Essener Beamte

Hambacher Forst: Polizisten fühlen sich „richtig verheizt"

Fühlen sich verheizt: Polizisten der Einsatzhundertschaft im Hambacher Forst.

Fühlen sich verheizt: Polizisten der Einsatzhundertschaft im Hambacher Forst.

Foto: imago stock

Essen.   Hambacher Forst: Sechs Beamte der Essener Einsatzhundertschaft berichten von ihrem Einsatz. Der hat bei allen deutliche Spuren hinterlassen.

Sie sind Polizisten und versehen ihren Dienst bei der Essener Einsatzhundertschaft. Fünf Männer und eine Frau im Alter zwischen Anfang 20 und Mitte 40, seit mindestens drei Jahren bei der „Ehu“ im Einsatz, der älteste seit 13 Jahren und inzwischen als Zugführer aufgerückt. Bis auf ihn ist keiner verheiratet oder hat Kinder.

Ihr dienstlicher Alltag: Fußball-Bundesliga, Demos, Versammlungen, die sie schützen sollen, Schwerpunkt-Aktionen im Essener Nordviertel bis hin zum Weihnachtsmarkt. Alle sechs Beamte waren im Hambacher Forst von Mitte September bis Anfang Oktober eingesetzt, bis das letzte Baumhaus geräumt war – und bis das Oberverwaltungsgericht Münster die Rodung des Waldes stoppte. Entsprechend frustriert kehren sie in ihren Dienstalltag in Essen zurück.

In einer Runde erzählen sie jetzt von ihrem Einsatz, von den Bildern, die sie aus dem Hambacher Forst mitgenommen – und welche Emotionen die Tage bei ihnen ausgelöst haben. Alle sechs Beamte möchten anonym bleiben, um sich und ihre Familien zu schützen. Deshalb gibt es von ihnen auch kein Foto. Ihre Aussagen haben wir in einem Protokoll zusammengefasst.

Zum Beruf

„Wir sind gerne bei der Polizei und haben uns vorher informiert, was das heißt, was da auf uns zukommt. Keiner von uns ist blauäugig in die Ausbildung gegangen. Deshalb war der Alltag auch keine Überraschung. Bei der Einsatzhundertschaft ist der Zusammenhalt groß. Egal, welcher Einsatz ansteht, man weiß, dass man sich auf die Kollegen verlassen kann und nie alleine steht. Die Arbeit ist herausfordernd, aber macht auch Spaß.

Natürlich ist der Dienst eine Belastung, weil man nie über zwei, drei Tage hinaus planen kann, vor allem wenn die Fußball-Saison läuft. Und die Wochenenden gehen eigentlich immer drauf, da muss der Partner schon viel Verständnis aufbringen. Wenn das nicht da ist, geht eine Beziehung schnell in die Brüche. Das ist leider so.“

Zum Alltag

„In der Regel wissen wir schon, was ansteht und was im Einsatz auf uns zukommt. Beim Fußball ist das ja absehbar. Manchmal ist die Realität vor Ort eine andere, weil uns nicht 50 Rocker gegenüberstehen, sondern plötzlich 500. Natürlich gibt es auch den umgekehrten Fall, und dann fragt man sich schon, was das soll. Aber das macht ja keiner absichtlich, das ist eben eine Fehleinschätzung, weil die Informationen im Vorfeld nicht ganz stimmten.“

Zum Hambacher Forst

„Wir waren die gesamte Zeit im Hambacher Forst im Einsatz, das waren meist Zwölf-Stunden-Schichten, zum Schlafen ging es in ein nahes Hotel. Wir mussten tagsüber raus, wir mussten nachts raus, das spürt man nach ein paar Tagen, das ist ziemlich anstrengend. An Aufgaben war alles dabei: Sicherung der Rodung, Festnahme der Baumhausbewohner, Feststellen der Identität, Abtransport zur Sammelstelle. Das war anstrengend.

Und am nächsten Tag mussten wir die Leute wieder aus den Bäumen holen, weil sie natürlich zurückgekehrt waren. In die Bäume mussten wir nie, das haben Spezialkräfte gemacht und uns erst am Boden die Baumhausbewohner übergeben. Wir haben auch Zufahrten gesichert oder Politiker bei deren Besuch beschützt. Am schlimmsten war die Arbeit unter den Bäumen.“

Unter den Bäumen

„Die Kollegen wurden mit Kot und Urin bespritzt, einer hat mal eine volle Ladung abbekommen, das ist so ekelhaft und menschenentwürdigend, das kann man sich gar nicht vorstellen. Die Baumhausbewohner hatten oben im Baum große Ikea-Tüten hängen, da hinein wurde dann die Notdurft verrichtet. Da sah man dann oben plötzlich einen nackten Hintern und ist sofort in Deckung gegangen.

Das war schlimm. Auch der Tod des Journalisten, der von einer Hängebrücke abgestürzt ist, ist uns wirklich unter die Haut gegangen. Das hatte übrigens nichts mit dem Polizeieinsatz zu tun, sondern eher mit der Konstruktion der Baumbehausungen. Die waren aus billigstem Holz aus dem Baumarkt zusammengenagelt, das war schon abenteuerlich und ehrlich gesagt nur eine Frage der Zeit, bis das Holz nachgeben und einer abstürzen würde.“

Die Umweltaktivisten

„Wer gewaltfrei demonstrieren wollte, war da definitiv am falschen Ort. Viele sind deshalb auch gegangen. Dafür sind gewaltbereite Straftäter angereist. Denen ging es doch gar nicht um den Hambacher Forst, die haben nur eine Möglichkeit gesucht, Krawall zu machen. Und zwar in aller Form: mit Stahlzwillen schießen, Kollegen mit Molotow-Cocktails bewerfen, da war alles dabei. Von Protest konnte da keine Rede mehr sein.

Auch die Anwohner der betroffenen Dörfer, wie Buir beispielsweise, die vorher die Zeltlager noch unterstützt und mit Lebensmitteln versorgt haben, haben sich entsetzt abgewendet und ihre Unterstützung eingestellt, weil sie mit Gewalttätern nichts zu tun haben wollten. Da ist die Stimmung ganz schnell umgekippt.“

Zu den Protesten

„Natürlich können wir den Protest der Umweltschützer verstehen. Das sehen wir doch auch so, dass es mit der Braunkohle so nicht weitergehen kann, dass wir mehr für den Klimaschutz tun müssen. Da ist keiner unter den Kollegen, der das nicht erkennt. Die Braunkohle-Kraftwerke sind Dreckschleudern, das muss man sich mal dort ansehen, dann merkt man das sofort.

Aber wir hatten als Polizeibeamte einen klaren Auftrag im Hambacher Forst, den wir professionell umsetzen mussten. Das ist unser Berufsverständnis. Und so sehr wir auch für Umweltschutz sind und die friedlichen Demonstranten verstehen, können wir nicht im Einsatz anfangen, über die Sinnhaftigkeit zu diskutieren. Dafür sind wir vor Ort wirklich die falschen Ansprechpartner.“

Über den Einsatz

„Das war uns schon vorher klar, dass der Anlass ziemlich gekrampft war. Das Problem wurde doch schon in der Vergangenheit in den Sand gesetzt, als die Politik der Abholzung des Forstes zugestimmt hat. Und jetzt mussten wir die Entscheidung ausbaden. Da ging es nicht um Bürgerrechte oder um eine Demo, die wir schützen sollten, sondern vermutlich um wirtschaftliche Interessen. Das ist schon schwer erträglich. Aber darüber haben wir vielleicht unter uns diskutiert, aber sicher nicht im Einsatz. Da haben wir die Aufträge umgesetzt.“

Nach dem Urteil

„Der ganze Polizeieinsatz war umsonst, wir fühlen uns richtig verheizt, das muss man so sagen. Wir hatten gerade das letzte Baumhaus geräumt, und nun entstehen da wieder neue Baumhäuser und Fallen und unterirdische Tunnel und Zeltlager. Vier Wochen härtester Einsatz waren umsonst, die ganze Arbeit weggeworfen. Das hinterlässt einen starken Frust.“

Die persönlichen Folgen

„Natürlich ist man enttäuscht. Und zu Hause gibt’s nur dumme Sprüche, manchmal Spott. Dafür hat man 260 Stunden Dienst gemacht, also einen Berg von Überstunden angehäuft, die man wahrscheinlich nie los wird, die Beziehungen zu Freundinnen oder Freunden wochenlang vernachlässigt und auf sein eigenes Freizeitleben komplett verzichtet. Wir hoffen natürlich, dass wir nicht wieder in den Hambacher Forst müssen, nur weil ein anderes Gericht wieder anders entscheidet und noch einmal alles von vorne anfängt. Das wäre das Schlimmste.“

Der stärkste Augenblick

„Die RWE-Mitarbeiter haben für uns auf dem Betriebsgelände Essen bereitgehalten, wo ein großes Dankes-Plakat hing. Manche Bewohner der Dörfer haben sich für unsere Arbeit bedankt. Und der Besuch von NRW-Innenminister Herbert Reul hat bei den Kollegen starken Eindruck hinterlassen, weil er im Forst zuerst zu uns kam und gefragt hat, ob wir etwas bräuchten und ob er etwas für uns tun könnte.“

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