Leben mit Autismus

Im Studentenhaus gibt es Unterstützung speziell für Autisten

Jan Köbernik und Frauke Padilla zeigen eines der Studentenzimmer. Drei Zimmer sind gerade in dem Haus in der Essener Innenstadt frei. Sie sollen an Autisten vergeben werden.

Jan Köbernik und Frauke Padilla zeigen eines der Studentenzimmer. Drei Zimmer sind gerade in dem Haus in der Essener Innenstadt frei. Sie sollen an Autisten vergeben werden.

Foto: Julia Tillmann

Essen.   Ein Studentenhaus in Essen nimmt jetzt gezielt Autisten auf. Die Mitarbeiter der Autinom GmbH helfen in den Bereichen Wohnen und Arbeiten.

Ein Haus für Studenten und Arbeitssuchende mit Autismus entsteht gerade in der Essener Innenstadt nahe der Universität. In dem Gebäude, das sowieso von 20 Studenten bewohnt wird, hat die Autinom GmbH gerade ihr Büro bezogen. Freiwerdende Zimmer sollen künftig an junge Menschen mit Autismus vergeben werden, bis zu zehn Betroffene sollen dort leben. Im Vordergrund stehe der Gedanke der Inklusion. Deshalb solle auch nicht das komplette Haus eines privaten Vermieters mit Autismus-Patienten belegt werden. „Wichtig ist uns ein normales studentisches Miteinander“, sagt Jan Köbernik, Geschäftsführer der Autinom GmbH.

Der Name des Unternehmens setze sich aus den Begriffen Autismus und autonom zusammen und sei damit quasi Programm. Der 37-jährige Sozialpädagoge hat in den Niederlanden studiert und dort in der Betreuung von Studenten mit Autismus gearbeitet. „In den Niederlanden ist man da schon viel weiter. Ich möchte das Konzept auch hier im Ruhrgebiet etablieren“, sagt Köbernik.

Für viele junge Menschen mit einer Autismus-Störung sei der Schritt ins Studium oder in einen Job schwierig. Der Weg vom behüteten Leben im Elternhaus in die Selbstständigkeit sei oft schwierig, weil schon Kleinigkeiten die Betroffenen blockieren könnten. In solchen Fällen stünden die Mitarbeiter von Autinom beratend oder helfend bereit. „Wenn zum Beispiel ein Student mit Autismus mit dem Rad zur Uni fährt und hat unterwegs eine Panne, kann das bei ihm schon eine Blockade auslösen. Er kann sich dann nicht mehr ohne Hilfe aus der Situation befreien. Oder der Raum der Vorlesung hat sich geändert: Das kann die Betroffenen so aus dem Konzept bringen, dass sie die Veranstaltung verpassen“, nennt Köbernik Beispiele, bei denen Hilfe nötig sein kann. Die Freiheit an der Uni, die andere Studenten zu schätzen wüssten, bedeute für viele Autisten Chaos. Auch Gespräche mit Arbeitgebern seien eine Herausforderung, weil Autisten oftmals Probleme mit sozialen Kontakten hätten.

Mitarbeiter entwickeln Routinen mit den Betroffenen

Bei Autinom gehe es um Coaching und Betreuung in den Bereichen Wohnen, Arbeiten und Leben. Wochentags werde von 8 bis 22 Uhr Betreuung angeboten, zu den anderen Zeiten gebe es eine Rufbereitschaft. Ziel sei es, Betroffene nur in dem Maße zu unterstützen, wie es nötig sei. Wichtig seien tägliche Routinen, bei deren Einübung die Mitarbeiter helfen könnten. „Am Ende soll ja die Selbstständigkeit stehen. Jeder Betroffene ist anders, der eine muss einmal begleitet werden, der andere zehnmal“, so Köbernik.

Nach der Studienzeiten sollten die jungen Menschen ein selbstständiges Leben führen und in den Beruf – möglichst auf dem ersten Arbeitsmarkt – starten können. Autismus gebe es in vielfacher Ausprägung, er werde oft spät erkannt, weil meist erst andere Diagnosen gestellt würden oder die Störung erst in einer Krisensituation wie Tod der Eltern auftauche.

Aktuell sind drei Studentenzimmer in dem Haus frei

In den Niederlanden gebe es, so Köbernik, bereits 60 Standorte der Art, wie er sie jetzt aufbauen wolle. „Dort kümmern sich im Rahmen der Stiftung Jados rund 350 Mitarbeiter um 1000 Klienten“, so der Sozialpädagoge. Seit der Gründung von Autinom 2017 bereite er den Start in Essen vor. Neben der Möglichkeit, die Betreuungsleistung selbst zu zahlen, gebe es seit dem 1. Januar diesen Jahres auch die Chance, Leistungen über den Landschaftverband Rheinland (LVR) bezahlt zu bekommen. Der LVR beurteile die Förderungsfähigkeit im Einzelfall. 20 Anmeldungen lägen bereits vor, derzeit seien drei Zimmer im Haus am Pferdemarkt frei.

„Bei Studenten gibt es ja immer eine relativ hohe Fluktuation“, so Köbernik, der mit der Sozialpädagogin Frauke Padilla (44) bereits eine Mitarbeiterin einstellt hat, die bereits Erfahrungen im Umgang mit Autisten hat. Drei bis fünf Mitarbeiter pro Standort – eine Erweiterung auf andere Stadtteile und Städte sei geplant – sollten es werden, so Köbernik. Er gehe davon, dass der Bedarf für ein solches Angebot da sei, da laut Studien rund ein Prozent der Bevölkerung von Autismus betroffen sei.

Weitere Infos: Studenten wohnen in Vierer-Gruppen

  • Jede Vierer-WG am Pferdemarkt verfügt über zwei Badezimmer und eine Küche. Die Zimmer kosten 290 Euro Kaltmiete im Monat.
  • Kontakt über Jan Köbernik unter Telefon 0171 22 34 269, jan.koebernik@autinom.de oder www.autinom.de

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