Schalker Meile

Gewerbetreibende zur Schalker Meile: „Tote Hose“

Die Schalker Meile (Kurt-Schumacher-Straße) in Gelsenkirchen. Ein Inhaber einer Fahrschule hat sich über den Zustand des Viertels beschwert und von der Stadt gefordert, das Quartier aufzuwerten. Steffen Schiegner sagt, mit blauer Farbe allein und dem Schriftzug Schalker Meile ist es nicht getan. Die Häuser müssten saniert werden, damit das Viertel aufgewertet wird und Läden auch wieder Kundschaft bekommen.

Die Schalker Meile (Kurt-Schumacher-Straße) in Gelsenkirchen. Ein Inhaber einer Fahrschule hat sich über den Zustand des Viertels beschwert und von der Stadt gefordert, das Quartier aufzuwerten. Steffen Schiegner sagt, mit blauer Farbe allein und dem Schriftzug Schalker Meile ist es nicht getan. Die Häuser müssten saniert werden, damit das Viertel aufgewertet wird und Läden auch wieder Kundschaft bekommen.

Foto: Joachim Kleine-Büning / Funke Foto Services GmbH

Gelsenkirchen-Schalke-Nord.  Der Brandbrief von Fahrlehrer Steffen Schiegner zur Schalker Meile findet bei den Gewerbetreibenden an der Kurt-Schumacher-Straße Unterstützung.

Die Pflegedienstberatung: zu. Das Versandgeschäft: zu. Der Gardinenladen: umgezogen. Der Kinderhort: schon wieder geschlossen. Der Gang über die Schalker Meile erweckt den Eindruck, dass mehr Läden dicht sind, als geöffnet. Meter um Meter verdecken Papier und Planen den Blick ins Innere der verwaisten Geschäfte. Tristesse, wo eigentlich pulsierendes Leben sein sollte. Genau das hat Fahrlehrer Steffen Schiegner von der „Blauweißen Fahrschule“ inmitten der Herzkammer von Schalke-Nord am Mittwoch in einem Brandbrief an OB Frank Baranowski angeprangert und mehr Engagement seitens der Stadt und Hauseigentümer eingefordert. Kann hier überhaupt noch ein Gewerbe, ein Unternehmer existieren?

Ja, es gibt sie noch. Ein paar haben sich direkt an der Kurt-Schumacher-Straße halten können. Zum Beispiel die „Schalker Polsterei“ von Ata Cevat. Seit 2010 hauchen er und seine Mitarbeiter Möbeln neues Leben ein. Einen solchen Impuls, wie ihn der Nachbar eingefordert hat, würde er auch gerne für die Schalker Meile sehen. „Besucher bekommen doch einen Schrecken, wenn sie das Viertel sehen“, sagt der 57-Jährige. „Hier investiert niemand.“ Von Laufkundschaft ist der Betrieb nicht unbedingt abhängig, dennoch ist sei er froh, wenn sein Handwerksbetrieb überhaupt noch gesehen werde. Cevat schlägt vor, mehr Fördermittel für Fassadenrenovierungen bereit zu stellen, eine neue Beleuchtung an der Meile zu installieren und vor allem kreative Köpfe mit ins Boot zu holen, um das Viertel zu modernisieren.

Lebensmittelhändler beklagt massive Umsatzrückgänge

„Ich bin wohl der einzige, der hier so lange durchgehalten hat“, sagt Zekeriya Siler vom „Nil Market“. Der Lebensmittelhändler beklagt Umsatzeinbrüche von mehr als 50 Prozent binnen 20 Jahren. Er zeichnet eine Abwärtsspirale, angefangen „von heruntergekommenen Gebäuden, Investitionsstau, Zuwanderung und letztlich weniger Kaufkraft.“

Ob der Vermieter mal renovieren will? Siler zuckt mit den Schultern. Davon habe er noch nie was gehört. Und er stellt die Gegenfrage. „Wenn doch die Meile so wichtig ist für Schalke, warum tut der Verein dann nicht mehr. „Wäre doch schön, wenn S 04 sich mehr engagieren und ins Viertel investieren täte, oder?“

Neu-Ladeninhaber war vom Zustand geschockt, setzt auf Fans und Trödelmarkt-Besucher

Durchhalten ist das Motto von Jashar Canulari. Vor 14 Tagen hat er den „Kosovo Grill“, eröffnet. Im Angebot: Handgemachte Spezialitäten aus der Heimat. Sein Eindruck von der Schalker Meile: „Tote Hose, 20 Jahre zurück.“ Dass er dennoch den Schritt gewagt hat und eine fünfstellige Summe in den Ladenumbau investiert hat, liegt daran, dass seine Familie in Mülheim ein zweites Standbein hat. Der 39-Jährige setzt auf Fans nach Schalke-Heimspielen, Besucher des Trödelmarktes und verbliebene Anwohner für seine eigene Selbstständigkeit. Renovierungsbedarf am Haus: hoch, aber der ukrainische Vermieter scheint in seinen Augen wenig Investitionsbereitschaft zu haben. Den Wasserschaden durch ein defektes Rohr habe er auf seine Kappe genommen.

Geschäftsaufgabe, weil lärmende Nachbarschaft unzumutbar war im Kundenverkehr

Diese Geduld hatte Fadime Akdas nicht mehr. Sie ist mit ihrem Gardinenladen in die Innenstadt an die Florastraße gegenüber vom Zentralbad gezogen. Die Unternehmerin hat es an der Schalker Meile nicht mehr ausgehalten. Es war nicht der starke Verkehr, der störte, sondern lärmende Hinzugezogene. „Die haben mit Couch, Tisch und Stuhl auf dem Gehweg gesessen, gegessen getrunken, stundenlang herum krakelt.“ Zu laut und zu abschreckend für sie und ihre Kunden. „Und dann unsere ständig zugestellten Parkplätze“, sagt Akdas. „Wir mussten einfach weg.“

Ihr Wunsch: Die Kurt-Schumacher-Straße verbindet Nord mit Süd. Wenn die nicht schön hergerichtet werde, so ihre Ansicht, dann traute sich kaum jemand zu den Geschäften in Buer und in der Innenstadt zu fahren.

Lichtblick: Hauseigentümer verspricht umfassende Sanierung

Lichtblicke? Gibt es auch, wie die drei Frauen vom Schalker Fanverband berichten. Der neue Hauseigentümer „will das Treppenhaus jetzt im Winter und die Fassade im nächsten Frühjahr sanieren.“ Der sei total engagiert und stünde sofort auf der Matte, wenn es Probleme gebe. Wie zuletzt, als ein Keller feucht war. „Ein paar Tage später kam auch schon ein Bautrupp“, sagen sie.

Auf Engagement und auf ein Überspringen des Funken setzt auch Olivier Kruschinski, unter anderem Vorstandsmitglied der neuen Stiftung „Schalker Markt“, die sich die Revitalisierung der Meile zur Aufgabe gemacht hat. Kruschinksi kann den Ärger der Fahrlehrer gut verstehen, denn er hat ähnliches wie Steffen Schiegner erlebt: „Der Hauseigentümer der Engelsburg (gelbes Haus an der Schalker Meile, Anm. d. Red.) ist einfach nicht zu erreichen. Das Gebäude hätten wir sogar in Eigeninitiative gestrichen, aber wir kriegen dafür keine Genehmigung.“

Stiftung Schalker Markt plant Maßnahmen zur Wiederbelebung

Kruschinski bittet aber um Geduld, denn in Sachen Schalker Meile müssten ganz dicke Bretter gebohrt werden. „Es ist nicht Aufgabe des Vereins Schalke 04, die Häuser zu renovieren oder Geld dafür bereit zu stellen“, sagt der Schalke-Fan. Auch könne die Stadt Hausbesitzer nicht zu Investitionen zwingen. „Dafür gibt es keine rechtliche Grundlage.“

Mit Blick auf kommende Großereignisse wie die Fußball-Europameisterschaft 2024 und die Internationale Gartenschau (IGA 2027) glaubt er schon, mit Mitstreitern wie der Stadt und Schalke eine Initialzündung in Gang zu bringen. Kruschinski setzt darauf, dass es nach und nach gelingen wird, dass andere guten Beispielen der Stiftung folgen. „Die Illumination der Glückauf-Kampfbahn war der Auftakt, danach folgte die Beflaggung“, sagt der Gelsenkirchener. Demnächst soll ein neue LED-Beleuchtung die Schalker Meile in moderne Licht mit blauem Schein (klar!) tauchen – und noch in diesem Jahr der Umbau des Ernst-Kuzorra-Platzes.

Ziel: größere Fördertöpfe anzapfen

Dass das erst einmal kleine Schritte sind, weiß auch Olivier Kruschinski. Aber aus kleinen können vielleicht auch größere werden. Denn, so verrät er, Stadt und FC Schalke 04 und auch die Stiftung arbeiteten intensiv an Plänen, den Stadtteil wiederzubeleben. Kruschinski: „Wir brauchen mehr Mittel. Vielleicht kriegen wir es hin, dass wir hier den Status eines Stadtentwicklungsgebietes bekommen.“ Dann käme man an die großen Fördertöpfe, denn „Schalke ist ein riesiger Potenzialraum und die Visitenkarte der Stadt schlechthin.“

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