Hauptschule

Lehrer: „Hauptschulen sind zu Reste-Schulen verkommen“

Eine von nur noch drei Hauptschulen in Essen: die Hauptschule an der Wächtlerstraße im Südostviertel.

Foto: Ulrich von Born

Eine von nur noch drei Hauptschulen in Essen: die Hauptschule an der Wächtlerstraße im Südostviertel. Foto: Ulrich von Born

Essen.   In Essen gibt es nur drei Hauptschulen. Warum ging die Schulform vor die Hunde? Frühere Lehrer berichten über Missachtung und traurige Hausbesuche.

Anfang nächsten Schuljahres werden wieder die jetzigen Viertklässler an den weiterführenden Schulen angemeldet. Die Schulen veranstalten vorher Tage der Offenen Tür und Info-Abende, laden ein und werben, nur: Die drei Hauptschulen, die es in Essen noch gibt, machen sowas nicht, schon seit Jahren nicht mehr.

Denn: „Es lohnt nicht“, heißt es. Hier berichten zwei ehemalige Lehrer, die über Jahrzehnte an verschiedenen Essener Hauptschulen im Dienst waren:

Karl F.: „Früher bekamen die Schüler eine Lehrstelle“

Karl F. (Name geändert): „Ich war 38 Jahre im Schuldienst, immer an Hauptschulen. Sie sind zu Reste-Schulen verkommen – dort geht nur derjenige hin, der woanders abgelehnt wurde.

Dabei war das mal anders. In den Siebzigern war es die Regel, dass Hauptschul-Absolventen nach der Schule eine Lehre machten. Viele im Handwerk, manche sogar als Bankkaufmann.

Anfangs gab es 50 Hauptschulen in Essen, und ein Drittel der Grundschüler wechselte in den fünften Jahrgang einer Hauptschule. Heute liegt diese so genannte Übergangsquote bei zwei Prozent. Hauptschulen gelten als nicht mehr nachgefragt, das sagen sogar Politiker ganz offiziell.

Immer die ersten, die mit schwierigen Phänomenen konfrontiert wurden

Meine Schüler landeten zuletzt in der Regel ohne Aussicht auf einen Job in den Warteschleifen von Berufsschule und so genannten „Orientierungsmaßnahmen“. Und Flüchtlinge? Die hatten wir schon, als kein Mensch danach fragte, vor Jahrzehnten.

Wir Hauptschulen waren immer die ersten, die mit neuen, schwierigen Phänomenen konfrontiert wurden. Ende der Siebziger kamen die ersten Kinder aus dem Libanon. Unsere Schule lag neben einem Feuerwehr-Gebäude. Bei jedem Martinshorn krochen die Kinder unter den Tisch, aus Angst, das war das Trauma des Bürgerkriegs.

Die Hauptschulen wurden zu Auffangstationen für alle jene, die mühselig und beladen sind. Wir Lehrer kennen die Verhältnisse, in denen die Kinder aufwachsen, oft durch eigene Anschauung, durch Hausbesuche. Da läuft immer der Fernseher, da gibt es keinen Esstisch, ganz zu schweigen von einem Arbeitsplatz für das Kind; da gibt es Jungen und Mädchen, die die gesamte Familie managen müssen neben der Schulzeit, weil die Eltern das nicht können.

Und dass die Hauptschule nicht mehr gewollt ist, bekommen die Kinder natürlich vom ersten Tag an mit – Hänseleien ohne Ende, das schlägt aufs Gemüt, die Kinder wissen, dass man sie so einschätzt, dass sie nur auf einer Hauptschule Platz finden. Dass es schwierig ist, sie zu motivieren, liegt auf der Hand.

Unterrichts-Niveau in den Jahrzehnten immer weiter gesunken

So ist das Unterrichts-Niveau in den Jahrzehnten immer weiter gesunken. Darüber spricht kaum ein Kollege öffentlich, weil es die Schüler diskreditieren könnte.

Aber wer meint, dass man sein Lehrmaterial über Jahre immer wieder neu nutzen kann, der irrt. Die Texte mussten immer kürzer werden, die Bilder immer einfacher, es fällt vielen Schülern heute schwer, drei zusammenhängende Sätze hintereinander schriftlich zu formulieren. Das hat weniger mit allgemeiner Bildungsferne oder Migration zu tun, sondern mit medialer Verwahrlosung, mit dem ungezügelten Konsum von Fernsehen, Computerspielen, dem Internet. Eine große Herausforderung.“

Dieter B.: „Die Wertschätzung fehlt“

Dieter B. (Name geändert): „Ende der Siebziger machte ich mein Referendariat, zeitgleich an einem Gymnasium und an einer Hauptschule. Ich hab’ mich dann bewusst für die Hauptschule entschieden, ich kam selbst aus einfachen Verhältnissen, Arbeiterkind. Ich konnte immer gut mit den Kindern und Jugendlichen umgehen.

Was in den Jahrzehnten abhanden kam in den Hauptschulen? Ganz klar: Die Wertschätzung von offizieller Stelle. Die Stadt hat durch die Art und Weise, wie Schließungen und die Zusammenlegung von Standorten über die Bühne gingen, ihr Übriges dazu getan.

Eines Jahres erfuhren wir im Frühjahr aus der Zeitung, dass noch im Sommer unser Standort abgewickelt wird. Wir mussten sozusagen von jetzt auf gleich mit den verbliebenen Schülern in ein anderes Gebäude in einem anderen Stadtteil umziehen, das Inventar musste vor Ort bleiben. Dabei hatten wir uns das mühevoll selbst zusammengespart von Erträgen des Fördervereins. Und das im Essener Norden.

Es fehlt schon immer zusätzliches Personal

Ich habe die Schließung mehrerer Hauptschulen mit Haut und Haaren miterlebt, mittlerweile gibt es nach den jüngsten Zusammenlegungen und Schließungen in Essen eine Stabilisierung der Anmeldezahlen.

Manche haben sogar schon vorsichtig von einer Trendwende gesprochen. Aber machen wir uns nichts vor: Das ist auf allerunterstem Niveau. Eine Lösung? Gibt es nicht. Die Kinder sind da, egal, welche Schule sie besuchen.

Heute haben Gesamt- und Realschulen häufig mit den Problemen zu kämpfen, die früher den Hauptschulen vorbehalten waren. Und die Lehrer sind, vorsichtig gesagt, nicht immer genügend ausgebildet für den Umgang mit schwierigen Schülern. Es fehlt schon immer zusätzliches Personal, das mit diesen Kindern und Jugendlichen angemessen umgehen kann, es fehlen Sozialarbeiter und Sonderpädagogen.

Räume spotten jeder Beschreibung

Und wir haben Räumlichkeiten und eine technische Ausstattung, die jeder Beschreibung spotten. Ich habe oft erlebt, dass Verantwortliche aus Verwaltung und Politik gerne zu Presse-Terminen kommen und sich fotografieren lassen, wenn etwas Neues eingeweiht wird, da hört man Sonntagsreden, und dann sind sie wieder weg, und wir werden im Alltag wieder allein gelassen.“

>>SCHULEN HABEN TEILWEISE MEHRERE STANDORTE

Im Zuge der ständigen Schließungen und Zusammenlegungen erhielten die Hauptschulen teilweise mehrere Standorte – so hat die Marien-Hauptschule in Steele einen Abzweig in Katernberg, früher eine selbstständige Hauptschule. Was für die Lehrer Fahr-Stress bedeutet.

Andere Schulen wie die Bischoffstraße (Altenessen) laufen mittelfristig aus, nehmen keine Fünftklässler mehr an.

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