Polizeieinsatz

Tödlicher Polizeischuss: Bleibt es bei der Notwehr-These?

Die Video-Szene, die belegt: Einen Angriff auf Polizisten gab es nicht. Vielmehr fiel der Schuss beim Versuch, Adel B. daran zu hindern, ins Haus und damit der Kontrolle der Polizei zu entkommen.

Die Video-Szene, die belegt: Einen Angriff auf Polizisten gab es nicht. Vielmehr fiel der Schuss beim Versuch, Adel B. daran zu hindern, ins Haus und damit der Kontrolle der Polizei zu entkommen.

Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Serivces

Essen.  Zwei Monate nach dem tödlichen Schuss eines Polizisten auf Adel B. in Essen will die Staatsanwaltschaft die entscheidende Frage bald beantworten.

Zwei Monate sind bei staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen keine lange Zeit. Schon gar nicht, wenn es gilt, einen tödlichen Polizeieinsatz aufzuklären. Im Fall des Mitte Juni in Altendorf erschossenen Adel B. hat man sich also ziemlich ins Zeug gelegt: Schon in wenigen Tagen, so bestätigte jetzt die Sprecherin der Essener Staatsanwaltschaft, Oberstaatsanwältin Anette Milk, will man die entscheidende Frage abschließend beantworten: Wird der Schütze – ein gerade mal 22-jähriger Polizist – angeklagt oder das Verfahren eingestellt? Einiges spricht dafür, dass die Ermittler am Ende doch der Notwehr-Theorie zuneigen.

Auch wenn das Handy-Video eines Nachbarn zeigt: Der tödliche Zwischenfall hat sich ganz sicher nicht so zugetragen, wie von der Polizei anfangs geschildert. Adel B., der 32-jährige psychisch offenbar labile und vorgeblich lebensmüde Mann, war mit seinem Messer eben nicht auf die Polizei losgegangen. Vielmehr war die Polizei auf ihn zugestürmt: Beim Versuch, ihn daran zu hindern, dass er den Hausflur seines Wohnhauses erreicht und die Tür hinter sich schließt, hatte einer der drei Beamten einen einzigen, den tödlichen Schuss abgefeuert. Durchs Türglas in die Brust.

Verletzt oder auch nur getroffen wurde keiner der Beamten

Adel B. hatte seine Haustür an der Drügeshofstraße nicht gänzlich zubekommen. Der letzte kleine offene Spalt, er bietet wohl auch den nötigen Platz, um an der Notwehr-Theorie festzuhalten. Denn einer der Polizisten, so Oberstaatsanwältin Milk, habe seinen Fuß in der Tür gehabt – und Adel B., so beteuern laut Milk die eingesetzten Beamten, habe „mit dem Messer durch den Schlitz gefuchtelt“. Wohl um zu verhindern, „dass der Polizist; der der Tür am nächsten stand, in den Spalt hineingeht“.

Verletzt oder auch nur getroffen wurde keiner der Beamten. Es hätte vom späteren Opfer auch einiges an Verrenkung erfordert, von drinnen die draußen stehenden Beamten zu bedrohen. Das jedenfalls legt das Handy-Video von Nachbar Lothar Krech (55) nahe. Es zeigt auch, dass zwischen dem beherzten Tritt der Polizisten gegen die Haustür und dem tödlichen Schuss keine drei Sekunden liegen. Wie die Situation direkt an der Tür wirkte, wissen aber eben auch nur jene drei Polizisten, die ganz nah dran waren. Dem Vernehmen nach haben sie ausgesagt, Adel B. drohte, seine Familie „aufmischen“ zu wollen. Ein guter Grund, harte Bandagen anzulegen, weil eine unkontrollierbare Situation mit mehreren kleinen Kindern niemand wollte.

Die Lebensgefährtin verfolgte das Drama per Handy

Allein: Dass dieser Begriff „aufmischen“ oder eine ähnliche Formulierung gefallen ist, bestreitet eine Zeugin, die dabei war, zumindest am Telefon: Bianca Czaplinski, die Lebensgefährtin des Opfers. Weil Adel B. sie angerufen hatte, konnte sie das Drama an diesem Morgen per Handy verfolgen – bis zum tödlichen Schuss. Auch ein anderer Widerspruch bleibt: Augenzeuge Lothar Krech, der aus seiner Dachgeschosswohnung das Handy-Video gedreht hatte, bleibt ausdrücklich bei seinem Vorwurf, die Polizei hätte das Video auf seinem Handy gelöscht – und nicht nur verlustfrei per Datenkabel überspielt, wie die Staatsanwaltschaft betont hatte. Widersprüche, die einen ratlos zurück lassen.

Auch die Politik: Sie soll Mitte September im Innenausschuss des NRW-Landtages einen Bericht erhalten.

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