Serie: Mutmacher

Hagen: Norbert Neukamp meistert sein Leben mit Borreliose

Ein echter Mutmacher: Norbert Neukamp ist an Borreliose erkrankt. Doch der 73-Jährige hadert nicht mit seinem Schicksal, er hat vielmehr das Buch „Mein Rolli und ich“ geschrieben.

Ein echter Mutmacher: Norbert Neukamp ist an Borreliose erkrankt. Doch der 73-Jährige hadert nicht mit seinem Schicksal, er hat vielmehr das Buch „Mein Rolli und ich“ geschrieben.

Foto: Michael Kleinrensing / WP

Hagen.  Ein Zeckenbiss vor 18 Jahren hat sein Leben verändert. Norbert Neukamp (73) aus Hagen ist an Borreliose erkrankt – und trotzdem ein Mutmacher.

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Cuxhaven hat er nicht auf dem Kieker. „Was kann die Nordsee-Stadt dafür, dass dort mein Schlamassel begann?“, fragt mich Norbert Neukamp. Ohne Brass, ohne Groll, vielmehr mit wachen, blitzenden Augen. Für mich beinahe unverständlich, schließlich hat er, der Hagener Kirchenmusiker, Theatermann und Neu-Autor, sich in Cuxhaven die tückische Krankheit Borreliose zugezogen. Vor 18 Jahren. Was der heute 73-Jährige im Rückblick dazu sagt? „Es hätte schlimmer kommen können.“

Vor 18 Jahren urlaubten Norbert Neukamp und seine Frau – wie so oft – an der Nordsee. „Irgendwann entdeckte ich am Arm eine rote Stelle, ich dachte, es wäre ein Sonnenbrand.“ Der vermeintliche Sonnenbrand machte ihm ordentlich zu schaffen, also ging er in Cuxhaven zum Arzt, „der verschrieb mir irgendein Mittel gegen Sonnenbrand“. Wieder zu Hause, stattete er seiner Hausärztin einen Besuch ab, „die gab mir ein Antibiotikum, alles war okay.“ 15 Jahre lang.

Vor drei Jahren fing der Schlamassel an

Vor drei Jahren fing der Schlamassel dann an. Massive Gehbeschwerden im rechten Bein, totaler Kraftverlust. „In der Neurologie wurde ich auf den Kopf gestellt. Die Diagnose: Die Beschwerden sind die Nachwirkungen von dem Sonnenbrand, der in Wirklichkeit ein Zeckenbiss war. Im Klartext: Ich hab eine durch Zecken übertragene Infektionskrankheit - Borreliose.“

Norbert Neukamp machte eine Therapie, bekam Infusionen, jeweils vier Tage in Folge. Ständig wurden seine Blutwerte gecheckt, er verbrachte mehr Zeit bei Ärzten, als zu Hause, „aber im Wartezimmer und während der Infusionen konnte ich wenigstens lesen wie ein Wahnsinniger.“

Bei solchen Sprüchen kommt Norbert Neukamps besonderer Wesenszug durch, die Kunst, aus jeder noch so bescheidenen Lage das Beste zu machen. Gut 30 Mal pro Jahr muss Neukamp die Infusions-Prozedur seit 2015 über sich ergehen lassen, mittlerweile er hat gelernt, sich mit seiner Gehbehinderung zu arrangieren. „Durch meinen Rollator hab’ ich ein großes Stück Lebensqualität und Freiheit zurück gewonnen“, sagt der 73-Jährige.

Wenn die Strecke gerade ist, schafft Norbert Neukamp mit seinem Rolli drei, vier Kilometer. „Auf Borkum lauf’ ich drei, vier Stunden non-stop durch die Dünen“, erzählt er stolz.

Eine Liebeserklärung an seinen Rolli

Der Effekt eines Rollators? „Ob im Bus, Zug oder Hausflur – die Frage ,Kann ich Ihnen helfen?’ hör ich heute fast täglich.“ Norbert Neukamp geht ins Nachbarzimmer, hat ein Taschenbuch mit grünem Cover unter dem Arm und legt es vor mir auf den Tisch. Das Buch versteht Neukamp als Liebeserklärung an seinen Rolli, als satirische Textsammlung und als Botschaft an Eltern, auf ihre Kinder zu achten, „nur das Buch ist nicht als Abrechnung mit meiner Krankheit gedacht“, betont er.

Nur einige Kapitel streifen seine Krankheit und gehen auf sein Leben, das sich seitdem grundlegend verändert hat, ein.

Die insgesamt 50 kurzen Gedichte und satirischen Texte fangen bei Adam und Eva an (tatsächlich trägt das erste Gedicht diesen Namen), weiter geht’s mit den bitterbösen Zeilen „Der Ball ist rund“ und behandelt ironisch „Schönes Wetter“.

„Mein Bekannter – der pensionierte Journalist Jürgen Taake – hatte die Idee, dass ich meine oft verrückten Gedanken zu kurzen Satiren verarbeite. Taake hat meine 50 Schnapsideen dann in dem Buch ,Mein Rolli und ich’ zusammengefasst“, erzählt Norbert Neukamp.

Er liebe Schüttelreime und er liebe es, Menschen in verschiedenen Situationen oder besondere Begebenheiten zu beobachten, „dann notiere ich meine Gedanken auf einem Zettel oder ich flitze an meinen PC.“

Botschaft an Eltern

Merkwürdig – im Gespräch mit Norbert Neukamp schlägt keine Verbitterung durch, er hadert nicht mit seinem Schicksal, klagt nicht über Einschränkungen und Schmerzen, die ihm der Zeckenbiss vor 18 Jahren eingebrockt hat. „Was soll’s?“ – stöhnen bringt nichts“, sagt Norbert Neukamp unprätentiös. Und fügt hinzu: „Wichtig ist mir, dass meine Botschaft ankommt: Eltern, zieht euren Kindern, bevor sie raus ins Freie gehen, Strümpfe, lange Hosen und langärmlige Shirts. Nur das kann sie vor Zecken schützen.“

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