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Pianist reißt das Publikum von den Sitzen

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Klavierklänge, zart wie ein Hauch, die sich zu einer Druckwelle steigern, die selbst das groß besetzte Orchester übertönen: So fesselnd wie Nikolai Lugansky gelingt derzeit kaum einem anderen Pianisten die Einleitung zu Rachmaninows 2. Klavierkonzert. Damit legten er und die Sankt Petersburger Philharmoniker unter Leitung ihres Chefdirigenten Yuri Temirkanov gleich mit den ersten Takten die Marschroute fest.

Abrechnung mit dem Stalin-Terror

Mit handfestem Zugriff wurde die Anfälligkeit des Stücks für weich gespülte Sentimentalitäten überspielt und der Blick auf die Substanz des großartigen, durch verzuckerte Interpretationen jedoch in Verruf geratenen Werks gerichtet. Und da hat Lugansky eine Menge zu bieten, wenn er die emotionale Größe des Werks ausspielt und die melodischen Konturen mit bisweilen hartem Anschlag messerscharf ausfeilt und so zu einer Rehabilitierung des Stücks beiträgt. Eine Darstellung, die das Publikum von den Sitzen riss.

Kompromisslos ging es auch nach der Pause mit Schostakowitschs 10. Sinfonie zu, einer verschlüsselten Abrechnung mit dem Stalin-Terror. Auch hier kam es Temirkanov nicht auf orchestrale Hochglanzpolitur an. Rau, dunkel, teilweise resignativ zerklüftet, im zweiten Satz, einem bizarren Stalin-Portrait, aggressiv bis zum grotesken Wahnwitz aufdrehend. Die langsame Einleitung zum ersten Satz entfaltet Temirkanov mit unerbittlicher Strenge und großem Atem. Und das vermeintlich versöhnlich-harmlos tönende Final-Allegro, Schostakowitschs bissige Antwort auf die sozialistischen Forderungen sowjetischer Kultur-Funktionäre nach positiven Botschaften, erweist sich als trügerische Maske. Eine orchestral voluminöse Interpretation von beeindruckender Geschlossenheit.

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