MiR-Ballett

Generalprobe für einen großen Tanzabend in Gelsenkirchen

Tänzer der „MiR Dance Company“ zeigen bei einer Probe am Mittwoch in Gelsenkirchen Ausschnitte aus dem Doppelabend „Les Noces / Sacre“ am Musiktheater. Die Ballett-Premiere ist am 10. November “ im Großen Haus.

Tänzer der „MiR Dance Company“ zeigen bei einer Probe am Mittwoch in Gelsenkirchen Ausschnitte aus dem Doppelabend „Les Noces / Sacre“ am Musiktheater. Die Ballett-Premiere ist am 10. November “ im Großen Haus.

Foto: Ingo Otto / FUNKE Foto Services

Gelsenkirchen.  Die neue Tanzcompagnie des Gelsenkirchener Musiktheaters wartet mit einem Doppelabend und zwei Meisterwerken auf: „Les Noces/Sacre“.

Atemlos durch den Orchestergraben. Der Puls rast, der Blutdruck steigt. Giuliano Betta hat einfach alle Hände voll zu tun. Zu heftig sind die Taktwechsel, zu exzessiv die Rhythmen. Als der Dirigent in der Probenpause aus dem Graben klettert, schnappt er nach Luft: „Strawinsky zu dirigieren, das ist wie Hochleistungssport, aber es macht Freude.“ Strawinsky zu tanzen ebenfalls. Unter der Leitung des Italieners begleitet die Neue Philharmonie Westfalen erstmals die 16-köpfige Tanzcompagnie des Musiktheaters im Revier, die am 10. November mit dem Doppelabend „Les Noces/Sacre“ im Großen Haus Premiere feiert.

Zu sehen sind zwei Meisterwerke der klassischen Moderne

Nach dem Abschied der US-amerikanischen Choreografin Bridget Breiner am Ende der vergangenen Spielzeit betritt nun der neue Tanzchef, der Italiener Giuseppe Spota, die Bühne des Musiktheaters. Das heißt, er lässt zunächst seiner Truppe den Vortritt und drei Gast-Choreografen. Der Igor Strawinsky-Abend präsentiert gleich zwei beeindruckende Meisterwerke der klassischen Moderne. Der italienische Star-Choreograf Mauro Bigonzetti zeigt seine 2002 mit dem bekannten Aterballetto uraufgeführte Sicht auf „Les Noces“ (Der Hochzeitstag), und das international gefeierte israelisch-niederländische Choreografen-Duo Uri Ivgi und Johan Greben widmet sich dem weltberühmten „Sacre“, dem Frühlingsopfer, im Original „Le sacre du printemps“. Diese Produktion entstand 2017 fürs Theater Bern.

Vieles neu, manches anders. Der Name der Compagnie zum Beispiel, die nun „MiR Dance Company“ heißt. Aber auch das Bewegungsvokabular wird ein anderes sein als bei der Vorgängerin. Weniger klassisches Ballett, mehr moderner zeitgenössischer Tanz. Keine Spitzenschuhe, sondern nackte Füße. Bis auf Tänzerin Hitomi Kuhara stehen alle anderen erstmals auf der MiR-Bühne.

Für Giuseppe Spota ist Tanz weit mehr als nur Ballett. Er führt die Kaffeetasse beim Pressegespräch langsam zum Mund und lächelt: „Auch das ist Tanz, jede Bewegung kann Tanz sein.“ Der Chef der Compagnie beobachtet zufrieden die laufenden Proben: „Diese beiden starken Choreografien sind perfekt, um erstmals das komplette Ensemble vorstellen zu können.“ Er selbst tanzte bereits unter Bigonzetti in „Les Noces“: „Ich will dem Gelsenkirchener Publikum auch meinen eigenen Hintergrund vermitteln, zeigen, wo ich herkomme.“

Dunkle Klänge im Kontrast zur vermeintlich fröhlichen Hochzeit

Mit dem „Hochzeitstag“ beginnt der Abend. Dirigent Betta („Ich liebe diese Musik“) nennt die Komposition wunderbar und schwierig, und Choreograf Mauro Bigonzetti weiß, „dass es auch für die Tänzer ein äußerst intensiver Abend wird“. Und ein garantiert spannender, ungewöhnlicher, wenn zu dunklen Klängen eine vermeintlich fröhliche Bauernhochzeit gefeiert wird. In streng ritualisierten, kraftvollen Bewegungen seziert der Choreograf den ewigen Kampf der Geschlechter. Eine echte Gelsenkirchener Premiere: Erstmals ist diese Arbeit mit Livemusik zu erleben. Im leicht erhöhten Graben erklingt die außergewöhnliche Besetzung mit vier Klavieren, jeder Menge Schlagwerk, vier Gesangssolisten und dem Opernchor.

Danach Strawinskys „Sacre“, ein intensives Stück mit Sogwirkung, ein Highlight für alle Tanzfans, die bereits die berühmten Versionen von Choreografen wie Pina Bausch oder Maurice Béjart kennen und lieben. „Aber wir haben unsere ganz eigene Version kreiert“, versprechen Uri Ivgi und Johan Greben, „mit einem durchaus neuen Ansatz, die Geschichte zu erzählen.“ Energetisch aufgeladene Spannungen zwischen Gruppe und Individuen bilden das Grundgerüst.

Im künstlerischen Team dagegen scheint Harmonie pur zu herrschen. Dirigent Betta, längst wieder zu Atem gekommen, drückt es so aus: „Der Ballettchef ist ein Teamplayer, das ist toll, so zu arbeiten und längst nicht an allen Häusern eine Selbstverständlichkeit.“

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