Integration

Gelsenkirchen: Apotheker aus Syrien findet Traumjob in Horst

Seit März 2018 arbeitet der syrische Apotheker Ahiad Mahmoud (r.) bei Apotheker Heinrich Queckenberg in Gelsenkirchen-Horst. Zunächst als Jahrespraktikant beschäftigt, ist der 34-Jährige nach erfolgreichen Prüfungen vor der Apothekerkammer nun fest angestellt.

Seit März 2018 arbeitet der syrische Apotheker Ahiad Mahmoud (r.) bei Apotheker Heinrich Queckenberg in Gelsenkirchen-Horst. Zunächst als Jahrespraktikant beschäftigt, ist der 34-Jährige nach erfolgreichen Prüfungen vor der Apothekerkammer nun fest angestellt.

Foto: Rautenberg

Gelsenkirchen-Horst.  Aghiad Mahmoud floh vor dem Krieg. In Gelsenkirchen halfen ihm sein Ehrgeiz und der Apotheker Queckenberg, wieder in seinem Beruf Fuß zu fassen.

Symptome deuten, Rezepte bearbeiten, Arzneimittel herausgeben: Die medikamentöse Behandlung von Krankheiten ist sein Metier, 2014 genauso wie heute. Trotzdem liegen Welten zwischen Aghiad Mahmouds Leben als Apotheker im syrischen Damaskus und dem im Gelsenkirchener Stadtteil Horst, wo er in der Schloss-Apotheke Heinrich Queckenbergs arbeitet: eine Flucht vor Krieg und Militärdienst sowie Jahre des einsamen Paukens. Was ihn antrieb, war der unbedingte Wille, wieder in seinem pharmazeutischen Beruf zu arbeiten.

„Er ist schon sehr zielstrebig und diszipliniert“, bestätigt Apotheker Queckenberg (57) und lächelt Mahmoud zu, als dieser von den Stationen seiner Flucht berichtet. Anfang 2014 schien noch alles halbwegs in Ordnung. „Der Krieg in Damaskus war noch nicht so schlimm. Ich hatte meine eigene Apotheke und mein Auskommen, meine Frau, meine Eltern, meine Geschwister waren in der Nähe“, erzählt der 34-Jährige recht flüssig auf Deutsch – Ergebnis der Pflicht-Sprachkurse, die er nach seiner Ankunft in Gelsenkirchen im August 2015 belegte.

Anfangs hoffte er noch, dass der Krieg bald vorüber wäre

Als klar war, dass er sich dem obligatorischen Militärdienst in Syrien nicht mehr würde entziehen können, reiste er im Dezember 2014 in die Türkei in der Hoffnung, dass der Krieg bald vorbei wäre und er zurückkehren könnte. „Aber nach fünf Monaten rieten mir meine Eltern, nach Europa zu gehen und dort zu versuchen, in meinem Beruf als Apotheker Fuß zu fassen. In der Türkei sah ich für mich keine Perspektive.“

Über Griechenland gelangte er zu Fuß und per Bus zu Verwandten nach Berlin, wo er einen Asylantrag stellte; er wurde in eine Flüchtlingsunterkunft nach Halberstadt verlegt und kam schließlich – mit einem dreijährigen Aufenthaltsrechtsstatus im Gepäck – über die Vermittlung eines Bekannten nach Gelsenkirchen, weil ihm in Horst eine Wohnung angeboten wurde.

Fachsprachprüfung vor der Apothekerkammer ist für viele eine hohe Hürde

Auf seinen Erkundungsgängen zwischen den mehrmonatigen Sprachkursen kam er immer wieder an der Schloss-Apotheke vorbei und so war sie auch die erste, in der er sich Anfang 2018 um ein Jahrespraktikum bewarb – eine von mehreren Voraussetzungen, in seinem Beruf arbeiten zu können. „Er kam mit vielen Unterlagen und konnte bereits eine erfolgreiche Fachsprachprüfung vorweisen“, erinnert sich Queckenberg an die erste Begegnung. Dass diese für viele Flüchtlinge eine hohe Hürde ist, war dem Horster klar. Schließlich geht es um berufsbezogene kommunikative Fähigkeiten in einer fremden Sprache.

Wie sich Mahmoud darauf vorbereitet hat? „Ich habe mir Bücher und Zeitschriften gekauft und den ganzen Tag in meiner Wohnung gelernt. Ich wollte einfach weiterkommen und die Prüfung schaffen.“ Während seine neuen Freunde, die er in den Sprachkursen kennengelernt hatte, im Sommer ins Schwimmbad gingen, büffelte der Syrer deutsche Vokabeln und pharmazeutische Fachwörter. „Das war schon nicht immer so einfach.“

Mitarbeiter in der Apotheke unterstützten Mahmoud

Für Queckenberg war es eine „Sache des Bauchgefühls“, Mahmoud für ein Jahr einzustellen, freilich nach einem Monat Probezeit. „Ich habe schnell gemerkt, wie freundlich, offen und lernwillig er ist. Er passt gut in unser Team“, betont er, und der syrische Apotheker gibt das Kompliment zurück: „Alle Mitarbeiter haben mir sehr geholfen, mich hier einzuarbeiten. Es ist ja doch vieles anders als in meiner Apotheke in Damaskus, von den Wörtern bis hin zu den verschiedenen Krankenkassen und Rabattverträgen.“ Und die Kunden? Queckenberg war sich anfangs nicht sicher, wie diese auf Mahmoud reagieren würden. „Aber die Horster haben ihn dann schnell akzeptiert“, sagt er.

Mittlerweile hat sein jüngerer Kollege auch die Kenntnisprüfung abgelegt – Voraussetzung für die Approbation und die Anerkennung des Pharmazie-Studiums. Erneut paukte der 34-Jährige, diesmal Aspekte zur Beratung von Patienten zu Arzneimitteln, rechtliche Grundlagen, Dokumentationspflichten und Betriebswirtschaftlehre-Grundlagen. „Donnerstags habe ich dann weiter in der Schloss-Apotheke gearbeitet und praktische Erfahrungen gesammelt.“

Wie er sich nach dieser bestandenen Prüfung Ende 2019 gefühlt hat? „Sehr stolz“, sagt er schlicht und lächelt. Große Worte, nein, die liegen ihm nicht so. Er ist froh, in der Schloss-Apotheke eine Festanstellung gefunden zu haben. Auch konnte er endlich seine Frau zu sich holen. Seine Zukunft? „Ich diskutiere immer wieder darüber mit meiner Frau und am Telefon mit meinen Eltern. Aber nach sechs Jahren in Deutschland sehe ich Syrien mit anderen Augen. Hier in Deutschland läuft alles geordneter. Jeder hält sich an Regeln...“ Kurz: Er kann sich gut vorstellen, dauerhaft in Gelsenkirchen zu bleiben – seiner neuen Heimat.

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