IW-Regionalstudie

Wirtschaftsstudie: Essen will nicht in ein Boot mit Duisburg

Seit anderthalb Jahren im Amt: Essens Wirtschaftsförderer Andre Boschem.

Seit anderthalb Jahren im Amt: Essens Wirtschaftsförderer Andre Boschem.

Foto: André Hirtz / Funke Foto Services

Essen.  Das IW-Institut zählt Essen zu den gefährdeten Regionen. Wirtschaftsförderer sind verärgert. Essen spiele in einer anderen Liga als die Nachbarn.

Der städtische Wirtschaftsförderer Andre Boschem hat die jüngste Zukunftsstudie des Instituts der deutschen Wirtschaft scharf kritisiert. „Ich war sehr verärgert über das Ergebnis, weil es unser Engagement, das Image der Stadt zu verbessern, zunichte macht“, sagte Boschem. Die Studie hatte 19 Regionen in Deutschland ausgemacht, die in ihrer Entwicklung gefährdet seien. Dazu zählte neben vielen ostdeutschen Gebieten auch das Ruhrgebiet – allen voran die Region Essen-Duisburg. Die Forscher sehen besonders die anhaltend hohe Arbeitslosenquote und die kommunale Verschuldung als Hauptlasten. Weitere Negativfaktoren sind die Produktivität und die Überschuldung privater Haushalte. Die daraus abgeleitete Botschaft, zu den abgehängten Regionen zu gehören, sei für den Wirtschaftsstandort Essen eine „Katastrophe“, meint Boschem.

„Natürlich gibt es diese Probleme. Ich will da auch nichts schönreden“, sagte er. Allerdings sei Essen in der Studie „ungerecht behandelt“ worden, weil es mit schlechter dastehenden Städten zusammen bewertet wurde. „Im Endergebnis wird Essen dadurch abgewertet“, glaubt der Chef der Essener Wirtschaftsförderung. Zusammen mit Essen betrachtet die Studie die Städte Mülheim, Oberhausen, Duisburg sowie die niederrheinischen Kommunen Kleve und Wesel als eine Region.

Im Prognos-Zukunftsatlas schneidet Essen besser ab

Boschem verweist auf eine fast zeitnah erschienene Untersuchung des Prognos-Institutes aus dem Juli. In dessen Zukunftsatlas schneidet Essen von 401 Städten und Kreisen mit einem 239. Platz recht passabel im Mittelfeld ab und lässt Städte wie Duisburg (317.) und Oberhausen (378) weit hinter sich.

Einen positiven Aspekt kann Boschem der Studie dennoch abgewinnen: „Sollte es darum gehen, endlich das Schuldenproblem der kommunalen Haushalte anzugehen und die Städte zu entlasten, dann wäre das wunderbar.“

Dennoch werde sich die Wirtschaftsförderung von der IW-Studie nicht entmutigen lassen. „Wir setzen unsere Strategie fort“, sagte Boschem. Unter anderem hatten die Forscher als eines der Probleme dargestellt, dass das Ruhrgebiet und besonders Essen stark von einzelnen Konzernen und Branchen abhängig sei. Andrea Demler, Chefin der Arbeitsagentur in Essen, widerspricht dem: „Davon haben wir uns entfernt. Was mir zu wenig herüberkommt, ist die Stärke der mittelständischen Wirtschaft in Essen. Diese Unternehmen bewegen den Arbeitsmarkt und schaffen die Arbeitsplätze, nicht die Konzerne.“ Boschem ergänzte, dass in Essen im ersten Halbjahr so viele Büroflächen wie noch nie vermietet wurden. „Das ist ein Indiz, wie gefragt der Standort ist.“

Essener Wirtschaftsförderung macht jetzt auch Arbeitsmarktförderung

Um die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt in Essen weiter zu stärken, hat sich die Wirtschaftsförderung neu positioniert. Neben einer bereits gestarteten Imagekampagne für den Standort setzt sie stärker auf Internationalisierung und hat die Kontakte nach Fernost, vor allem Japan und China, ausgebaut. Auch die Ansiedlung und Betreuung von innovativen Start-ups nimmt die EWG stärker als in der Vergangenheit in den Fokus. Außerdem gibt es seit dem 1. Juli einen neuen Bereich Arbeitsmarktförderung. Dort will sich die Wirtschaftsförderung zusammen mit mehreren Partnern aus der Region erstmals aktiv der Fachkräftegewinnung und dem Abbau der Arbeitslosigkeit in der Stadt widmen. Moderne Wirtschaftsförderung bedeute nicht mehr, allein Flächen an ansiedlungswillige Unternehmen zu vermitteln. „Wenn wir nicht nachweisen können, dass wir die Fachkräfte haben, dann sind wir nicht relevant für Unternehmen“, unterstreicht Boschem. Insofern sei die hohe Arbeitslosigkeit auch eine Chance für die Stadt, weil es hier im Gegensatz zu vielen anderen Regionen noch Arbeitskräfte gebe.

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