Serie

Eine Nacht in Rüttenscheid - im Krupp-Krankenhaus

Markus Slawitzki (2.v.l.) und ein Teil des Teams der Intensivstation: (v.l.) Christian Weise, Tanja Lamm, Lisa Fischer, Felix Buschmeier, Oliver Flegel, Tanja König.

Markus Slawitzki (2.v.l.) und ein Teil des Teams der Intensivstation: (v.l.) Christian Weise, Tanja Lamm, Lisa Fischer, Felix Buschmeier, Oliver Flegel, Tanja König.

Foto: WAZ

Essen.  Im Krupp-Krankenhaus kennt der Kampf zwischen Leben und Tod keine Nachtruhe. Zwei Pfleger erzählen, warum sie ihren Beruf dennoch lieben. In Teil zwei unserer Serie „Eine Nacht in Rüttenscheid“ begleiteten wir Menschen auf der Intensivstation und Notaufnahme.

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Die ergraute Dame liegt ganz friedlich in ihrem Bett, umgeben von einer Phalanx aus Schläuchen, Monitoren, medizinischem Gerät. Beständiges Piepen hallt durch die geöffnete Tür. Markus Slawitzki nimmt es kaum noch wahr. Der 40-jährige Krankenpfleger, der sich auf die Intensivpflege spezialisiert hat, checkt die Daten auf dem Monitor, schaut etwas beunruhigt. „Ich denke nicht“, sagt er mit Bedauern in der Stimme, „dass die Frau diese Nacht überlebt.“

Die 69-Jährige kam vor gut einer Woche auf die Intensivstation des Krupp-Krankenhauses, nachdem sie versucht hatte, ihrem schweren Darmkrebsleiden mit einer Überdosis Tabletten ein Ende zu setzen. Ihr Kreislauf ist instabil. „Als Mensch respektiere ich ihre Entscheidung. Als Pfleger möchte ich alles tun, um ihr zu helfen“, sagt Markus Slawitzki, der in den vergangenen 19 Jahren unzählige Nächte wie diese erlebt hat. Drei Patienten versorgt er während seiner Schicht von 20.30 bis 6.30 Uhr.

Den Menschen, nicht die Krankheit sehen

„Der Nachtdienst macht mir nichts aus, den war ich ja immer gewöhnt“, sagt der Pfleger, der aus dem Bergbau kommt und sich im Zuge des Zechensterbens umschulen ließ. „Ich möchte im Leben nichts anderes machen“, sagt er heute. Gemeinsam mit acht weiteren Kollegen wuselt er in dieser Nacht über die hell erleuchteten Flure, deren Herzstück einer Kommandobrücke gleicht. Unbeständige Linien hüpfen über die Bildschirme, von hier aus können Slawitzki und seine Kollegen sämtliche Vitalfunktionen der 23 Patienten überprüfen. Sind Parameter wie Blutdruck oder Atemfrequenz nicht im Rahmen, ertönt ein Alarm. „An Schlaf ist deswegen nicht zu denken“, sagt Slawitzki, „dafür ist man zu viel unterwegs.“

Sagt’s und ist schon auf dem Weg zu einem weiteren Patienten. Ein 80-Jähriger, der die Augen geöffnet hat und dessen Pupille unruhig hin und her hüpft. Er wurde nach einem Herzinfarkt leblos aufgefunden. „Na, wie geht’s Ihnen?“ Slawitzki weiß, dass der Mann ihm nicht antworten kann. „Ob er uns aber nicht doch in irgendeiner Form wahrnimmt, kann man nicht sagen. Deswegen behandeln wir alle Patienten so, als könnten sie uns verstehen“, sagt der Krankenpfleger, der sich wie viele seiner Kollegen oft Bilder der Patienten aus besseren Tagen mitbringen lässt: „Das gibt den Menschen ein Gesicht und hilft uns, nicht nur die Krankheit zu sehen.“

Entsprechend traurig stimmt es ihn, wenn es Menschen von der Intensivstation schaffen und sich nicht an das Team erinnern können. „Bei vielen“, sagt Slawitzki, „wüsste ich gern, was aus ihnen geworden ist.“ Einmal erreichte die Pfleger eine Postkarte von der Nordsee, eine Patientin bedankte sich für den „Tanz über die Intensivstation“. Slawitziki lächelt: „Sie war halbseitig gelähmt. Wir griffen ihr unter die Arme, so konnten wir sie am besten transportieren. Sie hat es als Tanz in Erinnerung.“

Viele kommen nach der Arbeit in die Notaufnahme

„Ein stabiles Umfeld mit Familie, Freunden und Hobbys“, das sind für Krankenpfleger Michael Dürr elementare Voraussetzungen, um mit der Arbeit umgehen zu können. Seit 1994 arbeitet der 49-Jährige aus Burgaltendorf in der Notaufnahme des Krupp-Krankenhauses, war zuvor Schlosser. „Nach einem Arbeitsunfall sagte mir ein Pfleger, ich müsse zusehen, dass ich vom blauen in den weißen Kittel komme – das habe ich dann gemacht.“

Der späte Montagabend ist zunächst ruhig. Ein alkoholisierter Patient kann seine Hand nicht mehr bewegen, wurde wegen der neurologischen Spezialisierung ins Krupp-Krankenhaus verlegt. Darüber hinaus hat sich die Notaufnahme geleert. „Das ist selten. In den vergangenen Jahren kommen vor allem abends immer mehr Menschen. Solche, die tagsüber arbeiten und schon morgens vom Arzt zu uns überwiesen werden“, benennt Dürr eine dramatische Entwicklung. Zwei bis vier Nächte pro Monat arbeitet er im Monat, Probleme mit den Schlafzeiten hat er nicht, betont aber: „In unserem Job gibt es keinen Bio-Rhythmus.“

Alle Folgen der Serie "Eine Nacht in Rüttenscheid" finden Sie hier.

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