Großdemonstration

Über 2000 Menschen demonstrieren in Essen gegen Rechts

Eine beeindruckende Kulisse: In Essen-Steele gingen über 2000 Menschen gegen Intoleranz und Rassismus auf die Straße.

Eine beeindruckende Kulisse: In Essen-Steele gingen über 2000 Menschen gegen Intoleranz und Rassismus auf die Straße.

Foto: Socrates Tassos / FUNKE Foto Services

Essen.  2500 Demonstranten machen in Essen deutlich: „Der Pott bleibt unteilbar!“ Polizei im Großeinsatz. Behörde spricht von friedlichem Verlauf.

24 Organisationen und über 700 Unterstützer des Bündnisses „Essen stellt sich quer“ haben getrommelt für den Marsch durch Essen-Steele und Scharen von Demonstranten folgten am Samstagnachmittag dem Ruf: „Der Pott bleibt unteilbar!“ Auch Oberbürgermeister Thomas Kufen traf pünktlich um 16.30 Uhr am Veranstaltungsort auf dem Grendplatz ein. Im Laufe des Abends sprach die Polizei von mehr als 1000 Teilnehmern, die Veranstalter schätzten deren Zahl am späteren Abend sogar auf rund 2500 Menschen. Damit wurden die Erwartungen deutlich übertroffen, sagte Bündnissprecher Christian Baumann: „Heute wurde ein deutliches, buntes und vielfältiges Zeichen in Essen-Steele für Toleranz, Vielfalt und Weltoffenheit gesetzt. Von der Teilnehmerzahl sind wir begeistert, zeigt sie doch, dass die Essener Zivilgesellschaft sich deutlich gegen rechte ‚Bürgerwehren‘ positioniert.“

Eine Gruppe rechter Beobachter schaute sich den Aufmarsch aus der Ferne an. Die Polizei wertete diesen Auflauf der „Steeler Jungs“ vor deren Stammkneipe an der Westfalenstraße jedoch nicht als unangemeldete Versammlung. Es gebe keine politischen Statements aus der Gruppe heraus, sagte Polizeisprecher Christoph Wickhorst. Um kurz vor 18 Uhr musste die Polizei dennoch das erste Mal eingreifen, als Rechte an einem Infostand pöbelten. Es seien Platzverweise erteilt worden, so Wickhorst. In einem Supermarkt am Grendplatz kam es zu einem zweiten Zwischenfall: Polizisten mussten Teilnehmer der Demo und Gäste der Sportsbar, dem Treff der „Steeler Jungs“ im Stadtteil, trennen. Gegen 21.30 Uhr am Samstagabend hieß es abschließend aus dem Polizeipräsidium, die Demonstration sei bis auf eine Anzeige wegen Beleidigung ohne weitere Zwischenfälle zu Ende gegangen.

Aus Sicht von „Essen stellt sich quer“ hielten die „Steeler Jungs“ eine unangemeldete Versammlung ab. Dass dies durch die Polizei toleriert wurde, sei ein fatales Signal. Der Vorwand, es habe sich um eine Geburtstagsfeier, könne nicht gelten, so Baumann: „,Die ‚Steeler Jungs‘ hatten in internen Kanälen seit Tagen und Wochen auf die Versammlung hingewiesen. Dass selbst Personen aus Düsseldorf und Herne mit anwesend waren, belegt das eindeutig.“

Stunden zuvor waren Bürger aller Couleur begleitet von einem nennenswerten Polizeiaufgebot auf die Straße gegangen, um einzutreten für eine „offene und solidarische Gesellschaft, in der Menschenrechte unteilbar sind“, wie es in dem Aufruf zu der Demo heißt, die sich nicht nur gegen die rechte Bürgerwehr des Stadtteils, die „Steeler Jungs“ richtete, sondern auch gegen vergleichbare selbst ernannte Ordnungshüter andernorts. Eben gegen die, die nichts anderes im Schilde führen, als ein Unwohlsein zu verbreiten, gegen das sie sich selbst als einzig wirksames Gegenmittel zu verkaufen suchen. Durchschaut.

Richter bestätigen Auflage der Polizei: Keine Demo vor dem „Steeler Jungs“-Treff

Dass denkende Menschen dagegen etwas haben müssen, wollten die Veranstalter der Großdemo den „Steeler Jungs“ aus nächster Nähe klar machen. Doch aus dem Ansinnen, den so lauten wie bunten Protestzug an dem Treff der Truppe vorbeiziehen zu lassen, wurde an diesem sonnendurchwirkten Spätsommernachmittag nichts: Nachdem die Polizei diese Idee aus Sicherheitsgründen unterbunden hatte, entschieden auch Verwaltungs- und Oberverwaltungsrichter, die Demonstranten sollten sich besser fernhalten von der Sportsbar.

Zu der juristischen Begründung möchte sich „Essen stellt sich quer“ übrigens erst äußern, wenn sie in schriftlicher Form vorliegt.

Über 500 Feministinnen schickten Solidaritäts-Adressen nach Steele

Dabei hatten sich die „Steeler Jungs“ alle erdenkliche Mühe gegeben, ihren Treff am Tag des großen Protest-Umzugs augenfällig herauszuputzen: mit allerlei bunten Fahnen auf trister Fassade. Richterlicher Weitsicht sei Dank: Dieser Anblick dürfte den meisten Demonstranten erspart geblieben sein, auch denen, die in Katernberg ihre Solidarität mit den Menschen auf den Straße in Steele bekundeten: Über 500 Teilnehmer des Feministinnen-Festes auf Zollverein trafen sich am Nachmittag an der Ückendorfer Straße in Katernberg.

Die Veranstalter hatten im Vorfeld mit 1000 Demo-Teilnehmern gerechnet. „Das wäre eine tolle Sache“, sagte Christian Baumann. Die rechte Bürgerwehr müsse mit Sorge betrachtet werden, heißt es bei „Essen stellt sich quer“. Bekannte Gesichter der Neonazi-Szenen seien am 1. August in Essen mitgelaufen, als die „Steeler Jungs“ mit einem Trauermarsch das Zug-Unglück in Frankfurt für sich instrumentalisiert hatten. Dort starb ein Achtjähriger, der von einem Mann aus Eritrea auf die Gleise gestoßen worden war. Der Täter ist psychisch krank. Als aber quasi vor ihrer Haustür der zweijährige Luis verdurstete, schwieg die rechte Truppe. Der tatverdächtige Vater des Jungen ist Deutscher.

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