Luxus

Essen: Wo Prominente teure Maßanzüge fertigen lassen

Der Essener Maßkonfektionär Jörg Messerschmitt.

Der Essener Maßkonfektionär Jörg Messerschmitt.

Foto: Vladimir Wegener / FUNKE Foto Services

Essen.  Jörg Messerschmidt verkauft in Essen maßgeschneiderte Bekleidung und ruft Preise auf, die für viele unerschwinglich sind. Luxus sei das nicht.

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Einen maßgeschneiderten Anzug gibt es bei Jörg Messerschmidt ab 700 Euro aufwärts, bei 4000 Euro ist dann Schluss. Dafür muss ein Durchschnittsverdiener lange arbeiten. Trotzdem mag der Essener Maßkonfektionär nicht von Luxus reden, wenn man sein Sortiment unter eine Überschrift packen wollte. „Das klingt so dekadent und halbseiden, damit habe ich nichts zu tun.“ Das Wort Qualität genüge ihm als Beschreibung seines Angebots vollkommen.

Der Wagenpark bietet ein paar Hinweise zur Kunden-Struktur

Qualität, die man sich allerdings erst einmal leisten können muss, der Wagenpark in der alten, umgebauten Hofanlage an der Meisenburgstraße liefert zur Kundenstruktur gewisse Fingerzeige. Rare Oldtimer und Premium-Autos bestimmen das Parkplatz-Bild in der kleinen Enklave zwischen Bredeney und Kettwig, wo neben Messerschmidt auch noch zwei andere Anbieter aus der Mode- und Accessoire-Branche ihre Domizile haben.

Zur Tür herein kommt zumindest an diesem Samstagmorgen dann in lockerer Folge eine bunte Mischung von Männern, denen man das viele Geld allenfalls auf dem zweiten Blick ansieht. Auch eine Jeans kann man sich ja einiges kosten lassen. Bei Messerschmidt wird übrigens auch dieses eher robuste Beinkleid dem kaufkräftigen Herrn auf den Leib geschneidert, für exakt 289 Euro pro Stück.

„Teuer“ – kommt drauf an, was einem individuell angepasste Kleidung wert ist

Ist das nun teuer? Auch das ist ein Wort, mit dem der 53-Jährige wenig anfangen kann. Es komme halt immer darauf an, was einem die Freude Wert ist, die eine individuell angepasste Kleidung beschere.

Mit Namen ist Jörg Messerschmidt erwartungsgemäß sparsam. „Vorstände von Essener Unternehmen habe ich als Kunden, da gehe ich dann zum Maßnehmen ins Haus“, sagt er. Partner von Düsseldorfer Kanzleien gehören ebenso zum Stamm wie einige Paradiesvögel, die auf stilvolle Weise auffallen wollen.

Zwei Kunden-Namen lässt er sich entlocken, aber sie sollen anonym bleiben

Zwei konkrete Kunden lässt er sich dann doch entlocken, zwei die allerdings nicht gerne ihren Namen hier lesen möchten, wohl weil sie glauben, dass es ihrem Image schadet, wenn sie mit Maßkonfektionen in Verbindung gebracht werden. Der eine ein Essener Spitzenpolitiker, der andere der Leiter einer Landesbehörde.

Auch bei der Polizei gibt es Kunden: Die Unterkunft der SEK-Bereitschaft an der Norbertstraße ist quasi nebenan, was kurze Wege bedeutet und sich für Messerschmidt hin und wieder auszahlt. „Einige von den Jungs haben ihre Hochzeitsanzüge bei mir machen lassen.“ Und bevor nun Verwunderung ausbricht über das normalerweise nicht eben üppige Gehaltsgefüge bei der Polizei: „Ein Anzug für 700 Euro von mir ist ja gar nicht mehr so weit entfernt von den Anzügen in den Mode-Kaufhäusern“, gibt Jörg Messerschmidt zu bedenken.

Der Preis stecke hier im Produkt, nicht im Marketing, sagt Messerschmidt

Und da Qualität auch etwas mit Haltbarkeit und Nachhaltigkeit zu tun habe, sei der Abstand faktisch noch geringer - oder kehre sich sogar um. „Bei mir steckt mehr Produkt im Preis“, so Messerschmidt selbstbewusst. Allein der Marketing-Anteil sei bei Markenware enorm hoch. Und den zahle der Kunde nun mal mit.

Besonders augenfällig sei dies bei Schuhen, die Messerschmidt ebenfalls auf Kundenmaß anfertigen lässt - ab 320 Euro aufwärts. Bei rund 250 Arbeitsschritten für den handgemachten Schuh sei das nicht zuviel, meint er. Und: „So ein rahmengenähter Schuh kann bei guter Pflege 20 Jahre halten.“ Im Ergebnis habe man also mehr Freude und spare auf Sicht sogar Geld. Luxus kann also durchaus „preis-wert“ im Wortsinne sein, doch zur Wahrheit gehört natürlich auch: Man muss das Geld erst mal haben.

Zwei Mega-Trends verstärken das Geschäft

Der Kundenverkehr an diesem Vormittag belegt, das es für Jörg Messerschmidt nicht schlecht läuft. Er profitiere, sagt er, von zwei Mega-Trends, die sich gegenseitig verstärkten: der Individualisierung und dem „Customizing“, dem Anpassen des Angebots an die speziellen Wünsche von Kunden. Immer mehr Menschen möchten sich heute mit etwas Eigenem umgeben, das es nur für sie gibt, und zwar gerade bei der Bekleidung.

Hinzu kommt: Messerschmidt, der eigentlich aus einer Schreiner-Dynastie stammt und selbst auch dieses Handwerk erlernte, versteht etwas von Stilfragen, hat sogar schon ein Buch geschrieben über gute Kleidung und woran man sie erkennt. Das ist schon deshalb nützlich, weil mit dem Konto nicht zwingend der gute Geschmack mitwächst. Jene, die immer noch glücklich sind, wenn sie für große Marken-Namen viel zu viel Geld bezahlen, können bei Messerschmidt lernen, dass Qualität und demonstrative Insignien des Reichtums oft zweierlei sind - wenn sie denn wollen.

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