Bildung

Volkshochschule Gelsenkirchen – ein Ort der Demokratie

VHS-Direktor Holger Gruner (r.), begrüßt charmant eine Besucherin der 100-Jahrfeier. Ein Schauspieler im Frack führte die Dame ins Bildungszentrum.

VHS-Direktor Holger Gruner (r.), begrüßt charmant eine Besucherin der 100-Jahrfeier. Ein Schauspieler im Frack führte die Dame ins Bildungszentrum.

Foto: Oliver Mengedoht / FUNKE Foto Services

Gelsenkirchen.  Die VHS Gelsenkirchen feierte ihr 100-jähriges Bestehen. Das Ziel nach wie vor: Bildung und nicht Herkunft soll über den Lebensweg entscheiden.

Kurs Nummer elf im Programm heißt „Industriekunst und Industriepoesie“, eine Unterrichtseinheit, so aktuell, so modern und so interessant, viele hätten dies heute gebucht. Allein, sie ist aus dem Verzeichnis der Volkshochschule Gelsenkirchen von 1919. Hundert Jahre alt ist die VHS geworden, dies wurde am Sonntagmorgen im Bildungszentrum an der Ebertstraße gebührend gefeiert.

„Es ist sogar eine Punktlandung, denn der Gründungstag war damals exakt der 10. November“, stellte VHS-Direktor Holger Gruner fest. Schiefertafel und White-Bord im Foyer, die komplette Ausstellung zur historischen Einordnung der Arbeit von zehn Jahrzehnten, kuratiert von Dr. Uta C. Schmidt, an den Wänden – alles war bereit für eine Zeitreise.

Empfang mit Hängekleid und Frack

Eine Dame im kniekurzen Hängekleid und Federn im Haar, ein junger Herr im Frack, der die Gäste persönlich an der Eingangstür empfang, alles begann in den wilden 1920er-Jahren, musikalisch untermalt durch das Saxophon-Quartett „Blasfemin“ mit einem peppigen „Charleston“. „Die Weimarer Verfassung verankerte mit dem Paragrafen 148, Abschnitt vier, das Grundrecht auf Bildung“, erinnerte Klaus Kaiser, parlamentarischer Staatssekretär im Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen. „Nicht Herkunft, sondern Bildung sollten über den Lebensweg der Bürgerinnen und Bürger entscheiden“.

Eine Welle von Eröffnungen von Volkshochschulen folgte in der Republik, nachdem diese gesetzliche Grundlage geschaffen war, Gelsenkirchen war von Anfang an dabei.

Der aktuelle Trailer des Deutschen Volkshochschulverbandes zeigte auf witzige Weise die vielfältigen Möglichkeiten der Kurse, von Gartenbau über Kunst-Schweißen zu Fremdsprachen. Kaiser aber hob in seiner Rede vor allem den Aspekt der politischen Bildung in den Vordergrund. „Volkshochschulen sind Stätten der Demokratie“, zitierte er den ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck. „Denn Demokratie will immer neu gelernt und aktiv gelebt werden. Das ist heute wichtiger denn je“, fügte er hinzu.

Kultusministerium erhöht die Zuschüsse für die VHS ab 2020

Kaiser erläuterte die Arbeiten an der geplanten Reform des Weiterbildungsgesetzes des Landes. „Es wird aber weiter eine kommunale Pflichtaufgabe bleiben“, unterstrich er die Relevanz, die das Ministerium dem Thema beimisst, was auch die „Dynamisierung und Anhebung der Zuschüsse um zwei Prozent ab 2020 zeigt“.

„Bildung hat nicht nur die Vermittlung von Wissen, sondern mündige Bürgerinnen und Bürger als Ziel“, schloss sich Oberbürgermeister Frank Baranowski dem Gedankengang an. Teil gesellschaftlicher Emanzipationsbewegungen zu sein, Menschen die Teilhabe an Gesellschaft zu ermöglichen, sei die Aufgabe der Weiterbildungsinstitution.

VHS-Kursteilnehmer bringen Fluchterfahrungen zum Ausdruck

Mit Gamkin Omar und Ali Khadour kamen zwei Teilnehmer der Schreibwerkstatt „Ich erzähle es Euch auf Deutsch“, zu Wort. Ein Beispiel, wie Sprach- und Integrationskurse helfen, das ernsthafte Bestreben von Geflüchteten am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, unterstützen. „Bist Du noch hier mein Sohn? Sind wir noch lebendig? Ich höre nichts, nur die Schreie von Frauen und Kindern“, eine bestürzende Dokumentation von Fluchterfahrungen, aber auch Beginn eines öffentlichen Dialogs in der neuen Heimat, ermöglicht durch einen Kurs der Volkshochschule. „Dies ist ein Ort der Begegnung, man soll miteinander ins Gespräch kommen“, mit diesen Worten lud Moderator Ralf Laskowski anschließend ins Foyer zu einem Sektempfang.

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