Prozess

Müllwagenfahrer gesteht Fehler beim Abbiegen: Mutter getötet

Der mittlerweile zur Straßenreinigung herunter gestufte Müllwagenfahrer mit seinem Verteidiger Carsten Engel (l.). Fahren darf der Angeklagte aktuell nicht.

Der mittlerweile zur Straßenreinigung herunter gestufte Müllwagenfahrer mit seinem Verteidiger Carsten Engel (l.). Fahren darf der Angeklagte aktuell nicht.

Foto: Christof Köpsel / FUNKE Foto Services

Essen  Eine Unachtsamkeit, ein Fehler beim Abbiegen. Am Mittwoch gesteht vor Gericht ein Essener Müllwagenfahrer, eine Mutter überrollt zu haben.

Sie sitzen sich gegenüber, vermeiden meist jeden Blickkontakt. Links von Amtsrichterin Monique Dreher sitzt der Angeklagte. Rechts von ihr der Mann, dem der Angeklagte die Frau und die Mutter seiner Kinder genommen hat. Mit seinem schweren Müllwagen der Entsorgungsbetriebe hatte der 50 Jahre alte Fahrer die 31-Jährige am 4. Juli 2018 übersehen. Und überrollt. Sie starb noch am Unfallort auf der Stauderstraße in Altenessen.

Auf fahrlässige Tötung lautet die Anklage von Staatsanwältin Elke Hinterberg. Und auf fahrlässige Körperverletzung, denn bei dem Unfall hatte der Lkw auch die siebenjährige Tochter der Frau erfasst. Das Kind überlebte. Denn geistesgegenwärtig hatte die Mutter es auf dem Fußgängerüberweg nach vorne auf den Gehweg gestoßen, als sie plötzlich den Müllwagen als drohende Gefahr wahrgenommen hatte. Lediglich einen Schienbeinbruch, so heißt es, erlitt die Siebenjährige – an körperlichen Folgen.

Gelbes Licht warnt vor querenden Fußgängern

Weil der technische Gutachter wegen Krankheit fehlt, geht der Prozess nicht am Mittwoch zu Ende. Dabei ist der Fall juristisch eindeutig. Der Angeklagte wartet an jenem 4. Juli um acht Uhr morgens auf der Josef-Hoeren-Straße in Altenessen den Gegenverkehr ab, weil er an der Ampel nach links in die Stauderstraße abbiegen will. Ein gelbes Blinklicht warnt ihn vor den Fußgängern, die links von ihm bei Grün die Stauderstraße überqueren wollen.

Ein EBE-Lkw im Gegenverkehr wartet, lässt dem Angeklagten eine Lücke zum Abbiegen. „Das machen wir immer so“, sagt dessen Fahrer, 46 Jahre alt. Der Angeklagte fährt los. „Ich habe leider versäumt, nach links zu gucken“, sagt er vor Gericht. Er habe sich „nur auf den Gegenverkehr konzentriert“. So ganz traut er seiner Erinnerung nicht. Eigentlich weiß er nichts: „Ich weiß nicht, warum ich sie nicht gesehen habe. Aber ich habe niemanden gesehen. Sonst wäre der Unfall ja nicht passiert.“

Fahrer nahm die Kollision nicht wahr

Nicht einmal die Kollision hat er wohl wahrgenommen. Denn er fuhr noch 30 Meter mit der Frau, eingeklemmt im Radkasten, weiter, schleifte sie mit. Erst das Hupen anderer Wagen und Zeichen von Passanten stoppten ihn. Eine Zeugin erinnert sich, wie er ausstieg: „Er kam nach vorne, guckte und schlug die Hände vors Gesicht.“ Für die Frau kam jede Hilfe zu spät. Sie starb noch am Unfallort.

Fast hatte sie den Übergang schon passiert, wäre sicher auf dem Bürgersteig weitergegangen. "Es fehlte ein einziger Schritt. Ein Schritt", sagt ein Zeuge.

Auch der Muttertag setzt dem Witwer zu

Der kleine Gerichtssaal N 121 ist am Mittwoch überfüllt. Einige Zuhörer stehen. Verwandte der Toten sind es, Freunde. Der angeklagte EBE-Fahrer wird von seiner Ehefrau begleitet. „Der hat seine Frau im Arm – und ich nicht“, sagt der Mann der Verstorbenen.

Es ist eine harte Zeit für ihn. Seinen Job hat er verloren, weil er sich um die Kinder kümmern musste. Rechtsanwältin Iris Dreßen, die ihn in der Nebenklage vertritt: „Jetzt kommt alles zusammen. Letzte Woche war Muttertag, der Geburtstag der Tochter, und in den nächsten Tagen hat das Paar heiraten wollen. Der Termin stand schon fest.“

Entschuldigung nicht angenommen

Der Angeklagte bittet um Verzeihung, als er das Wort bekommt: „Zuerst möchte ich mich entschuldigen. Es tut mir leid. Ich habe das nicht gewollt.“ Der Witwer wehrt ab: „Wissen Sie, was das Traurige ist? Dass das erst jetzt kommt.“ Verteidiger Carsten Engel hatte ein persönliches Schmerzensgeld des Angeklagten angeboten. Doch das Geld, so seine Anwältin, habe der Witwer nicht haben wollen.

Finanziell hat die Stadt geholfen. Aber das geht mittlerweile nur schleppend, sagt Iris Dreßen. Jetzt wolle die Stadt wohl den Abschluss des Verfahrens abwarten.

Das dauert. In der Hoffnung, dass der Gutachter bis dahin wieder gesund ist, soll der Prozess am 24. Mai fortgesetzt werden.

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