Barrierefreiheit

Behinderte in Gelsenkirchen pochen auf Barrierefreiheit

Manfred Liebich im nach seiner Auffassung viel zu klein dimensionierten Fahrstuhl. Ein Fahrrad müsste man„schon hochkant stellen“, moniert er.

Manfred Liebich im nach seiner Auffassung viel zu klein dimensionierten Fahrstuhl. Ein Fahrrad müsste man„schon hochkant stellen“, moniert er.

Foto: Michael Korte

Gelsenkirchen.   Bernd Steensma und Manfred Liebich werfen der Stadt Gelsenkirchen vor, Behinderte nicht im Blick zu haben. Ortstermin in der U-Bahnstation am Heinrich-König-Platz.

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Die Innenstadt wird modernisiert, die Einkaufsmeile rund um das neue Hans-Sachs-Haus erhält eine zeitgemäße Architektur. So auch der zentrale Heinrich-König-Platz als Ein- und Ausfallstor der City. Genau daran entzündet sich Kritik. Bernd Steensma und Manfred Liebich, der eine früher einmal Mitglied im Beirat für Menschen mit Behinderungen, der andere heute als Experte im Auftrag des Bundesverbandes Selbsthilfe Körperbehinderter (BSK) unterwegs, monieren die „fehlende Barrierefreiheit in der U-Bahnstation“. Und fragen: Warum hat man bei Umbaukosten von rund elf Millionen Euro hier nicht auch an Hilfen für Behinderte gedacht? „Etwa an taktile Leitlinien – Rippenplatten, die Sehbehinderte von den Zugängen bis zur Straßenbahn und umgekehrt wieder heraus führen?

Kritiker führen Gutachten an

Ihre Kritik: Auf der U-Bahnebene zum Beispiel fehlen Leitlinien gänzlich, lediglich weiße Fliesen im Boden signalisieren das Ende des Bahnsteigs – im schlechtesten Fall fallen Betroffene ins Gleisbett. Taster für den Aufzug sind zwar vorhanden, nicht aber ein erfühlbarer Weg dorthin. Folge: „Ein unwürdiges Umherirren.“ Auf Verteilerebene verbinden Leitlinien zwei Aufzüge, zum welchem Zweck ist unklar. Und zu den Liften und Rolltreppen führen keine durchgehenden Markierungen, sie enden weit vorher im Nichts.

Apropos Fahrstühle: „Die Kabinen sind mit 1,10 mal 1,40 Metern zu klein für Rollstuhl- und Scooterfahrer“, Räder müssten Bürger schon hochkant stellen, um sie mitzunehmen, schimpft Liebich.

Die beiden Rentner untermauern ihre Kritik mit einer Stellungnahme beziehungsweise einem Gutachten des Institutes für Barrierefreiheit, einer offiziellen Stelle der Landesregierung NRW. Daraus geht hervor, dass die Barrierefreiheit auch bei der Änderung von Gebäuden zu prüfen ist und gelten muss – selbst in den nicht unmittelbar betroffenen Gebäudeteilen. Schlussfolgerung des Institutes: „Die Bahnsteige der Haltestelle Heinrich-König-Platz müssten mit einem Blindenleitsystem in Form von Bodenindikatoren gemäß DIN 18040-1 bzw. DIN 18040-3 ausgestattet werden.“

Die Verwaltung sieht die Sache ganz anders. Stadtsprecher Martin Schulmann: „Wir sehen die Probleme. Nicht alles aber, was wünschenswert wäre, ist auch machbar.“ Kernpunkt der städtischen Argumentation ist, „dass der Heinrich-König-Platz umgebaut worden ist und nicht die darunter liegende U-Bahn-Station“. Die Stadt verweist zudem auf den nahen und barrierefreie Station am Musiktheater. Und kontert die einzelnen Kritikpunkte: Die Fahrstuhlgröße entspräche den gültigen Vorschriften, größere Kabinen hätten sich weitläufig auf die Statik der gesamten Deckenkonstruktion unter dem Platz ausgewirkt – „der Umbau wäre dann unbezahlbar geworden“, so Schulmann.

Zudem bestehe kein Rechtsanspruch auf die Mitnahme eines Rades im Fahrstuhl, dies könne ein gesunder Radler auch tragen. Schulmann weiter: E-Scooternutzer dürften ohnehin nicht in Bus und Bahn mitfahren und das Leitliniensystem sei mit dem Behindertenbeirat so abgestimmt worden. „Kein Sehbehinderter oder Blinder geht allein in so eine Station, wenn, dann nur in Begleitung, um sich die Wege einzuprägen. Das vorzeitig endende Markierungsfeld weist ihn darauf hin, dass er von da an auf sich allein gestellt ist.“

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