Stadtteil-Spaziergänge

Südviertel: Kinder, Kneipen, Kopfsteinpflaster

Die 15 Monate alte Mia auf dem Kopfsteinpflaster der Isenbergstraße. Foto Walter Buchholz

Die 15 Monate alte Mia auf dem Kopfsteinpflaster der Isenbergstraße. Foto Walter Buchholz

Foto: WAZ FotoPool

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Essen.Das Südviertel ist so klein, dass es mancher für eine unaufgeräumte Ecke von Rüttenscheid hält - doch das verbitten sich die stolzen Kiez-Bewohner. Der Stadtteil hat nicht nur eine lange Geschichte, sondern auch eine große Zukunft.

Es gibt Menschen, die die Existenz des Südviertels rundweg bestreiten, die seine trubeligen Ecken einfach Rüttenscheid zuschlagen und den weniger spektakulären Rest dem Stadtkern. Dabei hat der kleine Stadtteil mit seinen rund 11 000 Einwohnern nicht nur eine lange Geschichte, sondern auch eine große Zukunft. Als „angesagteste Lage“ in Essen beschreibt eine Maklerin aus Kettwig das Viertel zwischen RWE-Turm und Bahnhof Süd, und das Ruhrgebiets-Magazin Coolibri rät jedem, „der richtig szenemäßig unterwegs sein und Kreuzberger Flair erleben möchte“, den Isenbergplatz aufzusuchen.

Dieser Platz nämlich ist das Herz des Südviertels, in seiner Mitte spielen die Kinder im Sand, drumherum haben ihre Eltern eine Spielwiese gefunden: Café Click, De Prins und Gold Bar - jede für sich eine Kneipe mit Charakter, zusammen sind sie Kult. „Wir kennen keine Konkurrenz“, sagt Sven Dülfer, der seit 17 Jahren das Café De Prins betreibt. Der 54 Jahre alte Dülfer stammt aus Mülheim, hatte dort und auf Mallorca Gastronomie-Erfahrung gesammelt und den späteren Standort für seine holländisch angehauchte Kneipe zunächst als Gast kennengelernt: „Ich kannte die Ecke hier durchs Click, das Essens allererste Szenekneipe war.“ Als Pionier habe der damalige Click-Chef noch viel Ärger mit den Nachbarn gehabt, die den Kneipenbetrieb vor allem als nächtliche Ruhestörung empfanden. „Der hat uns allen den Weg freigeboxt; wer jetzt hier hinzieht, rechnet mit Rambazamba.“

„Rüttenscheid ist Szene, wir sind Kiez“

Während der Fußball-WM, als sogar das schicke „Emilio“ am Zipfel des Platzes den Fernseher rausstellte, entstand hier eine einzige Public-Viewing-Zone, aber auch an normalen Sommerabenden begleitet die Anwohner ein bierseliges Palaver in den Schlaf. Trotzdem sind die wenigsten Alteingesessenen fortgezogen, gilt für den Stadtteil, was Dülfer auch für sein Publikum reklamiert: „Das ist eine bunte Mischung aus Studenten, Rentnern, Künstlern, Ärzten, Anwälten und Arbeitslosen. Rüttenscheid ist Szene, wir sind Kiez.“ Und ein Migrationshintergrund sei hier anders als in anderen Viertel weder Problem noch besonderes Kennzeichen.

Existenzgründer aus aller Welt bevölkern die Straßen rund um den Isenbergplatz: Im Reisebüro „Low Budget Tours“ berät eine Holländerin; vor der Boutique „3mal“, die Mode, Schmuck und Schnickschnack aus eigener Produktion verkauft, sitzen Jana, Monique und Amineh auf einer Bank und im Frisörsalon „ ...wächst doch wieder“ ist Odilia Kara für Waschen, Tönen und Fönen zuständig. Sie hat sich bewusst fürs Südviertel entschieden und mit dem Namen des Salons klar gemacht, „dass es bei mir keine 08/15-Schnitte gibt“.

Natürlich findet man im Südviertel auch schnöde Apotheken, Bäckereien oder Kioske, Supermarkt, Sparkasse und Sonnenstudio, doch selbst der „Computer Service Klein“ hat das Schaufenster mit Piratenflaggen und Plüschsesseln liebevoll gestaltet. Ab und an weicht mal ein Bioladen einem Antiquariat, sorgt ein Yogazentrum in den Räumen einer einst düsteren Eckkneipe für Erleuchtung. „Klar, gibt es hier Fluktuation, wo Leute experimentieren, geht auch mal was daneben“, kommentiert Sven Dülfer. „Alles besser als diese uniformierten Konzept-Läden, die keine Seele haben.“

„Ihr verkauft doch olle Schuhe“

Das Südviertel hat Seele. Hat Nachbarn, die sich kennen, helfen, Tratsch erzählen. Hier traut sich eine alte Dame mit ihren abgelegten Pumps in den Second-Hand-Laden „Positiv“, mag gar nicht verstehen, dass man ihre Gabe nicht annehmen will. Trotzig weist sie auf einen Turnschuh-Berg: „Ihr verkauft doch olle Schuhe.“ Eine andere alte Frau, die manchmal im Müll Pfandflaschen sucht, schmückt regelmäßig die Gold Bar mit Blumen. Das Viertel ist keine klassische Schönheit:Pastellfarbene Altbauten schmiegen sich an schmutziggraue Bausünden und über die Moltkestraße rappelt die Straßenbahn. Viele Bewohner haben jedoch einen Blick fürs Schöne. Sie haben für das Kopfsteinpflaster auf der Isenbergstraße gekämpft, sie pflegen den Spielplatz und widmen sogar rare Stellplätze (die Parkplatznot ist legendär) in Café-Terrassen um.

„Hier findet das Leben eben draußen statt“, erklärt Sven Dülfer. Dieses Draußen umfasst übrigens auch den so beliebten wie belebten Stadtgarten, um den sich Sheraton-Hotel, Aalto-Theater, Philharmonie und Kulturhauptstadt-Zentrale gruppieren. Halten wir also fest, dass das Südviertel neben Seele durchaus auch Geld und Kultur hat. Seine Anziehungskraft bezieht es gerade aus diesem MultikultiRuhri-Arm-Reich-Alt-Jung-Alternativ-Bürokrat-Mix, den so niemand designen kann. Der umtriebige Single fühlt sich hier ebenso wohl wie die (Patchwork-)Familie.

Beliebte Wohnlage

„Das ist sicher der geburtenreichste Kiez in Deutschland“, lacht Dülfer. Ein Blick in die Statistik (oder nach Altenessen) würden das wohl widerlegen, aber man merkt, dass Kinder hier willkommen sind. Dülfer hofft, dass sich auch zukünftig Familien mit vielen Kindern und wenig Kohle das Südviertel leisten können. Ein leichter Trend zu aufgehübschten Wohnungen und angezogenen Preisen sei spürbar. „Wenn hier was frei wird, geht es in der Regel unter der Hand weg. Ich werd’ auch oft nach Wohnungen gefragt.“ So mancher kam auf ein Bier ins Südviertel - und blieb für immer.

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