Volkshochschule

VHS: Lese- und Schreibkurse für Analphabeten künftig gratis

Am 20. September eröffnet die Essener VHS das neue Semester. Der Tag - und das ganze Halbjahr - hat Analphabetimus zum Schwerpunkt.

Am 20. September eröffnet die Essener VHS das neue Semester. Der Tag - und das ganze Halbjahr - hat Analphabetimus zum Schwerpunkt.

Foto: Uwe Anspach / dpa

Essen.  In Essen gibt es schätzungsweise 30.000 Bürger, die nicht richtig lesen und schreiben können – Deutsche wie Migranten. Die VHS will gegensteuern.

Die Volkshochschule (VHS) bietet ihre Lese- und Schreibkurse für Erwachsene künftig gratis an. Das hatte der Kulturausschuss der Stadt bereits im Juni beschlossen. Das Thema Alphabetisierung bildet einen deutlichen Schwerpunkt im Herbstsemester ab September 2019. Das neue Programm ist am Mittwoch von der Leitung der Volkshochschule vorgestellt worden.

„Man schätzt, dass 30.000 Erwachsene in Essen nicht richtig lesen und schreiben können“, sagt Michael Imberg, der Direktor der VHS. Pro Semester nähmen rund 130 Männer und Frauen an so genannten Alphabetisierungskursen der Volkshochschule teil – die Hälfte davon sind Deutsche, die andere Hälfte Migranten. Hinzu kommen rund 130 Migranten in den so genannten Integrationskursen. Die Kurse kosten die Teilnehmer nicht viel Geld: „Inklusive Unterrichtsmaterial müssen die Teilnehmer von Alphabetisierungskursen, die oft Hartz IV oder andere Sozialleistungen erhalten, etwa 40 bis 50 Euro pro Semester bezahlen“, sagt Heike Reintanz, die stellvertretende Direktorin der VHS. „Trotz der relativ geringen Summe sind diese Kosten für manche eine Hürde. Wir wollen, dass die Alphabetisierung der Gesellschaft möglichst ohne Hürden verläuft.“

Große Schwierigkeit: Wie erreicht man die Zielgruppe?

Ein großes Problem bei Lese- und Schreibkursen für Erwachsene bleibt: Wie macht man auf sein Angebot aufmerksam, sodass die Zielgruppe wirklich davon erfährt? „Trotz aller bisherigen Bemühungen über Multiplikatoren ist in den letzten Jahren die Anzahl der Teilnehmer nicht deutlich gestiegen“, heißt es in der Beschlussvorlage zum Thema, über die der Kulturausschuss entschied. Heike Reintanz räumt ebenfalls ein: „Nur sehr wenige Betroffene finden den Weg in unsere Kurse.“

Entsprechend will man bei der VHS die Bemühungen verstärken, auf das Angebot aufmerksam zu machen: Auf der Internet-Seite der VHS gibt es jetzt einen Film, der ohne Schriftzeichen auskommt – und den Weg vom Hauptbahnhof ins Büro der zuständigen Fachleiterin bei der VHS erklärt, sodass sich Betroffene einfacher als bislang anmelden können.

Die Eröffnung des Herbstsemesters soll ebenfalls dazu genutzt werden, mögliche Kandidaten für Alphabetisierungskurse zu gewinnen: Am 20. September, dem Tag des Semesterstarts, wird es eine große Veranstaltung zum Thema auf der Kettwiger Straße geben. Das „Info-Mobil“ des Bundesverbandes für Alphabetisierung ist eingeladen. Eine Ausstellung in den Räumen der VHS soll im Herbst eröffnet werden.

Analphabetismus führt zur Vererbung von Armut

Hinter allen Bemühungen steht immer auch das Ziel, das Thema Analphabetismus vom Tabu zu befreien. „Betroffene verstecken sich über Jahrzehnte, ziehen sich zurück und leiden“, sagt Heike Reintanz. Mit Tricks wie „Ich hab’ meine Brille vergessen, können Sie mir mal eben vorlesen, was da steht“, kämen sie durch den Alltag. Grundsätzlich ist fehlendes Lese- und Schreibvermögen einer der Hauptgründe dafür, warum sich Armut vererbt: Frauen, die nicht richtig lesen und schreiben können, bekommen früher und mehr Kinder als andere Frauen. Elternabende werden vermieden, aus Angst. Und ihre Kinder bei den Hausaufgaben unterstützen können diese Frauen auch kaum: „Der Kreislauf der sozialen Vererbung von Bildungsarmut und Bildungsferne läuft immer weiter“, heißt es in der Vorlage des Kulturausschusses treffend.

Es geht um gerade mal 5400 Euro

Wenn die VHS künftig ihre Lese- und Schreibkurse für Erwachsene gratis anbietet, entsteht eine Finanzlücke im VHS-Haushalt von 5400 Euro pro Jahr. „Diese Lücke schließen wir, indem wir diese Summe in anderen Bereichen selbst erwirtschaften“, kündigt Michael Imberg an, der Direktor der VHS. Die Maßnahme, die Kurse kostenfrei zu halten, ist zunächst für zwei Jahre begrenzt.

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