Kulturhauptstadt

Ruhr.2020: Jetzt soll Essen Mobilitäts-Metropole werden

Ein Essener mit Überblick: Vom Balkon seines Büros hat Oliver Scheytt eine hervorragende Aussicht auf die Stadt.

Ein Essener mit Überblick: Vom Balkon seines Büros hat Oliver Scheytt eine hervorragende Aussicht auf die Stadt.

Foto: STEFAN AREND / FUNKE Foto Services

Ruhr.2010-Chef Oliver Scheytt will im Jubiläumsjahr an Erfolge wie das Still-Leben anknüpfen und fordert das Zusammengehen aller Verkehrsbetriebe

Essen. Zehn Jahre Kulturhauptstadt: 2020 soll nicht nur Bilanz gezogen, sondern auch in die Zukunft geblickt werden. Mit der Ausgestaltung des Jubiläumsprogramms wurde der langjährige Essener Kulturdezernent und Geschäftsführer der Ruhr.2010, Oliver Scheytt, beauftragt. Scheytt will mit seinem Konzept nicht nur an die großen Erfolge des Kulturhauptstadtjahres anknüpfen. Gefeiert werden soll 2020 auch der 100. Geburtstag des heutigen Regionalverband Ruhr (RVR) – und der Aufbruch in eine neue mobile Zukunft. Was von dem mit rund 700.000 Euro veranschlagten Programm umgesetzt wird, soll sich in Kürze entscheiden. Stadt, Land, RVR sowie die mit der Organisation beauftragte Stiftung Zollverein stimmen das Konzept derzeit ab. „Der Vertrags-Vorschlag und eine entsprechende Gremien-Beteiligung werden derzeit geprüft“, sagt Stadtsprecherin Silke Lenz. Einen Ausblick gibt Oliver Scheytt schon im Gespräch mit Martina Schürmann.

Herr Scheytt, Sie waren Geschäftsführer der Ruhr.2010. Jetzt haben Sie ein Konzept zum zehnjährigen Kulturhauptstadt-Jubiläum erarbeitet. Worum soll es 2020 gehen?

Wir wollen wissen, welche Wirkung die Kulturhauptstadt langfristig erzielt hat. Das ist ja eine Grundidee der Kulturhauptstadt: Sie will etwas in den Köpfen, im Bewusstsein der Leute ändern, sowohl bei den Menschen vor Ort, als auch bei den Auswärtigen. Das zehnjährige Jubiläum bietet noch einmal Anlass zu fragen: Was hat sich verändert in der Wahrnehmung? Was von dem, was wir uns ausgedacht und realisiert haben, ist noch wiederzuerkennen, was hat sich verwandelt und welche Wirkungen sind eingetreten?

Und wie fällt die Bilanz Ihrer Meinung nach aus?

Die Kulturhauptstadt ist natürlich nicht alleine dafür verantwortlich, was sich in den vergangenen zehn Jahren in Essen positiv entwickelt hat ist. Aber sie hat einen entscheidenden Faktor gebracht: Nämlich ein anderes neues Selbstbewusstsein von dem, was wir Europa für eine Geschichte zu erzählen haben. Die Geschichte vom Wandel einer Industrieregion in eine Kulturmetropole mit fünf Opernhäusern, mit neuen Netzwerken wie den 20 Ruhrkunstmuseen, den Urbanen Künsten Ruhr und Veranstaltungen wie Extraschicht oder Emscherkunst. Das hat bei den Ruhris zu einer neuen Wahrnehmung des eigenen Umfelds beigetragen. Und wir werden außerhalb viel stärker als touristisches Ziel wahrgenommen. Deswegen sind die Besucherzahlen auf Zollverein auf über eine Million geklettert und die Übernachtungszahlen in Essen auf weit über eine Millionen gestiegen. Es gibt die touristischen Effekte, in Hotels, Gastronomie, sogar bei der Einkaufsstadt Essen.

Was entgegnen Sie den Kritikern, die die Bilanz der Kulturhauptstadt nicht so rosig sehen?

Man sollte die Bedeutung einer Kulturhauptstadt auch nicht überschätzen. Es ist ein einmalige Ereignis mit einem Gesamtetat von 80 Millionen Euro. Die Städte in der Metropole Ruhr geben zusammen jedes Jahr mehr als 350 Millionen Euro für Kultur aus. Doch die Kulturhauptstadt hat Strukturen geschaffen, die mancher inzwischen vielleicht gar nicht mehr der Kulturhauptstadt zuordnet. Nachhaltigkeitsakteure wie die Ruhrkunstmuseen, Ecce, Urbane Künste Ruhr oder die Ruhr Tourismus GmbH profitieren beispielsweise bis heute von den jährlich 4,8 Millionen Euro, die Land und RVR weiterhin an die Kultur Ruhr GmbH zahlen. Unser Ziel war es, Netzwerke zu schaffen, damit alle Städte weiter beteiligt sind und langfristig eine Gemeinschaft entsteht.

Der Vorlauf für die Jubiläumsfeier ist kurz, die Mittel knapp. Läuft man nicht Gefahr, auf die Schnelle eine Kulturhauptstadt light auf die Beine zu stellen?

Es soll ja im nächsten Jahr kein Kulturhauptstadt-Revival werden. 2020 wird aber auch der Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk, der heutige Regionalverband Ruhr (RVR) 100 Jahre alt, das soll ein weiteres Thema sein. Und wir können schon Ausblick nehmen auf die nächsten Großereignisse der Metropole Ruhr, insbesondere die Internationale Gartenausstellung 2027. Großartig wäre, wenn es auch noch gelänge, die Olympischen Spiele 2032 in die Region zu holen. Es geht nicht darum, sich selbst als Stadt oder Region zu feiern oder die Leistungen einer RUHR.2010. GmbH, wie von manchen unterstellt. Es geht darum, die Metropole Ruhr mit ihren Stärken und Schwächen zu beleuchten und zu fragen: Was sind die Erfolge der letzten zehn Jahre? Und was sind die Themen, die noch nicht bewältigt sind?

Welches Thema steht ganz oben auf der Agenda?

Der öffentliche Nahverkehr. Das ist die große Aufgabe für die nächsten zehn Jahre. Ich bin dafür, dass endlich die gesamten Verkehrsbetriebe möglichst per Gesetz aufgelöst und zu einem großen Verkehrsverbund zusammengeschlossen werden, der auch für die Technik zuständig ist und nicht nur für die Vermarktung und das Ticketsystem.

Aber der Zug fährt gerade wieder rückwärts. Sehen Sie realistische Chancen?

Wenn Olympia käme, hätte die Metropole Ruhr eine einmalige Chance, das Verkehrssystem zu erneuern. Wenn dann auch Bund und Land mitzögen, könnten wir die Metropole Ruhr mit einer Milliardeninvestition als Modellregion für moderne Verkehrssysteme zusammen mit den hiesigen Energiekonzernen völlig neu aufstellen. Wir haben keine Kohle mehr, aber wir könnten die Mobilität und den Klimaschutz zu unserem ganz großen Thema machen. Das würde weltweit beachtet. Ich vermisse aber einen politischen Willen und eine Vision, das durchzusetzen. Es würden natürlich viele Posten verloren gehen, aber es geht doch um die Zukunft der Menschen, die hier leben.

Beim Stichwort Verkehrswende denkt man an die gesperrte A40 im Kulturhauptstadtjahr. Gibt es 2020 eine Neuauflage des Still-Lebens?

Die A 40 als Feier- und Vereinsmeile ist das Bild, das alle im Kopf haben. Ob es eine Neuauflage gibt, wird am Ende eine Frage der Finanzierung und der Sicherheit sein. Was uns vorschwebt, ist diesmal auch kein Still-Leben auf dem Ruhrschnellweg, sondern eine Art Mobilleben in der Woche der Mobilität in Europa, Ende September. Eine gesperrte A 42, nur befahrbar für Radfahrer und E-Bikes, das wäre natürlich das Großereignis in Europa. Es soll nicht ein Aufguss des Still-Lebens von 2010 sein, sondern es geht darum, auf dem Emscherschnellweg ein Zeichen zu setzen. Wir sind eine Region, die sich aufmacht in eine neue mobile klimagerechte Zukunft.

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