Theater

Kinderstück „Stromer“ macht Armut sichtbar

Die Schauspieler Clara Gohmert, Minju Kim, Michael Zier (v.l.) bei der Probe zu dem Kinderstück „Stromer“.

Die Schauspieler Clara Gohmert, Minju Kim, Michael Zier (v.l.) bei der Probe zu dem Kinderstück „Stromer“.

Foto: Kerstin Kokoska / FUNKE Foto Services

Essen.   Mit Kameras und melancholischen Klängen bringt die „Compagnie toit végétal“ das bewegende Bilderbuch „Stromer“ auf die Bühne der Casa.

„Wenn Sie vom Bahnhof zum Theater gehen, können Sie 20 Euro loswerden“, sagt Sarah Mehlfeld und bringt ein gesellschaftliches Problem auf den Punkt, das auch Kindern nicht verborgen bleibt. Auf dieser kurzen Strecke hoffen viele Obdachlose auf Hilfe und werden achtlos links liegengelassen. Was es bedeutet, auf der Straße zu leben, zeigen die Regisseurin und ihre Mitstreiter von der „Compagnie toit végétal“ mit der Bühnenadaption des Bilderbuchs „Stromer“ von Sarah V. und Claude K. Dubois.

„Was einen berührt, sind die Bilder“, meint Sarah Mehlfeld. Bereits von Dubois’ „Akim rennt“ waren die Regisseurin, Bühnenbildnerin Christina Hillinger und Improvisationskünstler Thomas Jäkel so begeistert, dass sie ein interdisziplinäres Theaterkollektiv gründeten und nach dem Pflanzendach der belgischen Illustratorin „toit végétal“ benannten. Für diese preisgekrönte Flüchtlingsgeschichte war es auch möglich, eine Förderung zu erhalten. „Für die Themen Altersarmut, Wohnungsnot und Obdachlosigkeit gab es kein Geld. Dabei geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander. Wir waren sehr froh, dass wir das Theater Überzwerg in Saarbrücken und das Schauspiel Essen für die Realisierung des Stücks gewinnen konnten.

Zart kolorierte Bleistiftzeichnungen

Spartenübergreifend wie die Theatermacher arbeiten auch die drei Akteure, die an der Folkwang-Universität „Physical Theatre“ studierten. Bei der Probe in der Casa schieben Minju Kim und Clara Gohmert immer neue Bilder unter die vor ihnen platzierten Kameras. Michael Zier produziert live die Töne dazu. Eine Kalimba, eine Kiste zum Regenmachen, ein Rad, ein gitarrenähnliches Instrument und ein Akkordeon, das zur Percussion genutzt wird, ergeben mit einer Loopstation aufgenommen einen Klangteppich. Melancholisch ist er wie die zart kolorierten Bleistiftzeichnungen.

Häuserschluchten werden auf eine Stadtsilhouette aus braunem Karton und weißen Spanplatten projiziert. Ein erleuchtetes Zimmer wird herangezoomt. Ein Mädchen steht auf und geht zur Schule. Auch für einen namenlosen Obdachlosen beginnt draußen der Tag. Beine gehen vorüber, Autos fahren vorbei, der strömende Regen hat seine Decke durchweicht. „Wenn wir eine mit Wasser besprühte Plexiglasplatte auf ein Bild legen, merken die Kinder besonders auf und verfolgen, wie das gemacht wird“, weiß Sarah Mehlfeld von den Vorstellungen in Saarbrücken.

Wie die Compagnie ihr Bilder- und Objekttheater handwerklich perfekt ausgefeilt hat, ist bemerkenswert. Besonders bewegend erscheint die Perspektive des Obdachlosen am Boden hockend oder liegend, die der von Kindern nahekommt. „Es geht darum, gesehen zu werden. Kinder kennen das. Dafür muss man nicht obdachlos sein“, betont Sarah Mehlfeld. Und wenn das Mädchen und der Obdachlose sich am Ende anschauen, ist es eine Begegnung auf Augenhöhe und ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit.

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