WAZ öffnet Pforten

Ein Blick hinter die Kulissen im Essener Polizeipräsidium

Nicht gerade ein Wohlfühlort: Dirk Vennemann zeigt der Besuchergruppe im Polizeigewahrsam des Präsidiums eine Ausnüchterungszelle. „Frieren muss hier allerdings niemand“, betont er.

Nicht gerade ein Wohlfühlort: Dirk Vennemann zeigt der Besuchergruppe im Polizeigewahrsam des Präsidiums eine Ausnüchterungszelle. „Frieren muss hier allerdings niemand“, betont er.

Foto: Socrates Tassos / FUNKE Foto Services

Die Sommeraktion „WAZ öffnet Pforten“ hat begonnen. Sechs Wochen lang schauen Zeitungsleser hinter die Kulissen zumeist unzugänglicher Orte.

Die beliebte Sommeraktion dieser Zeitung hat begonnen, in den nächsten Wochen heißt es wieder „WAZ öffnet Pforten“. An kaum zugänglichen Orten dieser Stadt haben Zeitungsleser die exklusive Möglichkeit, hinter die Kulissen zu schauen. Das Polizeipräsidium an der Büscherstraße machte am Dienstag den Auftakt der Pforten-Aktion.

Im zweiten Obergeschoss nehmen die Zeitungsleser auf bequemen Bürostühlen Platz. Bei großen Lagen, etwa einem spektakulären Banküberfall, sind alle 22 Plätze an dem XXL-Konferenztisch besetzt, vor jedem Beamten steht ein Monitor. Jörg Metz und Dirk Vennemann von der Abteilung Öffentlichkeit spielen ein solches Szenario durch und schauen in die Runde: „Selbst mitten in der Nacht müssen nach spätestens einer halben Stunde alle Kernpositionen besetzt sein, alle am Tisch beraten den Polizeiführer, jeder einzelne kennt seine Aufgabe“, sagt Metz.

Sobald ein Großeinsatz gefahren werde, seien in der Stadt 400 bis 500 Polizisten im Dienst, die von dieser Kommandozentrale gesteuert würden. Große Lagen – das können Fußballspiele sein, Demonstrationen oder mutmaßliche Terrordrohungen. „Ein großer Fall war die Räumung des Einkaufszentrums Limbecker Platz wegen einer angeblichen Bombendrohung durch mutmaßliche IS-Terroristen“, berichtet Jörg Metz.

Vom Lageraum geht’s weiter in die Leitstelle direkt nebenan. Ein abgedunkeltes Großraumbüro, in dem an diesem Tag sieben Leute den Polizeinotruf 110 verkörpern. Zu Spitzenzeiten, etwa samstags nachts, wenn Essen feiert, trinkt und so manches arg aus dem Ruder läuft, nehmen sogar ein Dutzend Beamte Notrufe entgegen.

Obwohl alle sieben gleichzeitig telefonieren, herrscht hier eine gedämpfte Ruhe. Während es für die Anrufer am anderen Ende der Leitung womöglich um Leben und Tod geht, müssen die hochkonzentrierten Männer und Frauen des Leitstellen-Teams betont ruhig bleiben.

„Ein Radfahrer soll sich daneben benommen haben“, sagt die Beamtin einem Kollegen und schickt ihn zum nächsten Einsatzort. Ausgerechnet in der Leitstelle, einem der sensibelsten Orte des Präsidium, spüren die Polizisten sehr drastisch den Fluch der Technik. Denn dank des Handybooms geht bei bestimmten Ereignissen eine Flut von gut 300 Anrufen über das Team hernieder. „Alle rufen auf einmal an und alle wollen dasselbe mitteilen“, sagt Jörg Metz.

In einer Ecke der Leitstelle hat die Polizei eigens ein Dutzend Monitore für die nicht unumstrittene und personalintensive Videobeobachtung am Rheinischen Platz eingerichtet. Die Besuchergruppe verfolgt die Live-Bilder, die die Überwachungskameras ins Präsidium schicken, aber Verdächtiges ist gerade nicht zu sehen. „Die Dealer wären doch dumm, wenn sie vor laufender Kamera Drogen handelten“, wirft eine Leserin ein. Doch die Polizisten widersprechen. „Der Ort ist nach wie vor ein Hot Spot und wir schnappen hier ständig Tatverdächtige.“ Leserin Martha Schumacher aus Stadtwald jedenfalls findet Verbrechensbekämpfung wichtiger als Datenschutz. „Diese Videobeobachtung ist sinnvoll.“

Anja Roer ist mit Sohn Christian gekommen und von der Pforten-Aktion begeistert. „Letztes Jahr habe ich mir die Justizvollzugsanstalt angeschaut.“

Fast zwei Stunden dauert die Tour durchs Präsidium, die das Polizeigewahrsam nicht auslässt. Es geht durch den Innenhof rüber zu einem riesigen neuen Käfig, den selbst große Mannschaftswagen mit einem Dutzend festgenommener Hooligans befahren können.

Die Gruppe passiert eine Sicherheitsschleuse („Vorsicht Waffenverbot“) und findet sich plötzlich in einem hellgefliesten, unmöblierten Raum wieder. „Das ist die Ausnüchterungszelle“, sagt Polizist Dirk Vennemann. Und fügt hinzu: „Dieser Raum ist alles andere als komfortabel, aber frieren muss hier niemand, selbst wenn er nur noch die Unterhose anhat.“ Die Fußbodenheizung sorge für eine angenehme Temperatur von 25 Grad, außerdem gebe es Decken.“

Leserin Annegret Battling aus Rüttenscheid verlässt das Polizeipräsidium mit zufriedener Miene. Sie ist beeindruckt von dem enormen personellen Aufwand und dem hohen technischen Standard, den die Polizei bietet. „Ich habe ein gutes Gefühl“, sagt sie.

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