Integration

Jedes dritte Kita-Kind in Essen spricht kaum Deutsch

Gut ein Drittel der Kinder in Essens Kitas spricht zu Hause kaum oder kein Deutsch.

Foto: Kerstin Kokoska

Gut ein Drittel der Kinder in Essens Kitas spricht zu Hause kaum oder kein Deutsch. Foto: Kerstin Kokoska

Essen.  35 Prozent der Essener Kita-Kinder sprechen kaum Deutsch. Im Norden stammen oft sogar über 50 Prozent der Kinder aus nicht-deutschen Familien.

Mehr als ein Drittel der Kita-Kinder in Essen stammt aus Familien, die kein oder nur wenig Deutsch sprechen. Erschwert wird die Situation, weil sich auch bei den 270 Kitas das Nord-Südgefälle der Stadt abbildet. So werden einzelne Kitas im Essener Norden von 80 Prozent nicht-deutschen Kindern besucht. Da laufe der Spracherwerb nicht mehr automatisch ab, räumt das Jugendamt ein. Man steuere mit vielerlei Förderprogrammen gegen, wünsche sich aber für die betroffenen Standorte dauerhaft eine bessere Finanzierung, sagt Jugendamtsleiter Ulrich Engelen.

Im Süden gibt’s Kitas ohne ein einziges Zuwandererkind

Im März 2013 lag die Zahl der Kita-Kinder, „die in der Familie vorrangig eine nicht-deutsche Sprache sprechen“, stadtweit bei 28,9 Prozent, im März 2016 waren es 31,4 Prozent – und für diesen März rechnet Engelen mit gut 35 Prozent. Dabei gebe es große Schwankungen zwischen Stadtteilen wie Byfang (2,3%) oder Heisingen (4,3%) auf der einen Seite und dem Stadtkern (66,5%) oder Altendorf (61,1%) auf der anderen (siehe Grafik).

Mehr noch: In den südlichen Stadtteilen gibt es mehr als ein Dutzend Kitas, die von keinem einzigen Zuwandererkind besucht werden. Trotzdem hält Engelen nichts davon, Jungen und Mädchen aus dem Norden dorthin zu bringen. Es gelte das Motto „Kurze Beine, kurze Wege“, wonach die Kita in einem Radius von 1000 Metern zum Elternhaus liegen solle. „Wir müssen die Kinder und ihre Familien da integrieren, wo sie leben, wo Freundschaften gepflegt werden können – und die Kinder nicht kilometerweit durch die Stadt karren.“

„Wir brauchen nicht tausend kurzatmige Programme“

Darum gehe in die armen, sozial schwachen und von vielen Zuwanderern bewohnten Stadtteile das Gros der von Land und Bund bereitgestellten Fördermittel für die Klein- und Vorschulkinder: Da gibt es zum Beispiel 92 sogenannte Plus-Kitas sowie 73 Sprach-Kitas, die mit mehr Personal ausgestattet sind, um den besonderen Herausforderungen gerecht werden zu können. „Wir handeln nach dem Prinzip Ungleiches ungleich behandeln“, sagt Engelen und ergänzt: „Und zwar immer streng datenbasiert.“

Statt des jetzigen Flickenteppichs aus befristeten Maßnahmen wünsche er sich für die betroffenen Kitas allerdings eine vernünftige Regelfinanzierung: „Wir brauchen nicht tausend kurzatmige Programme, sondern Kontinuität und Zuverlässigkeit.“

Karte zeigt den Anteil in den Essener Stadtteilen

Trotz der dünnen Personaldecke erlebe er, „dass alle Träger eine sehr engagierte, zugewandte Arbeit machen“. Dabei gehe es in der Regel auch darum, die Eltern so einzubeziehen und zu stärken, dass sie ihrem Erziehungsauftrag selbst gerecht werden könnten. Wo es um den Spracherwerb gehe, gerate dieser Ansatz aber naturgemäß an seine Grenzen: „Da fördern wir tagsüber die Kinder, aber zu Hause wird dann kein Deutsch gesprochen.“

Einfach, weil die Eltern die Sprache eben oftmals nicht nur sehr unzureichend beherrschten. Umso mehr achte man bei Kitas mit hohen Zuwanderer-Quoten auf einen Ländermix, „damit Deutsch die gemeinsame Sprache für alle ist und sich keine andere dafür anbietet“.

Babybesuchsdienst hat sich zum Türöffner entwickelt

Den angesichts des Mangels an Kita-Plätzen erhobenen Vorwurf, Flüchtlingskinder verdrängten andere Kinder, weist Engelen zurück. Zum einen sei die jetzige Platznot nur zum geringsten Teil durch den jüngsten Zuzug verursacht. Zum anderen werde jedes Flüchtlingskind, das eine Kita besuche, früh integriert und auf die Schule vorbereitet – so dass es seine Schullaufbahn möglichst nicht mit Defiziten beginne. Darum habe man schon an den Zeltdörfern Kita-Brückenprojekte installiert, und bei einigen Eltern erst Vorbehalte ausgeräumt: „Viele kannten es gar nicht, die Kinder von anderen betreuen zu lassen.“

Wie hilfreich Präventions-Projekte sein könnten, wenn sie langfristig betrieben werden, zeige der Babybesuchsdienst, der sich an alle Eltern wendet. Was anfangs mancher misstrauisch als Kontrolle ansah, habe sich etwa in Altendorf zum „echten Türöffner“ entwickelt: „Da nehmen fast 100 Prozent der Eltern teil.“ So bekomme die Stadt alle Kinder einmal in den Blick. „Wichtig ist, dass wir sie später nicht aus dem Blick verlieren.“ Aktuell und im Auftrag der Ratspolitik arbeite man daran, die „Essener Präventions-Strategie“ fortzuentwickeln, alle Maßnahmen auf den Prüfstand zu stellen und im Erfolgsfall auszuweiten.

>>> FLICKENTEPPICH AUS FÖRDERMASSNAHMEN

In Essen gibt es 92 Plus-Kitas „mit besonderem Unterstützungsbedarf“. Sie erhalten aus Landesmitteln je eine halbe Stelle extra. Das Land zahlt auch 1,1 Millionen Euro für 226 Förderpakete, die den Spracherwerb einzelner Kinder in 137 Kitas verbessern sollen.

Vom Bundesprojekt „Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist“ profitieren jetzt 73 Kitas: Verbünde von 10-15 Kitas teilen je zwei halbe Stellen. Während all diese Fördermittel vor allem in Essens Norden gehen, liegen die 103 Familienzentren überall in der Stadt.

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