Wünschewagen

Wünschewagen fährt Todkranke in Essen zu Sehnsuchtszielen

Noch einmal das Meer riechen und spüren: Diesen Wunsch erfüllen die ehrenamtlichen Helfer vom ASB den Menschen gern.   

Noch einmal das Meer riechen und spüren: Diesen Wunsch erfüllen die ehrenamtlichen Helfer vom ASB den Menschen gern.   

Foto: Foto / ASB

Essen.  Seit fünf Jahren gibt es den Wünschewagen in Essen. Jetzt hat sich ein Förderverein gegründet, um noch viele Herzenswünsche erfüllen zu können.

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Eine Fahrt ans Meer, ein Besuch im Stadion des Lieblingsvereins oder die Teilnahme an der Hochzeit der Tochter: Seit fünf Jahren gibt es in Essen den Wünschewagen des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB), der todkranken Menschen einen letzten Wünsch erfüllt. Um das Projekt weiter finanzieren zu können, hat sich jetzt ein Förderverein gegründet. Rund 600 Wünsche habe man bereits erfüllen können und so den Menschen kurz vor dem Lebensende noch einmal ein Lächeln ins Gesicht gezaubert.

Auch wenn das für die Ehrenamtlichen kein leichter Job sei und einen das Schicksal der Menschen oft noch lange beschäftige – die glücklichen Stunden, die man den Schwerstkranken und ihren Angehörigen schenken könne, seien die Anstrengung allemal wert, erklärt Ralph Steiner, stellvertretender Vorsitzender des Vereins. Der 59-jährige Optikermeister aus Essen-Rellinghausen hatte damals die Idee, einen Wünschenwagen in seiner Heimatstadt zu etablieren.

In Essen fährt der Wünschewagen seit 2014 Todkranke zu ihren Sehnsuchtszielen

Was 2014 in Essen begann, ist inzwischen ein bundesweites Projekt geworden. 24 Wünschewagen und rund 1300 Ehrenamtliche seien unterwegs, um Menschen in der letzten Lebensphase Träume zu erfüllen. In anderen Ländern gibt es ähnliche Projekte schon länger.

2011 sei er mit seiner Frau in Israel in Urlaub gewesen, erzählt Steiner. „Mir fiel in Tel Aviv ein besonderer Krankenwagen auf – eine Wünsche-Ambulanz. Da ich seit dem Zivildienst 1979 beim Arbeiter-Samariter-Bund ehrenamtlich im Rettungsdienst aktiv bin, habe ich einen Blick für Rettungsfahrzeuge“, sagt Steiner, der hauptberuflich seit 38 Jahren bei Optik Scheffer an der Frankenstraße tätig ist, erst als Angestellter, jetzt als Inhaber. „Ich war sofort davon begeistert, die Idee, die ihren Ursprung in den Niederlanden hat, auf Deutschland zu übertragen.“

Bis der Wünschewagen in Essen als erster in Deutschland seinen Dienst aufnehmen konnte, dauerte es noch bis 2014. Die Organisation sei nach wie vor sehr aufwendig, erläutert Ralph Steiner. Das Team der Ehrenamtlichen aus Ärzten, Sanitätern und Krankenschwestern müsse zusammengestellt, die Finanzierung geklärt werden. Die Koordination der Einsätze erfolge durch Hauptamtliche, dafür habe der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) anderthalb Stellen eingerichtet. „Das erste Auto hat 100.000 Euro gekostet“, erinnert sich Steiner.

Zwei Essener Wünschewagen übernehmen Einsätze im gesamten Ruhrgebiet

In Essen seien aktuell zwei Wünschewagen unterwegs, die die Fahrten im Bereich Rhein-Ruhr übernähmen. Ganz oben auf der Wunschliste stünden im Sommer Fahrten ans Meer. „Das Auto kennt den Weg zur holländischen Nordseeküste schon quasi allein. Auch die Elbphilharmonie in Hamburg ist ein häufig angesteuertes Ziel“, sagt Steiner. Zu den Fußballvereinen der Umgebung habe man bereits guten Kontakt, denn viele Kranke möchten zu ihrem Verein ins Stadion. Auch das eigene Tier noch einmal zu sehen, sei ein häufig geäußerter Wunsch.

„Wir ermöglichen aber auch die Teilnahme an Familienfesten wie Hochzeiten oder Taufen sowie an Beerdigungen. Und manche Menschen wollen einfach noch einmal zurück in ihre Wohnung, die sie als medizinischer Notfall ohne Abschied verlassen mussten und nie wieder dorthin zurückgekehrt sind. Sie wollen dort einfach noch mal mit der Familie Kaffee trinken“, schildert Ralph Steiner die Einsätze. Manchmal liege das Ziel ganz nah, wie bei einem Jugendlichen, der einfach ein paar Stunden in einem Gitarrengeschäft verbringe wollte. Manchmal müsse man aber auch Übernachtungen einplanen, wie einer Fahrt nach Polen.

Bei den Einsätzen halte sich das begleitende Team aus zwei bis drei Helfern im Hintergrund. Der Wünschewagen selbst verfüge zwar über die Einrichtung eines Rettungswagens, die sei aber weitgehend versteckt, um für eine angenehme Atmosphäre zu sorgen. „Der Wünschewagen hat Panoramafenster, damit die Fahrgäste – wir nennen sie bewusst nicht Patienten – die Fahrt genießen können“, sagt Steiner.

Oft sind die Fahrgäste Krebspatienten

Für die schwerkranken Fahrgäste – häufig sind es Krebspatienten zwischen 45 und 70 Jahren – sei die Fahrt im Wünschewagen kostenlos. Pro Wunsch kalkuliere man mit 1400 bis 1500 Euro an Kosten. Das Projekt sei in den ersten zwei Jahren vom ASB vorfinanziert worden, laufe jetzt über Spenden, zum Beispiel Kondolenzspenden.

Der Kontakt zu den Menschen in der letzten Lebensphase komme oft über die Hospize zustande. In der Regel verliefen die Ausflüge in angenehm-heiterer Atmosphäre, auch wenn mal eine Träne fließe. „Aber das können die Ehrenamtlichen, die ja geschult werden, aushalten“, so Steiner. Eine Arzt attestiere vorher die Transportfähigkeit des Kranken. Nur einmal habe man bisher eine Fahrt abbrechen müssen, weil es dem Fahrgast plötzlich sehr schlecht ging. „Ansonsten sind die Menschen meist extrem unternehmungslustig, bäumen sich trotz ihrer schweren Krankheit noch einmal auf, wollen zum Beispiel auf dem Weihnachtsmarkt von Bratwurst bis Glühwein alles mitnehmen“, sagt Steiner.

Ehrenamtliche Helfer für den Wünschewagen werden weiter gesucht

Eine besondere emotionale Herausforderung für die Helfer seien natürlich die Ausflüge mit todkranken Kindern. „Die Ehrenamtlichen können aber vorher bestimmen, welche Fahrten sie machen wollen und welche nicht. Auch wie oft ein Ehrenamtlicher im Einsatz ist, legt er selbst fest“, betont Ralph Steiner. Helfer mit medizinischer Vorbildung seien jederzeit willkommen.

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