Gewalt im Amateurfußball

Komplettes Team gesperrt: Das lief schief beim BV Altenessen

Der Übergriff auf einen Schiedsrichter brachte den BV Altenessen bundesweit in die Schlagzeilen.

Der Übergriff auf einen Schiedsrichter brachte den BV Altenessen bundesweit in die Schlagzeilen.

Foto: Foto: Kerstin KokoskA

Essen.  Nahezu die komplette II. Mannschaft des BV Altenessen rastete aus und attackierte den Schiedsrichter. Wie es soweit kommen konnte.

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Beim BV Altenessen 06 hätten sie gerne darauf verzichtet. Doch durch den gewalttätigen Übergriff auf einen Schiedsrichter ist der Traditionsverein bundesweit in die Schlagzeilen geraten. Hat es so etwas schon einmal gegeben? Nahezu geschlossen war die zweite Mannschaft der Altenessener nach einem Spiel in der Kreisliga C auf den Unparteiischen losgegangen; das Sportgericht des Fußballkreises zog bis auf zwei Spieler das komplette Team samt Trainer für bis zu zwei Jahre aus dem Verkehr. Dass es sich bei dem Schiedsrichter um den Jugendvorstand des eigenen Vereins handelte, lässt die Verantwortlichen fassungslos zurück. „Die Operation am Knie hat er hinter sich“, berichtet Vorsitzender Bodo Hanenberg und macht damit öffentlich, dass der Referee schwerer verletzt worden war, als bislang bekannt. Durch den Wurf einer Plastikflasche hatte er außerdem einen Zahn eingebüßt.

Wie konnte es soweit kommen? Diese Frage treibt nicht nur den BVA um. Professor Ulf Gebken, Sportwissenschaftler an der Universität Duisburg Essen und Kenner der Essener Fußballszene, sieht Versäumnisse aufseiten des Vereins und des Fußballkreises. Gebken spricht von einem „Risikospiel“, das gar nicht erst hätte angepfiffen werden dürfen. „Wie konnte man dieses Spiel zulassen, drei Tage nach Erdogans Einmarsch in Syrien?“ Auch Bodo Hanenberg stellt sich diese Frage. Leider zu spät, wie er selbst sagt.

Auf dem Platz standen Syrer, Türken, Kurden und Spieler rumänischer Herkunft

Beide spielen damit auf den aktuellen türkisch-syrischen Konflikt an. In der zweiten Mannschaft des BVA spielten ausschließlich Syrer. Ihr Gegner in der Kreisliga-Partie, das Team von Barisspor 84 Essen II ist ein von Türken gegründete Migrantenverein. Auf dem Platz standen aber auch Spieler kurdischer, arabischer und rumänischer Herkunft. Der Schiedsrichter, der nur eingesprungen war, weil der für die Partie angesetzte Referee nicht erschienen war, ist Türke.

Hakan Yesilsu, Teammanager von Barisspor, will nicht an eine politische Auseinandersetzung glauben. „Das spielte absolut keine Rolle.“ Er habe sich nur gewundert über die vielen Anhänger der Heimmannschaft. Für ein Spiel in der Kreisliga C sei dies ungewöhnlich gewesen. Die Zuschauer seien nicht immer mit den Entscheidungen des Schiedsrichters einverstanden gewesen. Schon während des Spiels sei der Unparteiische wiederholt beleidigt worden. Nachdem seine Mannschaft das 2:1 und schließlich das 3:1 erzielte, seien die Emotionen hochgekocht. Die Stimmung entlud sich laut Yesilsu wie so oft durch einen banalen Anlass: Es sei keine umstrittene Abseitsentscheidung gewesen, wie es von Seiten des Sportgerichts hieß, sondern der Streit darum, ob ein Ball bereits im Aus war oder nicht.

Der BVA hat die Mannschaft zurückgezogen. Für zwei Spieler bleibt die Tür offen

Nach dem Abpfiff hätten die Altenessener den Unparteiischen dann massiv bedrängt. „Meine Spieler haben sich dazwischen gestellt und haben versucht, ihn zu schützen“, berichtet Hakan Yesilsu. „Die Sache war eigentlich schon erledigt.“ Bis BVA-Spieler den Schiedsrichter über den Platz hetzten und bis in die Kabine verfolgten. Drei Spieler wurden dafür vom Sportgericht für zwei Jahre gesperrt, die übrigen für ein Jahr. Der Trainer darf sechs Monate nicht mehr an der Seitenlinie stehen. Auch er hatte den Schiedsrichter bedrängt und sogar angefasst. Nach dem Urteil hat der BVA Altenessen seine zweite Mannschaft vom Spielbetrieb abgemeldet. Nur für die beiden Kicker, die sich nicht an der Hetzjagd auf den Schiedsrichter beteiligt hatten, stehe die Tür weiter offen.

Handelte es sich bei dem Übergriff auf den Schiedsrichter also nur um einen besonders extremen Fall bedauernswerter Gewalt, wie sie sonst aber bei Spielen unterklassiger Vereine leider immer wieder vorkommt?

Sportwissenschaftler Ulf Gebken hat sich intensiv mit Gewalt im Essener Amateurfußball beschäftigt. Der Hochschullehrer bestätigt den Eindruck, dass Spieler von Migrantenvereinen häufiger auffällig werden. Gerade im Essener Norden stehen auch mehr Spieler mit Migrationshintergrund auf dem Platz. Von seinen Studenten habe er erfahren, dass Trainer der Gegner dies bewusst ausnutzen: „Du musst die nur lange genug provozieren, irgendwann fliegt schon einer vom Platz.“

Sportwissenschaftler fordert: Risikospiele benennen und beobachten

Barisspor-Teammanager Hakan Yesilsu erinnert daran, dass Migrantenvereine auf städtischen Sportanlagen praktisch nur „geduldet“ würden. So sei es seinem Verein lediglich erlaubt worden, am Rande des Platzes einen Container aufzustellen. Das Gefühl vieler Migranten, nicht als gleichwertig akzeptiert zu werden, setzt sich auf dem Platz fort. Yesilsu spricht aber auch von Spielern „mit einer Barriere im Kopf“. Die die Rolle, in die sie sich gedrängt fühlen, auch annehmen: Wir gegen die.

Dies erklärt nicht, warum immer wieder bei einigen die Sicherungen durchbrennen, im aktuellen Fall sogar bei einer ganzen Mannschaft. Aber es macht deutlich, dass um mehr geht als um Sport. Was tun?

An die Adresse des Verbandes hat Gebken Empfehlungen formuliert. Diese reichen von der Qualifizierung von Übungsleitern bis zum Benennen und Beobachten von Risikospielen. Gefordert seien auch die Vereine, indem sie sich von Spielern trennen, die übergriffig geworden sind. Selbst wenn es sich um einen Stürmer handelt, der in der Saison 15 Tore schießt.

Dem BV Altenessen gelang es nicht, die Spieler zu integrieren

Was den BV Altenessen angeht, so habe er seine Zweifel, dass der Verein gut beraten war, eine komplette syrische Mannschaft aufzunehmen „nach all dem Theater“, sagt Gebken. Gemeint ist der Ärger, für den 2015 die damalige zweite Mannschaft sorgte. 14 Kreisliga-Vereine weigerten sich gegen das Team anzutreten, weil sie sich von Spielern bedroht fühlten. Auch damals sorgte der BVA ungewollt für Schlagzeilen. So auch diesmal.

„Wir waren eigentlich optimistisch“, sagt Bodo Hanenberg. Ganz bewussthabe sein Verein Flüchtlingen eine Chance geben wollen. Ziel sei es gewesen, die neuen Spieler zu integrieren, was bei einigen der ersten Mannschaft auch gelungen sei. Ganz anders die zweite Mannschaft: „Unsere Hoffnung ist ein stückweit enttäuscht worden“, bedauert Frank Striewe, sportlicher Leiter der Jugendabteilung des BVA. „Sie sind weitgehend unter sich geblieben. Das war wie ein Verein im Verein.“ Auch zu den Familien, zu den Kindern und Jugendlichen habe es man keine Bindung herstellen können.

Womit sich die Frage stellt, ob ein Verein wie der BVA nicht mit der Integrationsarbeit überfordert ist. Frank Striewe wünschte sich mehr Unterstützung vom Fußballverband, vom DFB und auch von der Stadt. An der Seitenlinie stehen Übungsleiter, keine Sozialarbeiter.

„Für die Zukunft müssen wir uns gut überlegen, ob wir noch einmal eine ethnisch einheitliche Mannschaft dulden“, sagt Frank Striewe. Sportwissenschaftler Ulf Gebken würde davon abraten.

So bleibt nicht nur für den BV Altenessen die ernüchternde Erkenntnis, die der Vorsitzende Bode Hanenberg so formuliert: „Wir dachten, wir wären schon weiter.“

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