Wachstum Bienenvölker

Imkerverband: Noch mehr Honigbienen braucht Essen nicht

Eine Biene im Grugapark in Essen: Mit mehr als 2500 Bienenvölkern ist die Obergrenze erreicht, findet der Kreis-Imkerverband Essen.

Eine Biene im Grugapark in Essen: Mit mehr als 2500 Bienenvölkern ist die Obergrenze erreicht, findet der Kreis-Imkerverband Essen.

Foto: Socrates Tassos / FUNKE Foto Services

Essen.  Der Slogan „Rettet die Biene“ hat viele Essener zu Imkern werden lassen. Doch viele hätten diesen wohl falsch interpretiert, so der Imkerverband.

Essen summt: Das Kreisveterinäramt Essen registriert eine „explosionsartige Vermehrung“ von Bienenvölkern in den vergangenen drei Jahren. Allein zwischen Anfang 2017 und November 2018 ist die Zahl der Völker von 1803 auf 2539 gestiegen – ein sattes Plus von mehr als vierzig Prozent gegenüber dem Jahr der Grünen Hauptstadt. Jedes Volk zählt 35.000 Bienen. Somit gibt es in Essen 87 Millionen Honigbienen, mehr als Deutschland Einwohner hat. Werner Küching, Vorsitzender des Kreis-Imkerverbandes Essen, verfolgt diese Entwicklung allerdings mit sorgenvoller Miene und spricht überraschend Klartext: „Die Obergrenze ist erreicht, mehr Bienenvölker müssen wir wirklich nicht haben.“

Der Blick in die Veterinäramts-Statistik belegt den unerwarteten Essener Honigbienen-Boom. Denn auch die Zahl der Imker hat sich im selben Zeitraum nahezu verdreifacht: von 150 auf 402. Wie die Verwaltung mitteilt, sind auch im laufenden Jahr weiterhin viele Anmeldungen eingegangen. Ein neuer Trend: Längst nicht alle Neulinge finden den Weg in Imkervereine, viele wirken als Einzelkämpfer.

Biene Maja summt gleichmäßig verteilt zwischen Karnap und Kettwig

Es ist ein Hobby, das alle Bevölkerungsschichten in den Bann zieht: den Schüler ebenso wie den Akademiker. Auch ein Nord-Süd-Gefälle gibt es in Essen nicht. Ein Blick auf die Karte zeigt: Die Biene Maja summt überall zwischen Karnap und Kettwig und sogar gleichmäßig übers Stadtgebiet verteilt.

Nach Gründen für den Bienen-Boom muss Werner Küching nicht lange suchen. Die meisten neuen Imkerfreunde seien vom ehrenwerten Impuls „Rettet die Biene“ getrieben. Allerdings werde dieser sinnvolle Slogan oft falsch interpretiert. Denn der Rettungsappell gelte nicht der Honigbiene, die keinesfalls bedroht ist, sondern den stark gefährdeten Wildbienen und -insekten. Küching: „Mit Honigbienen erhält man ebenso wenig die Insektenvielfalt, wie man mit Hühnern die Vogelwelt rettet.“ Die Natur retten zu wollen sei kein Grund, sich Bienen anzuschaffen.

Von Bienen auf Dächern oder an Balkonen hält der Imker-Chef überhaupt nichts

Überhaupt nichts hält der Experte von der trendigen Stadtbienen-Mode in Großstädten, also Bienenvölker auf hohe Dächer zu stellen oder gar an den Balkon zu hängen. Honigbienen zu halten, sei ein schönes Hobby, das obendrein der Honiggewinnung diene, argumentiert der Essener Imkerverbandschef. „Ein Beitrag zum Naturschutz ist es jedoch nicht.“

Der Essener Kreisverband mit seinen rund 200 Mitgliedern geht davon aus, dass die in Staaten organisierte, mächtige Honigbiene dem Einzelgänger Waldbiene den Nektar und die Pollen buchstäblich vor der Nase wegschnappt. „Auch in der grünen Hauptstadt Essen ist das Nahrungsangebot begrenzt, deshalb kann man sich vorstellen, dass die Honigbienen den Waldinsekten vielleicht die Nahrung streitig machen“, sagt Küching. Eine Annahme, die das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) allerdings nicht bestätigen kann. „Nach Auskunft unserer Artenschutzexperten dürfte es eine Nahrungskonkurrenz unter Honigbienen und Wildbienen nicht geben, da die Trachtpflanzen zu ergiebig sind, um solche Konflikte hervorzurufen“, sagt Lanuv-Sprecher Wilhelm Deitermann.

In NRW sind von 364 heimischen Wildbienenarten 45 ausgestorben

Was aber sicher feststehe, sei, dass viele Wildbienenarten in NRW vom Aussterben bedroht seien. Bei etwa 48 Prozent der Arten sprechen die Experten von „Ausgestorben“ oder im „Bestand gefährdet“. So sind etwa in NRW von den 364 heimischen Wildbienenarten bereits 45 Arten ausgestorben. Weitere 129 Arten sind in ihrem Bestand gefährdet. Um die bedrohte Wildbiene zu retten, regt Küching an, auch in Essen mehr Bäume zu pflanzen. „Wilde Bienen brauchen Bäume, auch hundert Insektenhotels ersetzen keinen einzigen gefällten Baum.“

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