PACT Zollverein

Tanzpreis für eine Körperforscherin und eine Pionierin

Die Tänzerin und Choreografin Isabelle Schad (Mitte) freut sich mit den Tänzerinnen ihrer Compagnie über den Deutschen Tanzpreis 2019. Die Veranstaltung fand im PACT Zollverein statt.

Die Tänzerin und Choreografin Isabelle Schad (Mitte) freut sich mit den Tänzerinnen ihrer Compagnie über den Deutschen Tanzpreis 2019. Die Veranstaltung fand im PACT Zollverein statt.

Foto: Ursula Kaufmann / Deutsche Tanzpreis

Essen.  Die Tanz- und Videokünstlerin Jo Parkes und die Tänzerin/Choreografin Isabelle Schad sind mit dem Deutschen Tanzpreis 2019 ausgezeichnet worden.

Die eine ist eine Körperforscherin, die Choreografie mit sozial-politischen Themen wie Gemeinschaftsbildung verknüpft. Die andere lässt den Tanz in partizipativen Projekten mitten in unsere Gesellschaft hineinwirken und aus ihr heraus. Für ihre herausragenden künstlerischen Entwicklungen im zeitgenössischen Tanz wurden die Choreografin Isabelle Schad und die Tanz- und Videokünstlerin Jo Parkes am vergangenen Freitag bei PACT Zollverein im Rahmen des Deutschen Tanzpreises 2019 geehrt. Dotiert waren die Auszeichnungen mit jeweils 5.000 Euro.

Seit 2018 wird der Deutsche Tanzpreis durch den Dachverband Tanz Deutschland ausgetragen, in diesem Jahr verband die Preisverleihung zum ersten Mal zwei wichtige Tanz-Kraftzentren der Stadt: Im Aalto-Theater wurde am Samstag die Gala gefeiert und der Tanzpreis an den Fotografen Gert Weigelt verliehen (s. überregionale Kultur), die Fachtagung „Positionen: Tanz“ und die Ehrung der beiden Vertreterinnen des zeitgenössischen Tanzes fand am Tag zuvor passend bei PACT Zollverein statt. Durch die Splittung des im vergangenen Jahr sehr dichten Programms sollten die Preisträger „noch mehr zur Geltung kommen“, erklärte der städtische Beigeordnete für Kultur, Muchtar Al-Ghusain.

Sich politisch einmischen und die Freiheit der Kunst verteidigen

Die Neuausrichtung und die konzeptionelle wie räumliche Erweiterung zeigen Wirkung – auch über die Stadt hinaus und in aktuelle Tanz-Diskussionen hinein. Wer sich auch politisch einmischen und – wie Al-Ghusain unter großem Applaus erklärte – die Freiheit der Kunst verteidigen möchte, der tut gut daran, den Blick eben auch in die freie Szene zu richten.

Mit Jo Parkes wurde eine Vertreterin des sogenannten Community Dance geehrt, der künstlerische und soziale Praxis verbindet. Die von ihr gegründete gemeinnützige Organisation „Mobile Dance“ bot beispielsweise Tanzworkshops in Berliner Flüchtlingsunterkünften an und arbeitet langfristig mit Künstlern und Hunderten von Familien, um traumatische Erfahrungen zu bewältigen.

„Projekte wie diese veranschaulichen Jos Anliegen, mittels Tanz ein größeres Zugehörigkeitsgefühl und eine stärkere Wertschätzung von Menschlichkeit zu bewirken“, beschrieb Laudatorin Clare Connor (Intendantin The Place, London) die Bedeutung von Parkes engagierter Tanzpraxis der Teilhabe.

Mal erinnern die Schwingungen an Volkstanzgruppen, mal an rotierende Maschinen

Neue Formen des kollektiven Arbeitens hat auch Isabelle Schad in den vergangenen Jahren erzeugt. Die Choreografin und Tänzerin dankte der Jury dafür, dass sie Arbeitsweisen auszeichne, in denen das Wie eine entscheidende Rolle spiele. Wie aus Bewegungen eine künstlerische Form wird, ließen ihre 16 Tänzerinnen und Tänzer in der anschließenden Performance „Collective Jumps“ erleben, die Schad 2014 gemeinsam mit dem Künstler Laurent Goldring entwickelte.

Da bilden sich im steten Rhythmus fließender, sich ständig wiederholender Arm- und Beinschwingungen Gruppierungen, die mal an Volkstanztruppen, mal an rotierende Maschinen erinnern. Welche Energie eine individuelle, minimale Verlagerung von Kraft bewirken kann! Entsprechend würdigte sie die Intendantin des Berliner HAU, Annemie Vanackere, in ihrer Laudatio als Pionierin: „Sie hat nicht nur gezeigt, wie sich somatische Praktiken in die choreografische Arbeit integrieren lassen, sondern auch, welche Bedeutung sie für soziale Gefüge haben können.“

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