Corona in Hagen

Corona in Hagen: "Ich hätte den Kindern es nie raten dürfen"

Dieter Gutheil (86) riet seiner Tochter und seiner Enkeltochter dazu, Intensivpflegerinnen zu werden. Jetzt bereut er das. 

Dieter Gutheil (86) riet seiner Tochter und seiner Enkeltochter dazu, Intensivpflegerinnen zu werden. Jetzt bereut er das. 

Foto: Michael Kleinrensing / WP

Hagen  Dieter Gutheil riet Tochter und Enkeltochter, Pflegerinnen zu werden. Jetzt bereut er das und will einen Brief an Jens Spahn schicken.

Helfe. Es sind die Gefühle eines Vaters und Großvaters, der doch so überzeugt war. Mit voller Überzeugung riet er seiner Enkeltochter zu dem, wozu er auch seiner Tochter vor Jahren geraten hatte: werdet Intensivpflegerinnen, rettet Menschenleben. „Ich muss sagen, dass ich das getan habe, zermürbt mich“, sagt der 86-Jährige heute mit Blick auf seine Tochter und seine Enkelin. Er, der in seinem Berufsleben Ärzten und Ärztinnen wirtschaftlich bei der Niederlassung geholfen hatte, sieht mit an, . Und wie die Politik ihren hohlen Phrasen so gut wie keine Taten folgen lässt. Mit der Unterstützung aller Hagener will sich Gutheil nun an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn wenden.

"Im Frühjahr wurde geklatscht und jetzt sieht man, was die Leute wirklich wert sind"

Gutheils Tochter und seine Enkelin sind seinem Rat gefolgt. Sie arbeiten heute als examinierte Krankenschwestern in Hagen und in Dortmund. „Wenn ich sehe, was in dieser Pandemie gerade geschieht und wie die Pfleger und Pflegerinnen darunter leiden, dann macht mich das betroffen. Im vergangenen Frühjahr, da wurde Applaus geklatscht für die Leistung des Pflegepersonals und jetzt sieht man, was der Politik diese Leute wirklich wert sind.“ Gutheil hatte zunächst in dieser Zeitung lesen müssen, dass, weil alle anderen Kliniken bis März noch nicht mehr als 50 Covid-Patienten behandelt hatten. Zu allem Überfluss kam dann noch hinzu, dass keine der Hagener Kliniken wegen eher alltagsfremden Kriterien für den Rettungsschirm der Bundesregierung infrage kommt. Für die vielen Pfleger da draußen war das wie ein Tritt in den Rücken, der ohnehin so stark belastet wird aktuell.

Man sehe, dass die Pfleger am absoluten Limit arbeiten würden

„Ich muss mich fragen: Wofür wird denn dann eigentlich applaudiert, wenn es um die Pfleger in unserer Stadt und in unserem Land geht? Sie sollen die Helden dieser Krise sein, kriegen aber eigentlich nur zu spüren, dass man sich letztlich doch nicht für sie einsetzt“, sagt Dieter Gutheil. Man sehe Pfleger, die am absoluten Belastungs-Limit arbeiten. Die müde sind, die lange nicht frei hatten und – das vergesse man in der Diskussion oft –, die selber Angst haben, zu erkranken. Weil sie mit Menschen in Kontakt sind, die das Virus in die Krankenhäuser bringen und dort behandelt werden müssen.

"Mir geht es darum, dass der Gesundheitsminister das endlich erkennt"

„Mir geht es dabei eigentlich gar nicht nur um mich und dass ich meinen Kindern geraten habe, diesen Beruf zu ergreifen. Mir geht es darum, dass unser Gesundheitsminister das endlich erkennt und so handelt, dass es eine Gleichbehandlung unter den vielen Pflegern und Pflegerinnen in Deutschland gibt. Ich möchte ihm sagen, dass es so nicht geht und dass man nicht nur erzählen darf, wie wichtig Pflege in Deutschland ist, sondern dass man es auch zeigen muss.“

Keine der sechs Hagener Kliniken kommt für den Rettungsschirm infrage

Die Situation spitze sich weiter zu. Die Intensivstationen würden an ihre Grenzen geraten. Es sei völlig egal, ob ein Corona-Kranker eine Klinik betrete oder zehn oder fünfzig. Immer wieder, so Dieter Gutheil, würde das für alle Beteiligten die höchste Anspannung und die größte Angst bedeuten. Dieter Gutheil möchte dem Minister auf diesem Weg seinen Appell zukommen lassen, mehr zu tun, als die halbgaren Corona-Prämien und Rettungsschirme, die nur für wenige Kliniken gelten. „Vielleicht haben viele Hagener ja auch das Gefühl, diesen Appell mit ihrem Namen begleiten zu wollen. Vielleicht rührt sich Jens Spahn ja.“

Eine Petition des Herzens und des Verstandes

Für Dieter Gutheil ist es eine Petition des Herzens und des Verstandes, die er an Jens Spahn richten will. Alle Hagener, die dieses Ansinnen, den Pflegern durch verbesserte Rahmenbedingungen und möglicherweise auch eine flächendeckende Prämierung, mehr Wertschätzung zukommen zu lassen, können ihren Namen auf eine Unterstützerliste eintragen lassen. Die Stadtredaktion Hagen unterstützt Dieter Gutheil auf diesem Weg. Eine Mail mit Vor- und Zunamen kann an gutheil-hagen@t-online.de gesendet werden. Unsere Zeitung sorgt für die Übermittlung der Namen an Dieter Gutheil und wird weiter darüber berichten, was aus der Kontaktaufnahme mit dem Bundesgesundheitsminister wird.

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