Kunstprojekt

Künstler verziert Haus im Südviertel opulent mit Graffiti

Hier gönnt sich Künstler Simon Konrad ein Päuschen. Im Hintergrund: ein Ausschnitt seines Riesenkunstwerks.

Hier gönnt sich Künstler Simon Konrad ein Päuschen. Im Hintergrund: ein Ausschnitt seines Riesenkunstwerks.

Foto: Socrates Tassos / FUNKE Foto Services

Südviertel.  Im Südviertel tobt sich Künstler Simon Konrad auf 10 mal 17,5 Metern aus. Er besprüht eine ganze Hauswand mit Graffiti. Und er hat große Pläne.

Es gibt eine Skizze. Aber die hatte sich schon überholt, noch bevor Simon Konrad sie dem Auftraggeber zeigen konnte. Der Künstler braucht Freiheit. Selbst wenn es um eine XXL-Arbeit wie diese geht. Das, was Simon Konrad gerade treibt, ist im Südviertel Gesprächsthema und kaum zu übersehen. Der 20-Jährige gestaltet die komplette Fassade eines Hauses an der Rellinghauser Straße mit Graffiti.

Der Eigentümer des Wohnhauses nimmt diese beständige Unbeständigkeit ganz entspannt zur Kenntnis. Thomas Dinsing lacht, als er sagt: „Simon hatte mir anfangs einen Entwurf gezeigt. Der war gut. Jetzt hat das Kunstwerk mit diesem Entwurf nicht mehr viel zu tun.“ Gefallen findet er trotzdem an der Gestaltung seiner Fassade, die viele Jahre ein eher prunkloses Dasein gefristet hatte. Er wusste, dass er Konrad vertrauen kann. So angetan wie er sind viele Beobachter. Seit sich der junge Künstler an dem ungefähr 10 mal 17,5 Meter großen Objekt austobt, bleiben immer wieder Passanten stehen. Manche beobachten still, andere möchten mit ihm ins Gespräch kommen, was nicht schwierig ist, denn er ist ein aufgeschlossener und kommunikativer Zeitgenosse.

Eine ältere Dame hat „scheußlich, scheußlich“ gerufen, die meisten anderen sind angetan

Die meisten finden es gut, dass sich hier etwas tut. Auch wenn es am ersten Tag der Gestaltungsoffensive an der Rellinghauser Straße gleich einen kleinen Dämpfer gab: „Da ist eine ältere Frau vorbeigelaufen und hat ,scheußlich, scheußlich’ gerufen“, erzählt Konrad. Die Dame dürfte also nicht zu den über zehn Interessenten zählen, die inzwischen bei ihm angefragt haben, ob er sich ihre Fassaden auch einmal vornehmen kann.

Kunst ist Geschmacksache. Besonders wenn es sich um etwas handelt, das keine gefällige Massenproduktion ist, die es in jedem Möbelhaus zu kaufen gibt. „Ich bewege mich hier auf einem schmalen Grat zwischen dem, was öffentlichkeitstauglich ist und dem, für das ich stehe“, sagt Konrad.

Kunstwerke dieser Dimension entstehen in einem Prozess

Kunstwerke in dieser Größe mag es nicht komplett durchplanen. Sie entstehen in einem Prozess. Permanent sprudeln Gedanken und Ideen aus ihm heraus und begleiten die bunten Farben aus den Spraydosen auf ihrem Weg an die Fassade. Zu viele Worte der Erklärung will Simon Konrad nicht verlieren. „Es ist mir am liebsten, wenn die Menschen stehenbleiben und ihre eigenen Interpretationen finden.“ So viel verrät er dann aber doch: Das Motiv hat etwas mit der Vielfalt der Großstadt zu tun. Mit einem Ort, an dem Natur und Trubel zusammentreffen und ineinander übergehen.

Nur einen längeren Pinselstrich von der Fassade entfernt tobt sich der junge Künstler auf einem Dachboden aus. Dieser Raum gleicht einem Bilderbuchatelier, so weitläufig, dass hier Tennisspiele ausgetragen werden könnten: Übersät mit Leinwänden, Kunstbüchern, Pinseln und Farben. In der Ecke eine heruntergerockte Sitzecke. Vom Balkon gegenüber winkt eine gut gelaunte Frau und ruft: „Die Fassade wird richtig schön.“ Man kennt sich.

Dabei lebt Simon Konrad erst seit einem Jahr in Essen, er kommt aus Moers. In dem kreativen Südviertel rund um die „Goldbar“ hat er sich schnell heimisch gefühlt – und ist geblieben. Wer sich in seinem Atelier näher umschaut, stellt fest, dass Konrad offen ist für viele Stile: Fotorealismus, Kratztechniken, abstrakter Expressionismus. „Ich fühle mich eher den älteren Künstlern verbunden als der Gegenwartskunst“, sagt er, und seine farbverschmierten Hände wirbeln durch die Luft, wenn er gestenreich redet.

Studium an der Kunstakademie Düsseldorf ab Herbst

Die Kunst begleitet ihn schon sein ganzes, junges Leben lang. Das war schon im Kindergarten so: „Wenn die anderen Kinder auf den Spielplatz gelaufen sind, habe ich drinnen gemalt.“ Das hat sich ausgezeichnet. Inzwischen ist Simon Konrads Kunst gefragt.Einige Ausstellungen sind in Planung und ab Herbst wird er an der renommierten Düsseldorfer Kunstakademie studieren. Denn trotz aller kreativer Schaffenskraft sagt er auch: „Es ist mir wichtig, das Handwerk perfekt zu beherrschen.“

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