandlung und Vernachlässigungen immer jüngerer Kinder in dieser Stadt und die Dauerbelegung der beiden Notaufnahmen zeigen. Wenn Schreien lästig wird, sind die Kinder die potenziellen Opfer, und in der Öffentlichkeit steht am Ende einer Tragödie immer wieder die fassungslose Frage: Wie konnte das nur passieren, wieso ist niemandem im Vorfeld etwas aufgefallen?

Eine feste Anlaufstelle ist an der Katernberger Straße geplant

Eine von den drei neuen Kräften, die über Spenden finanziert werden, während die Krankenkassen nicht mehr als 30 Minuten Betreuung pro Tag bezahlen, hat mit ihrer Arbeit bereits begonnen. Kaum am Start, ist Julia Kaiser bereits ausgebucht, so groß ist der Bedarf an professioneller Begleitung. Sie betreut bereits acht junge Mütter, mehr geht nicht. Mit ihren beiden Kolleginnen wird Kaiser ab dem Frühjahr an der Katernberger Straße 146-148 eine feste Anlaufstelle bieten, um zusammen mit anderen Einrichtungen und Angeboten des Kinderschutzbundes ein möglichst engmaschiges Netz der frühen Hilfen knüpfen zu können. Auf Katernberg als Essens kinderreichstem Stadtteil liegt dabei ein besonderes Augenmerk: Die Quote bei den Früherkennungsuntersuchungen beim Kinderarzt hat sich bei gerade einmal 60 Prozent eingependelt.

Die Hebammen finden sich in einer Schlüsselrolle wieder

Wo Mediziner nicht mehr so genau hinsehen können, weil sie 40 Prozent des Nachwuchses nicht mehr regelmäßig zu Gesicht bekommen, finden sich die Hebammen in der Schlüsselrolle wieder: Eine intensive Betreuung bereits vor, unter und nach der Geburt bietet dafür die besten Voraussetzungen. „Irgendwann gehört man einfach zur Familie“, ist Julia Kaiser überzeugt. Das mache es leichter, Eltern zu überzeugen, weitere Unterstützung anzunehmen, die sie womöglich benötigen.

An Angeboten mangelt’s kaum, eher am Wissen um die Existenz der vielfältigen Hilfen. Wie wenig Frauen oft im Bilde sind über das, was ihnen zusteht, macht Kaiser an einem Beispiel deutlich: Selbst einer 26-jährigen sechsfachen Mutter war es nicht bekannt, dass sie einen grundsätzlichen Anspruch auf Hebammenhilfe hat.

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