Sprachforschung

Uni Bonn sucht Bürger in Essen, die Ruhr-Dialekt sprechen

So spricht man in Essen: Der Komödiant Uwe Lyko verkörpert seit Jahrzehnten die Figur „Herbert Knebel“. Viele seiner Sätze beginnen mit: „Boh, glaubse . . .“

So spricht man in Essen: Der Komödiant Uwe Lyko verkörpert seit Jahrzehnten die Figur „Herbert Knebel“. Viele seiner Sätze beginnen mit: „Boh, glaubse . . .“

Foto: Foto: dpa

Essen.  Die Uni Bonn erstellt den „Dialektatlas Mittleres Westdeutschland“. Gesucht werden Bürger in Essen, die Ruhrdeutsch oder altes Platt sprechen.

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Die Uni Bonn sucht Essener Bürger, die mithelfen wollen, einen „Dialekt-Atlas Mittleres Westdeutschland“ zu erstellen. Sprachforscher nehmen dazu die Stimmen von Männern und Frauen auf, die zwischen 30 und 45 Jahre alt oder über 70 sind. Gesucht werden Bürger, die Ruhrdeutsch beziehungsweise -dialekt oder noch echtes „Plattdeutsch“ sprechen. Diese beiden Altersgruppen interessieren die Forscher deshalb, weil ermittelt werden soll, ob Dialekte und Mundarten die Jahrzehnte überstehen – oder wo sie noch zu Hause sind.

Klassiker im Ruhrdeutsch: „Hömma“ und „Komma“

Die Wissenschaftler der Uni Bonn besuchen dazu die Teilnehmer zu Hause, legen ihnen Fotos vor, sodass die Bürger beschreiben sollen, was sie sehen. Dabei läuft ein Aufnahmegerät. Auch so genannte „Satzkarten“ kommen zum Einsatz – mit Worten, die dann einfach vorgelesen werden.

„Wir wollen zum Beispiel ermitteln, wie im Ruhrdeutsch Worte zusammengezogen oder abgekürzt werden“, sagt Lisa Glaremin, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Germanistik der Uni Bonn. Bestes Beispiel: Aus „Hör mal“ wird „Hömma“, aus „Komm mal“ wird „Komma“. In Wissenschafts-Deutsch heißt das so: „Das Ruhrdeutsch ist geprägt durch Reduktionsformen von ursprünglich standardsprachlichen Ausdrücken.“ So steht es in der Projektbeschreibung des „Dialekt-Atlas Mittleres Westdeutschland“.

3000 Interviews werden für den Dialekt-Atlas geführt

Die Aufnahmen, die in Essen und im Ruhrgebiet gesammelt werden, sollen unter „phonetisch-phonologischen, morphologischen, syntaktischen und lexikalischen Gesichtspunkten“ untersucht werden, was nichts anderes bedeutet als: „Es geht um den Klang der Worte, die Benutzung der Grammatik, den Satzbau und welche Worte benutzt werden“, erklärt Lisa Glaremin, die derzeit ihre Doktor-Arbeit über das Ruhrdeutsch schreibt.

Für den „Dialekt-Atlas Mittleres Westdeutschland“ werden insgesamt 3000 Interviews in der Region geführt. Ermittelt werden soll unter anderem auch, welche Dialekte überhaupt noch existieren. Der Atlas, der bereits online besteht, wird laufend aktualisiert, und die Forschungen dauern an bis zum Jahr 2032. Das Projekt ist auf insgesamt 17 Jahre angelegt.So sagt man’s im Revier

„Essen sein Grugapark“: Wissenschaftler nennen es das „possessive Dativ“

Die berühmte, falsche Verwendung des Dativs („Essen sein Grugapark“) nennt man übrigens linguistisch einen „possessiven Dativ“. Die Sprachwissenschaftler gehen davon aus, dass der Einfluss polnischer Zuwanderer auf das Ruhrdeutsch viel weniger Einfluss hatte, als bislang angenommen. Völlig falsch sei, haben die Wissenschaftler bereits festgestellt, dass das Ruhrgebiet als sprachlicher Schmelztiegel funktioniere: „Studien zeigen, dass das Ruhrdeutsch wesentlich durch die alten, lokalen Dialekte geprägt ist.“ Das bedeutet: In Oberhausen spricht man, dialekttechnisch gesehen, anders als in Hamm, und in Essen anders als in Recklinghausen.

Wer von den Sprachwissenschaftlern der Uni Bonn besucht werden möchte, wendet sich an Lisa Glaremin,

0228/73-7983. E-Mail: glaremin@uni-bonn.de.

Der entstehende Dialekt-Atlas ist hier abrufbar: www.dmw-projekt.de

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