Kriminalität

Behinderte werden häufiger als gedacht Opfer von Straftaten

Rollstuhlfahrerin Lisa wurde von einem Mann überfallen.

Foto: Jens Stubbe

Rollstuhlfahrerin Lisa wurde von einem Mann überfallen.

Hagen.   Der Überfall auf die Hagener Rollstuhlfahrerin Lisa hat für Aufsehen gesorgt. Experten vermuten, dass es hohe Dunkelziffer bei Straftaten gibt.

Lisa, Rollstuhlfahrerin, hilflos – ihr Fall hat vor gut zwei Wochen für Aufsehen gesorgt. Ein Unbekannter hatte die junge Frau überfallen, ihr das Handy geklaut und die 27-Jährige traumatisiert zurückgelassen.

Für Meinhard Wirth, Vorsitzender des Behindertenbeirats und CDU-Ratsmitglied, Grund genug, das Thema Kriminalität gegen Behinderte im öffentlichen Raum stärker in den Fokus zu rücken. „Ich glaube, dass die Dunkelziffer der Straftaten gegen Menschen mit Behinderung sehr hoch ist“, sagt Wirth, „viele trauen sich nicht, Straftaten anzuzeigen. Manche können es auch nicht. Sie haben ohnehin das Gefühl, anderen unterlegen zu sein, fühlen sich in ihren Möglichkeiten beschränkt.“

Bericht zu Kriminalität gegen Behinderte ist "alarmierend"

Noch deutlicher wird auch der Hagener Michael Boecker, Professor für angewandte Sozialwissenschaften an der Fachhochschule Dortmund: „Menschen mit Behinderung sind deutlich häufiger Opfer von Gewalt als Menschen ohne Behinderung“, so der Wissenschaftler mit Verweis auf den aktuellen Teilhabebericht, der „zu alarmierenden Ergebnissen komme.“

Genaue Zahlen kann die Hagener Polizei nicht liefern. „Ein Raub ist für uns zunächst mal ein Raub“, sagt Polizeisprecher Uli Hanki, „dabei spielt es für die Ermittlungen keine Rolle, ob das Opfer ein Mensch mit Behinderung ist oder nicht. Auch wird statistisch nicht erfasst, ob es sich um eine Straftat gegen einen Menschen mit Behinderung handelt.“

Polizisten nehmen sich Zeit für Behinderte

Polizisten, die sich gesondert mit dieser Thematik beschäftigen, gibt es nicht. Gleichwohl sagt Uli Hanki: „Wenn es beispielsweise bei einer Anzeigenaufnahme länger dauert, weil sich jemand nicht so gut ausdrücken kann, dann nehmen sich die Kollegen auf der Wache auch die notwendige Zeit.“

Dass das allein aber im Sinne einer Teilhabe von Menschen mit Behinderung ausreicht, glaubt Wirth nicht: „Viele müssen sich aufraffen, um in die Öffentlichkeit zu gehen“, sagt der Mann, der die St.-Laurentius-Werkstätten der Caritas leitet, in denen Behinderte Arbeit finden. „Menschen mit Behinderung sind sensibeler, trauen sich nicht, auf andere zuzugehen.“

Sind Polizeiwachen barrierefrei zu erreichen?

Und das sei nur ein mögliches Hemmnis. „Wir müssen uns die Frage stellen, ob es Menschen mit Behinderung in jeglicher Hinsicht möglich ist, eine Straftat barrierefrei bei der Polizei zu melden“, so Wirth, „das beginnt mit dem Zugang zur Wache, geht weiter über mögliche Sprachbarrieren und endet bei der Frage, ob es auch eine behindertengerechte Toilette gibt.“

Indem er jetzt Straftaten gegen Menschen mit Behinderung mehr Beachtung schenke – und darauf legt Meinhard Wirth wert – gehe es ihm nicht darum, Panik zu schüren. „Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass Rollstuhlfahrer sich in Hagen nicht mehr in die Öffentlichkeit trauen können. Aber der Fall von Lisa hat mich sehr bewegt“, sagt Wirth. Es sei auch nur dem Zufall zu verdanken, dass er überhaupt an die Öffentlichkeit gelangt sei. „Lisa hat sich erst einem Mitarbeiter in der Werkstatt geöffnet, als dieser bemerkt hat, dass irgendetwas mit ihr nicht stimmt. Dazu kommt, dass sie eine sehr engagierte Mutter hat.“

Kein Hagener Phänomen

Wirth glaubt hingen nicht, dass Kriminalität gegen Menschen mit Behinderung ein Hagener Phänomen ist. „Nichtsdestotrotz ist es wichtig, das Thema jetzt anzugehen“, so Wirth, der sich gezielt an Opfer von Straftaten wendet und sie auffordert, ihm diese zu melden. „Wenn wir in diese Diskussion einsteigen wollen, ist es wichtig, einen Überblick zu bekommen.“

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