Musiktheater

„Land des Lächelns“ in Essen zwischen Tragik und Lebenslust

Szenenbild aus „Das Land des Lächelns“ in der Inszenierung von Sabine Hartmannshenn.   

Szenenbild aus „Das Land des Lächelns“ in der Inszenierung von Sabine Hartmannshenn.  

Foto: BETTINA_STOESS / Aalto-Theater

Essen.  „Land des Lächelns“ in Essen: Regisseurin entdeckt im Operettenschlager auch den Konflikt um Politik und Gehorsam in fernöstlichen Traumwelten.

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Immer nur lächeln, immer vergnügt? Dass Franz Léhars „Land des Lächelns“ mit seinem Welthit „Dein ist mein ganzes Herz“ kein Reich der puren Harmonie ist, weiß Sabine Hartmannshenn ganz genau. Die renommierte Regisseurin inszeniert zum ersten Mal am Aalto-Theater. Im Vorfeld der Premiere am Samstag, 7. Dezember, hat es auch hinter den Aalto-Kulissen geknirscht. Friedrich Haider, erster Gastdirigent am Haus, hat die musikalische Leitung kurzfristig abgegeben. „Aus Krankheitsgründen“, wie es einhellig seitens des Musiktheaters und Haiders Management heißt. Doch es soll bei den Proben auch Abstimmungsprobleme gegeben haben. Anfang der Woche hat nun Stefan Klingele, Musikdirektor an der Musikalischen Komödie Leipzig, die Proben übernommen. Ein Wechsel kurz vor der Premiere ist ein Novum in Aalto-Theater. Und auch Léhars Operette war hier noch nie zu hören. Entsprechend hoch ist die Spannung, welche Lesart die Regisseurin im Aalto wählt.

Das Schrille und Bunte im „Land des Lächelns“

Für Hartmannshenn geht es jedenfalls nicht nur um die scheiternde Liebe zweier ungleicher Partner – der Wiener Gesellschaftsdame Lisa und dem chinesischen Prinzen Sou-Chong – sondern vor allem „um Politik und Gehorsam“. In ihrer Interpretation greift Hartmannshenn deshalb die Entstehungsgeschichte des Werks auf. In der Erstfassung von 1923 trägt das Stück noch den Titel „Die gelbe Jacke“. Erst bei der Berliner Uraufführung der Operette 1929 steht „Das Land des Lächelns“ über dem Werk. Der Titel klingt heiter, doch das Happy End haben die Librettisten Ludwig Herzer und Fritz Löhner-Beda rausgestrichen. Stattdessen verlässt Lisa enttäuscht ihren Sou-Chong und das Land, in dem fremde Sitten und der Usus der Vielehe so gar nicht in das Weltbild einer emanzipierten Society-Lady passen.

Heute würde man von Culture Clash sprechen, doch die Regisseurin will auch zeigen, wie leicht die politische Situation in künstlerische Prozesse eingreifen kann. Die exotische Kulisse eines Fantasie-Chinas, das man sich in den 1920ern nun mal ausgemalt hat, wie auch Karl May das Bild des Wilden Westens vom Schreibtisch aus prägte, wendet Hartmannshenn dabei zunächst in eine grelle Revue. Darin agieren die vier Hauptdarsteller, teils noch mit anderen Vornamen aus der „Gelben Jacke“, wiederum als Theater-Darsteller. Dieser Kunstgriff gebe ihr die Freiheit, mit dem von Kulturchauvinismus nicht unbelasteten Chinabild im Stück frei umzugehen. „Damit kann ich alles hineinbringen, auch das Freizügige und Lebenslustige, das Schrille und Bunte“, erklärt die Regisseurin,

Léhar-Operette in Essen: Die Musik soll ans Herz gehen

Doch bei dem burlesken Treiben wird es nicht bleiben. Die Politik wird in das Stück einbrechen wie die Tragik einer scheiternden Liebe. Hartmannshenn spricht von einem „fast tragischen Opernende“, das Léhars „Land des Lächelns“ nahe an Puccini heranrücken lasse, erklärt die Regisseurin, die die populäre Operette nicht einfach illustrieren, sondern auch hinterfragen will. „Wenn die Musik ans Herz gehen soll, muss ich das auch szenisch unterfüttern.“

Für die gefragte Musiktheaterfrau war der Ausflug ins vermeintlich leichte Fach dabei harte Arbeit. „Wenn man der Operette heute noch Bedeutung beimessen will, dann muss man sich ganz tief hineinbegeben in das Stück“, sagt Hartmannshenn, „nur dann sind Operetten auch wieder höchstaktuell“. Der Respekt vor anderen Kultur sei denn auch ein Thema, das sich zeitlos übertragen lasse. Denn für die Regisseurin steht fest: „Das Stück erzählt nichts über China, aber alles über Deutschland.“

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