Ausbildung

Angehende Landwirte haben es in Gelsenkirchen nicht leicht

Marius Peters (18) füttert die Kühe. Alle zwei Stunden muss das Futter für die Tiere neu angerichtet werden, damit sie durchgehend fressen können.

Marius Peters (18) füttert die Kühe. Alle zwei Stunden muss das Futter für die Tiere neu angerichtet werden, damit sie durchgehend fressen können.

Foto: Michael Korte / FUNKE Foto Services

Gelsenkirchen-Resse.  Jugendliche aus der Stadt, die Landwirt werden: Das gibt es immer seltener. In Gelsenkirchen erzählen zwei Azubis von Vorurteilen und Chancen.

Nicht Feuerwehrmann, nicht Astronaut und auch nicht Kfz-Mechatroniker: „Ich wusste schon mit sieben, dass ich Landwirt werden will“, sagt Marius Peters. „Bei mir war es etwas später, so mit neun oder zehn“, erinnert sich Matthias Gerkensmeier. Einen Wunsch, den sich die Jugendlichen erfüllt haben. Beide machen gerade ihre Ausbildung auf dem Hof der Familie Drießen in Resse.

Damit haben sie einen ungewöhnlichen Weg eingeschlagen. 6486 Landwirt-Azubis gab es nach Angaben des Statistischen Landesamts im vergangenen Jahr NRW-weit, knapp ein Prozent weniger als 2017. Die meisten von ihnen kamen aber aus dem ländlichen Raum. In Ruhrgebietsstädten haben deutlich weniger Jugendliche diesen Berufswunsch. In Gelsenkirchen gab es zuletzt nur einen einzigen Landwirt-Lehrling – bei der Familie Drießen.

Praktikanten werden in der Schule gemobbt

„Wenn hier einer den Beruf lernt, ist das nicht alltäglich“, sagt Klaus Drießen, Seniorchef des Betriebs mit 400 Milchkühen. Das liegt, so glauben Peters und Gerkensmeier, daran, dass viele Menschen Vorurteile haben. Immer wieder beobachtet Dorothee Drießen, wie Jugendliche in der Schule gemobbt werden, wenn sie ein Praktikum auf dem Hof machen.

Dabei sind die Zeiten der Schwerstarbeit dank moderner Maschinen längst vorüber. Das wissen auch die beiden Azubis zu schätzen. Weil sie Verwandte haben, die in der Landwirtschaft tätig sind, wussten sie genau, was sie erwartet – und dass sie während der Ausbildung jedes zweite Wochenende arbeiten müssen. „Wer hier anfängt ist immer motiviert und gut informiert“, erzählt Klaus Drießen. Und den erwartet ein abwechslungsreicher Job.

Morgens um sieben beginnen der 16- und der 18-Jährige mit dem Melken der Kühe und der Versorgung der Kälber. Nicht unanspruchsvoll: „Man muss schon mit Tieren umgehen können“, sagt Peters. Beim gemeinsamen Frühstück mit der Familie Drießen erfahren sie dann, welche Aufgaben noch anfallen. Oft sind das Instandhaltungsarbeiten. Weil zum Betrieb auch rund 100 Hektar Land gehören, auf denen Getreide und Gras für das Futter für die Tiere angebaut werden, gehören das Bestellen der Felder und die Ernte ebenfalls zum Job.

Keine ländliche Idylle

Idyllisch geht es in dem Betrieb, der die Arla-Molkerei mit täglich 10.000 bis 12.000 Litern Milch beliefert, daher nur bedingt zu. Denn, auch darüber müssten sich die Azubis im Klaren sein, „am Ende sind die Tiere hier Lebensmittel“, so Klaus Drießen.

Trotzdem ist das Umfeld familiärer als bei anderen Ausbildungsstellen. Marius Peters hat sogar ein Zimmer auf dem Hof bezogen, um nicht täglich zwischen Bottrop und Gelsenkirchen pendeln zu müssen. Denn um zur Berufsschule in Borken zu kommen, sitze er an ein bis zwei Tagen in der Woche schon lange genug im Auto.

Gute Perspektiven nach der Ausbildung

„Ohne Führerschein kann man heute keine landwirtschaftliche Ausbildung machen“, bedauert Klaus Drießen. Die Wege zur nächsten Fachschule würden immer länger. So muss der 16-jährige Marius Gerkensmeier, der noch keinen Pkw-Führerschein hat, mit dem Kraftrad bis nach Lüdinghausen fahren.

Unannehmlichkeiten, die der junge Mann gerne in Kauf nimmt, denn er hat ein klares Ziel: „Ich möchte nach der Ausbildung die Weiterbildung zum staatlich geprüften Agrarbetriebswirt machen.“ Dann, so Drießen, „kann man sich die Stelle aussuchen“. Auch, weil der Nachwuchs in der Branche weniger werde. „In den letzten Jahren ist es schwieriger geworden, Auszubildende zu finden.“ Schulabgänger wollen nämlich lieber Verkäufer werden, oder Bankkaufmann, oder Kfz-Mechatroniker.

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