Prozess

Leiche misshandelt: Krankenpfleger muss Aufsatz schreiben

Foto: Kerstin Kokoska / FUNKE Foto Services

Essen  Asozial nennt der Richter die Tat. Ein Essener Krankenpflegehelferschüler, der eine Leiche misshandelt hat, muss jetzt einen Aufsatz schreiben.

Abscheu, Empörung und Fassungslosigkeit waren groß im Saal 141 des Essener Amtsgerichtes. Auf „Störung der Totenruhe“ lautete die Anklage. Da saß am Montag der 19-Jährige auf der Anklagebank und gab zu, als Altenpflegehelferschüler für ein Video die Leiche eines 88-Jährigen misshandelt zu haben. Warum er das gemacht hat, das blieb ungeklärt.

Zum Schluss verwarnte Amtsrichter Stefan Groß den Angeklagten nach dem Jugendstrafrecht, verhängte 1200 Euro Geldbuße und griff zu einer außergewöhnlichen Maßnahme: Der 19-Jährige muss einen Aufsatz für den Richter schreiben, in dem er sich mit der Tat auseinandersetzt, die Auswirkung auf Angehörige von Verstorbenen und die Gesellschaft beleuchtet und sich mit den Risiken des Internets beschäftigt. Falls er das Schreiben verweigert oder die Geldbuße nicht zahlt, muss er sitzen. „Bis zu vier Wochen Ungehorsamsarrest“, warnt Richter Groß.

Vor einem Jahr an Schlägerei beteiligt

Eigentlich macht der Angeklagte einen guten Eindruck. Dass ihm die Tat mittlerweile leid tut, nehmen die Juristen im Saal ihm ab. Aber vor etwas mehr als einem Jahr muss er sich anders verhalten haben. Richter Groß weiß das, weil er ihn schon damals für die Beteiligung an einer Schlägerei in Rüttenscheid für eine Woche in den Dauerarrest geschickt hat.

Damals kam es auch zu der jetzt angeklagten Tat. Seit einem eineininviertel Jahr war der Angeklagte in der Ausbildung zum Krankenpflegehelfer in einem Essener Krankenhaus, als er am 14. Juni 2018 mit der Leiche eines 88-Jährigen allein im Krankenzimmer war. Er baute sein Smartphone auf, schaltete die Kamera ein. Dann schlug er dem Toten heftig ins Gesicht. Anschließend sprühte er ihm Desinfektionsspray in den Mund und bewegte den Kiefer des Toten, als ob dieser gesprochen habe.

"Beschimpfender Unfug" an einem Toten

„Da dreht sich einem der Magen um“, beschreibt der Richter seine Empfindung, nachdem Verteidiger Pierre Kleine-Beck die Tat für den Mandanten eingesteht. Warum er diesen laut Gesetz „beschimpfenden Unfug“ an einem Toten verübt hat? Dazu gibt es keine Antwort. Nicht vom Angeklagten, nicht vom Verteidiger. „Dafür gibt es keine vernünftige Erklärung“, sagt dieser.

Natürlich hat der Angeklagte das Video nicht für sich selbst gedreht, sondern für Freunde ins Internet gestellt. In der Klinik bekam es einer mit und teilte es den Vorgesetzten mit. Damit war die Ausbildung beendet.

Angeklagter aus finanziell gutem Haus

Aus zumindest finanziell gutem Haus stammt der Heisinger. Aber bisher hat er wenig zustande gebracht. Er spricht selbst von schlechten Freunden. Das Gymnasium hat er nach der achten Klasse geschmissen. Nach der Tat ist er zu seinen Hunderte Kilometer entfernt wohnenden Großeltern gezogen. Dort arbeitet er, will demnächst sein Fachabi erlangen.

Richter Groß nutzt den Lebenslauf zu Fragen. Was er denn sagen würde, wenn einer das später einmal mit seinem noch gesunden Großvater anstellen würde. Er bekommt keine richtige Antwort. Groß nennt die Tat „schäbig, asozial“. Sie verstoße „gegen alles, was die Menschen zusammenhält“. Aber dann kommt er doch zu einer maßvollen Entscheidung, die erziehen soll. „Ich bin kein Priester“, hatte er zuvor die Worte der Empörung beendet und hinzugefügt: „Ich bin Richter.“

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