Interview

AWO-Frontfrauen in Hagen wollen Vorteile deutlicher machen

Birgit Buchholz (links), Geschäftsführerin des AWO Unterbezirks Hagen/Märkischer Kreis und Renate Drewke, Vorsitzende des Unterbezirks der Arbeiterwohlfahrt Hagen/Märkischer Kreis, stellen sich den Fragen der Stadtredaktion Hagen.

Birgit Buchholz (links), Geschäftsführerin des AWO Unterbezirks Hagen/Märkischer Kreis und Renate Drewke, Vorsitzende des Unterbezirks der Arbeiterwohlfahrt Hagen/Märkischer Kreis, stellen sich den Fragen der Stadtredaktion Hagen.

Foto: Michael Koch / WP Michael Koch

Hagen.  Die Arbeiterwohlfahrt wird 100 Jahre alt. In Hagen stehen zwei Frauen an der Spitze: Renate Drewke und Birgit Buchholz über Ziele und Probleme.

Eine Frau stand am Anfang der Geschichte der Arbeiterwohlfahrt. Marie Juchacz war vor 100 Jahren nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs die Beauftragte des SPD-Parteivorstands für den Wohlfahrtsverband. Heute stehen gleich zwei Frauen an der Spitze der Hagener AWO: Renate Drewke, die ehrenamtliche Vorsitzende des Unterbezirks Hagen/Märkischer Kreis und Birgit Buchholz, die hauptamtliche Geschäftsführerin. Knapp 3000 Mitglieder hat der AWO-Unterbezirk – allein in Hagen sind es rund 1400 – und 1000 Mitarbeiter. Im Vorfeld der AWO-Jubiläumsfeier am kommenden Samstag, 29. Juni, im Volkspark sprechen sie über das Selbstverständnis der AWO, die Problemen und die Ziele. Aber auch über die Frage, wieviel SPD heute noch in der AWO steckt.

Was ist die AWO heute eigentlich? Immer noch ein Wohlfahrtsverband oder doch ein Sozialunternehmen?

Drewke Natürlich ein Wohlfahrtsverband. Uns unterscheidet von einem reinen Sozialunternehmen, dass bei uns die Mitglieder das Sagen haben. Es findet eine Willensbildung über die Ortsvereine, über den Unterbezirk bis zum Bezirk und darüber hinaus auch auf Bundes- und Landesebene statt. Das ist ein sehr demokratischer Aufbau. Die Mitglieder bestimmen die Richtung. Und sie sind ganz nah an den Themen und den Problemen dran: Wenn sie in den Ortsvereinen mitbekommen, dass etwas im AWO-Kindergarten oder in der Pflegeeinrichtung nicht gut läuft, dann bekommen wir das gleich mit.

Buchholz Wir gehören ja auch offiziell zu den fünf Wohlfahrtsverbänden in Deutschland. Wir haben eine ganz andere Aufgabenstellung als andere Unternehmen: Wir sind dem Gemeinwohl verpflichtet. Wir arbeiten wirtschaftlich, aber Gewinne investieren wir auch wieder ins Gemeinwohl. Und wir stehen für Themen ein. Wir geben Menschen eine Stimme.

Sozialverbände wie der VdK haben meist steigende Mitgliederzahlen, auch wenn viele nicht im eigentlichen Verbandsleben aktiv sind. Ist das bei der AWO auch so?

Drewke Wir bekommen auch ständig neue Mitglieder, in Summe stagnieren sie aber beziehungsweise sind sie leicht rückläufig. Die Sozialverbände wie der VdK profitieren dadurch, dass sie eine Rechtsberatung für Mitglieder bieten. Das haben wir nicht. Wir binden aber viele Menschen durch unsere Begegnungsstätten in den Stadtteilen, die Angebote werden gut angenommen. Aber wir haben gerade in einer Klausurtagung des Unterbezirks besprochen, dass wir auch bei uns die Vorteile einer Mitgliedschaft besser herausstellen wollen. Und zwar die Expertise, die wir in der AWO vorhalten: Wir haben die Fachleute, um Menschen zu helfen, die in ihrem Leben plötzlich mit Problemen konfrontiert werden – seien es Schulden, Sucht, Pflege oder Kinderbetreuung.

Warum engagieren sich weniger Leute in den Ortsvereinen?

Buchholz Da haben wir sicherlich die gleichen Probleme wie viele andere Vereine auch. Wir haben heute eine Menge ehrenamtlicher Aktiver, die sind in den 60er- oder 70er-Jahre eingetreten. Die sind ganz anders sozialisiert. Für die gehörte das ehrenamtliche Engagement selbstverständlich dazu. Das hat sich heute sicherlich geändert. Auch, weil die Zeit sehr knapp ist.

Wenn Sie mich nehmen: Ich bin 45 Jahre, verheiratet , habe zwei Kinder und einen zeitaufwendigen Beruf. Wie wollen Sie mich überzeugen, mich bei der AWO zu engagieren?

Drewke Ich kenne das selbst, ich war auch in der Situation mit Familie und Beruf. Und trotzdem habe ich mir gedacht: Du musst Dich engagieren, um zu helfen, die Welt ein bisschen besser zu machen. Das ehrenamtliche Engagement ist aber bei Weitem nicht nur Belastung. Man bekommt auch sehr viel zurück, wenn man Menschen hilft.

Wenn Sie auf der Straße Menschen kurz erklären sollen, warum die AWO wichtig ist, was würden Sie ihnen sagen?

Drewke Es gibt Menschen in dieser Gesellschaft, denen es nicht gut geht, denen machen wir ein bedingungsloses Angebot. Ein Angebot, Ihnen auf Augenhöhe zu helfen, damit sie ihr eigenes Schicksal wieder in die Hand nehmen können. Das ist der eigentliche Leitgedanke unserer Arbeit.

Buchholz Unser Angebot fängt ja schon weit vor der Geburt an, mit der Schwangerschaftsberatung, es geht weiter über die Frühförderung, Kitas, Betreuung in Schule und Beruf, die Schuldnerberatung, ambulante Hilfen, die Begegnungsstätten und Pflegeheime sowie seit einiger Zeit auch Integrationskurse oder die Beratung, um den Ausstieg aus salafistischen Kreisen zu unterstützen. Unser Angebot ist also sehr breit.

Sind die Begegnungsstätten heute alle nur Senioren-Treffpunkte?

Buchholz Ein großes Problem unserer Gesellschaft ist die Vereinsamung. Daher ist das Angebot in den Begegnungsstätten ein sehr wichtiges. Die Menschen freuen sich etwa auf den Nachmittag in den Begegnungsstätten. Viele sind aber auch in der Nähe von Kitas, so dass dort auch Begegnungen mit Kindern und jungen Familien stattfinden, die dort auch ihre Veranstaltungen haben. Und wir fahren seit einiger Zeit auch bewusst einen interkulturellen Ansatz, indem in den Begegnungsstätten auch Integrationskurse stattfinden. So kommt es zu Begegnungen mit den Stammgästen.

Sie sind oder waren beide auch aktive SPD-Politikerinnen: Wieviel SPD steckt eigentlich noch in der AWO?

Drewke Wir sind heute offen für alle, die unsere Werte teilen, unabhängig von einer Parteimitgliedschaft. Aber natürlich haben wir noch enge Bindungen an die SPD und ihre Mitglieder. Aber man muss ja nur einen Blick auf die Wahlergebnisse und Umfragen werfen, um zu sehen, dass das allein nicht reichen würde.

Buchholz Wir haben Positionen, die wir mit der SPD teilen. Aber wir üben auch Kritik, wenn wir uns in der Sache positionieren. Unsere Kritik als AWO an den Hartz-IV-Reformen hat der Partei überhaupt nicht gefallen.

Wie sind die Pläne der AWO Hagen? Wollen Sie neue Themen- oder Geschäftsfelder erschließen? Wie sehen die Pläne für die Zukunft aus?

Drewke Nein, das ist nicht der Plan, aber wir entwickeln uns natürlich weiter.

Buchholz Wir wollen uns als attraktiver Arbeitgeber positionieren. Uns trifft der Fachkräftemangel auch: Gab es früher auf eine Sozialarbeiter-Stelle 70 bis 80 Bewerber, so ist es heute eher andersrum. Ein weiteres großes Thema ist die Digitalisierung. Wir müssen uns der Frage stellen, wie wir durch eine Digitalisierung von Prozessen unserer Mitarbeiter entlasten können, damit sie mehr Zeit für die Menschen haben.

Drewke Und wir müssen auch weiter politische Lobbyarbeit leisten und klar machen, dass Aufgaben in der Kinderbetreuung und insbesondere im Bereich Offene Ganztagsschulen so unterfinanziert sind, dass die Gefahr droht, dass Wohlfahrtsverbände sich diesen Betrieb nicht mehr leisten können.

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